Stiftskreuz-Prozess
Versichert für 7,75 Millionen Euro

Borghorst/Münster -

War es das echte Borghorster Stiftskreuz, das am 30. Oktober 2013 relativ leicht aus der Nikomedeskirche gestohlen wurde? Diese wohl eher strategische Frage stellte einer der drei Verteidiger der mutmaßlichen Diebe am vierten Verhandlungstag dem als Zeuge geladenen Experten Dr. Gerd Althoff.

Donnerstag, 13.08.2015, 10:08 Uhr

Der Professor für Mittelalterliche Geschichte war sich sicher: „Mir ist nicht bekannt, dass es eine Kopie gibt.“ Wenn eine solche gefertigt worden wäre, wüsste Althoff sehr wahrscheinlich darüber Bescheid. Bereits in den 1970er Jahren hat er über das Borghorster Damenstift promoviert. Teil seiner Dissertation war auch das Reliquiar, erklärte er vor der 9. Großen Strafkammer am Landgericht Münster .

Prof. Dr. Gerd Althoff

Prof. Dr. Gerd Althoff Foto: WWU

Das aus dem 11. Jahrhundert stammende Kreuz habe einen Holzkern und sei auf der Vorderseite mit einem dünnen Goldblech, auf der hinteren Seite mit vergoldetem Kupferblech verkleidet. Rein materiell betrachtet, so Althoff, sei das Kreuz verhältnismäßig wertlos. Daran änderten auch die als Verzierung eingesetzten Halbedelsteine nichts.

Für die Frömmigkeitsgeschichte der Christen, besonders für die Borghorster, habe das Kreuz hingegen eine „unglaubliche Bedeutung“. Zudem seien die Goldschmiedearbeiten „stilistisch auf höchstem Niveau“ ausgeführt worden. Die gestalterische Konzeption des Kunstwerkes sei sehr außergewöhnlich. Damit sei das Borghorster Stiftskreuz ein „Spitzenzeugnis seiner Zeit“, nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa, betonte der Wissenschaftler. Den ideellen Wert leitete Althoff aus den Versicherungssummen ab, die bei Ausstellungen gelten. Zuletzt waren es bei einer Präsentation in Münster 7,75 Millionen Euro. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters bestätigte der Experte, dass ein möglicher Käufer des Kreuzes schon ein paar Millionen Euro auf den Tisch legen müsste, um es zu bekommen.

Prozess um das gestohlene Borghorster Stiftskreuz

Die Pfarrgemeinde St. Nikomedes sei als Besitzerin in der Vergangenheit sehr großzügig mit der Ausleihe des Kreuzes gewesen, wusste der Experte aus seinen Kontakten nach Borghorst . Seit einigen Jahren jedoch werde das Reliquiar wieder verstärkt in die Liturgie der Gemeinde eingebunden. Althoff erinnerte sich an lebhafte Diskussionen in St. Nikomedes, ob das Stiftskreuz abseits aufbewahrt oder in der Kirche ausgestellt werden solle. Letztendlich habe man sich für eine Glasvitrine entschieden, aus der das Kreuz später entwendet wurde. Über die weiteren Sicherungsmaßnahmen sei er nicht informiert.

Stiftskreuz-Prozess

Zum Ende des Prozesstages beantragte einer der Anwälte, den Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufzuheben. Er begründete dies ausführlich mit dem Hinweis, dass nach den bisherigen Zeugenaussagen kein dringender Tatverdacht gegen den Angeklagten vorliege. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sah dies etwas anders und wies den Antrag zurück. Dass Zeugen sich nach über eineinhalb Jahren nicht mehr an alle Details erinnern könnten, sei normal. Das Gericht muss jetzt über die weitere U-Haft der Angeklagten entscheiden.

Der Prozess wird am 3. September (Donnerstag) um 9 Uhr fortgesetzt.

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