Vor zehn Jahren: Kyrill fegt über Burgsteinfurt
Großes Glück im Unglück

Burgsteinfurt -

Vor zehn Jahren fegte Kyrill über das Münsterland. In Burgsteinfurt wurde das Dach der Bismarckschule von dem Sturm aus den Mauerankern gehoben. Viele Menschen erinnern sich noch genau an diesen Nachmittag.

Mittwoch, 18.01.2017, 05:01 Uhr

Die Bismarckschule ohne Dach. Heute vor zehn Jahren hob Sturmtief Kyrill die Konstruktion wie eine Saugglocke aus den Mauerankern und ließ sie auf den Vorplatz und die Bismarckstraße krachen. Schulleiter Lothar Paral machte sich am Tag nach dem Unglück von oben ein Bild von dem zerstörten Ort. Auf dem Wilhelmsplatz war eine große Kastanie umgeknickt.
Die Bismarckschule ohne Dach. Heute vor zehn Jahren hob Sturmtief Kyrill die Konstruktion wie eine Saugglocke aus den Mauerankern und ließ sie auf den Vorplatz und die Bismarckstraße krachen. Schulleiter Lothar Paral machte sich am Tag nach dem Unglück von oben ein Bild von dem zerstörten Ort. Auf dem Wilhelmsplatz war eine große Kastanie umgeknickt. Foto: Drunkenmölle

Es ist kurz nach 16 Uhr am 18. Januar 2007. Kyrill fegt mit Böen bis zu 200 km/h über weite Teile des Landes. Rektor Lothar Paral hat aufgrund der Sturmwarnungen fürs Münsterland seine Schüler nach der vierten Stunden längst nach Hause geschickt. Das Gebäude ist fast menschenleer. Nur ein Geschwisterpaar aus dem offenen Ganztag wartet in der Burgsteinfurter Bismarckschule mit Hausmeister Christian von der Lippe noch darauf, dass die Mutter die beiden Schwestern abholt. Der Wind lässt die Türen zum Schulhof klappern. Der Regen peitscht gegen die Fensterscheiben. Am Himmel braut sich richtig was zusammen. „Ein bisschen wie Weltuntergangsstimmung“, erinnert sich von der Lippe an diese unheimliche Atmosphäre.

Bernd Pohl , damals Chef der Steinfurter Feuerwehr, ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit Kameraden im Gewerbegebiet Sonnenschein im Unwettereinsatz. Dann kommt, was nach dem Einsturz des Daches der evangelischen Großen Kirche 1999 niemand ein zweites Mal für möglich gehalten hätte: Wiederum hebt ein Sturm ein Gebäudedach aus allen Angeln. Diesmal ist es die Bismarckschule. Kyrill macht kurzen Prozess. Wie von einer Saugglocke angezogen, hebt der Sturm die tonnenschwere Konstruktion in die Luft, als sei sie nur ein leichtes Kunststoffteil und lässt sie mit voller Wucht auf die Bismarckstraße und in die gegenüberliegenden Wohn- und Geschäftshäuser krachen. Weil Dämmwolle die Sicht aus den Fenster versperrt, kann von der Lippe zunächst das ganze Ausmaß des Unglücks gar nicht realisieren. Für ihn zählt in diesem Moment nur, dass die Mädchen in Sicherheit sind. Er wartet ab und hört, wie die Rettung naht.

Unverzüglich sind alle verfügbaren Einsatzkräfte vor Ort. Ihnen bietet sich ein Bild der Verwüstung. Schwere Balken, Dachlatten, Pfannen, Mauerreste und Isoliermaterial haben die Bismarckstraße unter sich begraben. Fieberhaft wird damit begonnen, mögliche Opfer unter den Trümmern und in den verschütteten Autos auf den Parkstreifen zu suchen. Schnell kommt die erleichternde Nachricht: Glück gehabt. Niemand ist verletzt. „Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt eigentlich immer reger Verkehr auf der Straße herrscht“, spricht nicht nur von der Lippe, sondern auch die Mutter, die ihre Kinder wohlbehalten wieder in die Arme schließen kann, von einem großen Schutzengel, der an diesem Nachmittag Schlimmeres verhindert hat.

Mehr als ein Dutzend Menschen werden obdachlos. Christian von der Lippe und Bernd Pohl erinnern sich noch genau an das Loch, das Trümmerteile in die Dachwohnung des Hauses gegenüber der Bismarckschule gerissen hat. In luftiger Höhe muss ein Mann auf seine Rettung warten. Die Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Stadtverwaltung sorgt unterdessen für weitere Hilfe. Bürger bieten spontan ihre Unterstützung an. Lothar Paral wird etwa eine Stunde nach dem Unglück informiert. „Ich konnte es nicht glauben“, erinnert sich der Schulleiter an den Moment. „Ich war heilfroh, dass niemandem etwas passiert ist.“

Noch am Abend beginnen die Aufräumarbeiten. Im Stadtgebiet halten sich die Schäden vergleichbar in Grenzen. Dächer sind abgedeckt, Fensterscheiben zerborsten. Im Bagno knicken unzählige Bäume wie Streichhölzer, auf dem Wilhelmplatz fällt eine alte Kastanie um. Wieder haben die Menschen Glück. Niemand kommt zu Schaden.

Die Bismarckschüler haben am nächsten Tag schulfrei. Nach dem Wochenende kann der Unterricht schon wieder provisorisch aufgenommen werden. Alle rücken zusammen. Die Schule wird ein neues Dach bekommen und in lebhafter Erinnerung behalten, wie das war, als Kyrill im Handstreich das Dach von der Schule fegte. 

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