Neuer Sozialdezernent Tilman Fuchs
„Manchmal wie im Hamsterrad“

Kreis Steinfurt -

Was ist wünschenswert, was ist noch bezahlbar in unserem Sozialsystem? Sind die Flüchtlinge dort schon angekommen? Und wie kann man die überbordende Bürokratie reduzieren? Tilman Fuchs, neuer Sozialdezernent des Kreises Steinfurt gibt Antworten im Interview.

Dienstag, 17.05.2016, 16:05 Uhr

Tilman Fuchs ist seit Jahresanfang neuer Dezernent für Soziales, Schule, Kultur und Sport des Kreises Steinfurt. Auch das Jugendamt und das Jobcenter gehören zu seinem Dezernat.
Tilman Fuchs ist seit Jahresanfang neuer Dezernent für Soziales, Schule, Kultur und Sport des Kreises Steinfurt. Auch das Jugendamt und das Jobcenter gehören zu seinem Dezernat. Foto: Achim Giersberg

Mit dem neuen Sozialdezernenten des Kreis Steinfurt , Tilman Fuchs , sprach Kreiskorrespondent Achim Giersberg .

Sie verantworten knapp zwei Drittel des Kreishaushalts: Ist der Sozialdezernent damit der wichtigste Mann im Kreishaus?

Fuchs: (lacht) Wir verstehen uns als Mannschaft, aber ich glaube schon, dass es eine sehr zentrale Position ist, weniger des Budgets wegen als der Themen, die Zukunftsthemen sind, weil sie zentral das gemeinschaftliche Leben hier im Kreis betreffen.

Die Sozialgesetzgebung ist unglaublich kompliziert, es gibt 12 Sozialgesetzbücher. Hand aufs Herz: Blicken Sie bei allem schon durch?

Fuchs: Nein. Das wäre als Anspruch in der kurzen Zeit auch zu viel und auch auf Dauer wird es nicht so sein können, dass ich um jedes Detail weiß. Dafür gibt es in den Ämtern genügend Spezialisten. Aber natürlich ist es so, dass ich mich bei den zentralen Bereichen, also Jobcenter , Sozialhilfe oder Jugend besser auskenne als bei der Krankenhilfe z.B..

Was haben Sie sich für das erste Jahr vorgenommen?

Fuchs: Natürlich geht es erst einmal darum, reinzukommen. Bei dem großen und sehr breit aufgestellten Bereich ist ein wichtiges Ziel, dass es gut läuft und nicht zu größeren Schwierigkeiten kommt. Baustellen ergeben sich dann von alleine. Ein wichtiges Ziel für mich ist, die Bereiche mehr zu verzahnen. Wie können wir die Angebote so stricken, dass sie den Menschen nutzen?

Wie ist der Kostenanstieg im Sozialetat zu bremsen?

Fuchs: Sparsamer Ressourceneinsatz ist tatsächlich ein großes Thema. Wie können wir sorgfältig mit den Ressourcen umgehen und trotzdem den Bedarf der Bürger befriedigen? Da erlebe ich uns hier in der Kreisverwaltung, aber auch in den Kommunen, manchmal wie in einem Hamsterrad : Wir versuchen immer einzusparen, hinterfragen sehr genau, ob wir uns bestimmte Standards leisten können. Aber häufig werden über Ansprüche, die auf Bundesebene gesetzt werden, so viele Ressourcen beansprucht, dass unsere Sparanstrengungen gleich wieder aufgefressen werden. Ich glaube, auch wegen des demografischen Wandels, werden die Ressourcen für den Sozialbereich zwar ansteigen, aber wir müssen uns dennoch immer wieder fragen: was können wir uns eigentlich auf Dauer noch leisten? Da werden schwierige Diskussionen auf uns zukommen. Auf Dauer jedenfalls ist ein Kostenanstieg wie in der Vergangenheit über die kommunalen Haushalte nicht zu schultern.

Zugänge besser steuern – ist das auch ihr Kurs?

Fuchs: Zugangssteuerung durch die Verwaltung ist ein zentraler Bereich. Ich möchte das gerne mit den Kommunen und den Freien Trägern und Wohlfahrtsverbänden gemeinsam machen. Was können und wollen wir uns leisten? Was brauchen die Träger an Ausstattung? Und was kommt bei den Menschen an?

Alteingesessene Träger haben eine starke Stellung im System. Ist das ein Problem?

Fuchs: Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil des bewährten Systems ist, dass wir gesellschaftlich sehr breit aufgestellt sind. Nicht nur der Staat ist gefordert, sondern eben auch die Gesellschaft in Form der Freien Träger. Natürlich ist es so, dass Partnerschaften je länger und größer sie werden auch immer wieder hinterfragt werden müssen: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Das gilt aber für uns selber auch.

Sind die Flüchtlinge eigentlich schon im Sozialsystem angekommen?

Fuchs: Das ist unterschiedlich. Im Bereich Jugend und Schule sind sie schon da. Wo sie sich zahlenmäßig noch nicht so niederschlagen ist im Jobcenter. Das hat damit zu tun, dass Ansprüche nach dem SGB II sich erst ergeben, wenn das Asylverfahren positiv abgeschlossen ist.

Früher oder später aber wird die Arbeitslosenquote im SGB II hochschnellen?

Fuchs : Wir werden eine hohe Zahl von Anspruchsberechtigten haben. Das wird sich im Haushalt niederschlagen, vor allem bei den Kosten für die Unterkunft. Und jetzt schon zeigt sich, dass der Qualifizierungsbedarf weitaus höher sein wird, als das am Anfang dargestellt wurde. Fachkräfte sind nicht die große Masse der zu uns Kommenden; einige müssen erst einmal alphabetisiert werden. Das wird ein ganz großes Handlungsfeld und die Arbeit daran wird Jahre dauern.

Angenommen, Sie hätten einen Wunsch beim Sozialgesetzgeber frei, was würde der sein?

Fuchs: Was uns häufig Schwierigkeiten macht, ist, dass wir versuchen, Dinge ganz gerecht zu machen und damit einen Riesenaufwand an Verwaltung und Dokumentation produzieren. Das bindet sehr viel Personal. Mehr mit Pauschalen z.B. arbeiten zu können, das wäre so ein Wunsch, auch vor dem Hintergrund, dass wir 100prozentige Gerechtigkeit sowieso nicht hinkriegen. Ein anderer Wunsch wäre, sozialgesetzübergreifend arbeiten zu können; im Moment sind das noch sehr abgegrenzte Bereiche

Die Kompliziertheit der Materie bedingt ja auch, dass der Bürger sehr schwer nachvollziehen kann, was da eigentlich passiert. Kann es mehr Transparenz geben?

Fuchs : Transparenz ist notwendig, um immer wieder darzustellen, warum wir welche Ressourcen an welcher Stelle brauchen. Aber den anderen Ansatz finde ich viel wichtiger: den Menschen, die einen Anspruch haben, zu zeigen, wie sie ihre Ansprüche umsetzen können! Unsere Antragswege sind häufig sehr kompliziert, die richtigen Anlaufstellen nicht aufzufinden. Wir müssen die Zugänge erleichtern, für die, die es wirklich brauchen. Was wir haben, soll auch bei denen ankommen, die es brauchen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4011139?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F186%2F4852155%2F4852163%2F
„Es ist klar geworden, dass wir unser Ahndungsverhalten überdenken müssen“
Landrat entsetzt über Bilder aus Mastställen: „Es ist klar geworden, dass wir unser Ahndungsverhalten überdenken müssen“
Nachrichten-Ticker