Stiftskreuz-Prozess
Aus Angst Falschaussage

Borghorst/Münster -

Weil er Angst hatte, traute sich der junge Mann nicht, seine bei der Polizei gemachte Aussage vor den drei Angeklagten zu wiederholen. Erst nachdem der Staatsanwalt ihn im Gerichtssaal vorläufig festnehmen ließ und ihm daraufhin sein Anwalt kurzfristig zur Hilfe eilte, bestätigte ein 25 Jahre alter Zeuge am gestrigen dritten Verhandlungstag im Prozess um den Diebstahl des Borghorster Stiftskreuzes, dass er auf einem der Fahndungsfotos seinen Cousin als mutmaßlichen Tätern erkannt habe. Was ihn hatte einschüchtern lassen, dazu äußerte sich der in Bad Salzuflen lebende vorbestrafte Zeuge nicht. Zwischen den beteiligten Bremer Familienclans geht es jedoch nicht immer ganz harmonisch zu, wie die lautstarken Reaktionen im und vor dem Gerichtssaal auch gestern erahnen ließen.

Donnerstag, 06.08.2015, 23:08 Uhr

Immer wieder erklärte er anfangs, dass seine Angaben bei der Polizei im November 2013 nicht richtig aufgenommen worden seien: „Das habe ich so nie gesagt.“ Er beschuldigte die Beamten, ihn unter Druck gesetzt und absichtlich Falsches notiert zu haben. Dass das Vernehmungsprotokoll seine Unterschrift trage, sei kein Indiz für die Glaubwürdigkeit: „Ich habe es mir nicht durchgelesen.“

Dem Vorsitzenden Richter der 9. Großen Strafkammer wurden die Geschichten des jungen Mannes irgendwann zu bunt: „Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie reden sich hier gerade um Kopf und Kragen.“ Doch selbst die Androhung einer Inhaftierung änderte erst einmal nichts.

Dem Vertreter der Staatsanwaltschaft riss dann der Geduldsfaden. Er ließ den 25-Jährigen in einer Sitzungsunterbrechung wegen des Verdachtes der falschen Verdächtigung gegen Polizeibeamte in Gewahrsam nehmen.

Nachdem ihm sein Anwalt wohl ins Gewissen geredet hatte, korrigierte der junge Mann anschließend seine Aussage. Er gab zu, seinen Cousin als einen der vermutlichen Stiftskreuzdiebe identifizieren zu können. Hinweise auf einen Verkauf des kostbaren Reliquiars an einen Juwelier in Essen konnte er nicht bejahen.

Und auch der frühere Vorwurf, er habe am Tattag den Fluchtwagen zur Nikomedes­kirche gefahren, scheint aus der Welt zu sein. Zumindest geht das Gericht zurzeit nicht davon aus, dass der Zeuge unmittelbar an dem Diebstahl beteiligt gewesen ist.

Von einem aktuellen Foto des Stiftskreuzes, das, wie am Ende des zweiten Prozesstages bekannt geworden war, angeblich im Umlauf sein soll, wusste gestern niemand etwas. Damit fehlt auch der Beweis, dass der Kunstschatz nicht zerstört worden ist.

Genaueres zum materiellen und ideellen Wert des Kreuzes wird es voraussichtlich am nächsten Verhandlungstermin (Mittwoch, 12. August) geben. Dann soll ein Sachverständiger aussagen.

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