Nationalität rückt bei der Arbeit in den Hintergrund
Gemeinsam für Integration

Steinfurt -

Der eine ist studierter Germanist, der andere will einmal Arzt werden - auf dem Denkmalpflege-Werkhof lernen Geflüchtete, sich in Deutschland zurecht zu finden.

Freitag, 18.08.2017, 16:08 Uhr

Sehen sich auf einem guten Weg: Sozialarbeiterin Claudia Hilbig-Wobbe, Mohamed Abdo, Rainer Brömmelhaus, Adrienne Lapointe (beide Denkmalpflege-Werkhof), Ali Ashtiani und Mustafa Tamim.
Sehen sich auf einem guten Weg: Sozialarbeiterin Claudia Hilbig-Wobbe, Mohamed Abdo, Rainer Brömmelhaus, Adrienne Lapointe (beide Denkmalpflege-Werkhof), Ali Ashtiani und Mustafa Tamim (v.l.). Foto: vera

Wenn es um die Integration geht, ist jemand wie Ali Ashtiani Gold wert. Der Iraner kam einst selbst als Flüchtling nach Deutschland. Heute hilft er als einer von fünf Anleitern beim Denkmalpflege-Werkhof anderen Geflüchteten, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. 40 Arbeitsplätze im Rahmen der Arbeitsgelegenheit (AGH) gibt es auf dem Hof des gemeinnützigen Vereins in Hollich. Neben Langzeitarbeitslosen sind auch fünf Flüchtlinge beschäftigt, ein Afghane, ein Iraker, zwei Syrer und ein Eritreer. Für sie ist Ashtiani Ansprechpartner Nummer eins.

Denn er spricht neben Deutsch auch Englisch und Farsi, kann sich zudem auf Arabisch verständigen. Das erleichtert natürlich die Kommunikation. Ashtianis persönliche Geschichte hilft ihm außerdem, sich besser in die Situation der Neuankommenden zu versetzen: „Ich weiß, wie viele Schwierigkeiten es gibt.“ Viele der Geflüchteten seien zunächst wie Statuen, man müsse erst mal die Herzen öffnen, verstehen, was für einen Weg sie hinter sich haben.

So wie bei Mustafa Tamim . Sein Weg führte ihn vor einem Jahr und acht Monaten aus Damaskus nach Deutschland. In der syrischen Hauptstadt absolvierte Tamim ein Germanistik-Studium, der Grund, warum er nicht wie der Rest seiner Familie vor dem Krieg nach Schweden flüchtete. In Berlin und Emsdetten arbeitete er als Übersetzer. Nun also der Denkmalpflege-Werkhof. Der ist auch für Mohamed Abdo zur Arbeitsstätte geworden. Im syrischen Aleppo hat Abdo sein Abitur gemacht, zu Fuß floh er anschließend über die Balkanroute nach Deutschland. Eine zerrissene Familie kennt auch Abdo, sein Vater und seine große Schwester leben in Hamburg, der Rest der Familie ist noch in Griechenland.

Für beide, wie auch die anderen, stehen an vier Tagen bis zu 25 Wochenstunden auf dem Arbeitsplan. Historische Baumaterialien von Fliesen über Mauerklinker bis hin zu Fensterbänken werden ausgebaut und aufbereitet, auch in der Apfelverwertung ist der Hof äußerst aktiv. Manchmal müssen Nägel aus alten Holzbrettern geschlagen oder Kisten zusammengebaut werden.

Es sind keine Aufgaben, die geeignet sind für eine Qualifizierung. Mustafa Tamim und Mohamed Abdo sind dennoch dankbar für die Beschäftigung. Sprachlich kann sogar Tamim auf dem Hof noch etwas lernen. Die Fachbegriffe bei der Arbeit, aber auch etwas über die Art zu Leben in Deutschland bringt Ali Ashtiani den Geflüchteten bei.

Welche Nationalität die Mitarbeiter haben, rücke bei der Arbeit in den Hintergrund. Skepsis oder Neid kämen bei den Langzeitarbeitslosen nicht auf, alles laufe reibungslos. Ashtiani: „Wir arbeiten Hand in Hand und sind alle gleichwertig. Wir sind alle Kollegen.“

Auf dem Hof wird allen die bestmögliche Unterstützung angeboten, um nach der AGH-Maßnahme einen Job zu finden. Die Langzeitarbeitslosen erhalten ein Bewerbungstraining, es wird auch eine Schuldner- und Suchtberatung angeboten. Von den 40 Plätzen sollen bald acht von Flüchtlingen belegt werden. „Das ist ,Learning by doing‘ bei uns. Die Flüchtlinge werden eingearbeitet und gefestigt und können dann auf dem Arbeitsmarkt tätig werden“, sagt Geschäftsführer Rainer Brömmelhaus.

Die Zeit auf dem Hof ist begrenzt. Tamim will anschließend weiter studieren. Sein Germanistik-Abschluss wurde anerkannt, einen Vorbereitungskurs muss er noch bestehen, dann kann er an der Universität in Münster weiter studieren.

Auch Mohamed Abdo strebt eine Hochschulausbildung an. Das Sprachniveau B1 hat er bereits erreicht, B2 und C1 müssen noch absolviert werden, bevor er ein Studium in Deutschland beginnen kann. Sein Ziel ist es, Arzt zu werden. Um das zu erreichen, zeigen die Mitarbeiter auf dem Werkhof ihm Wege auf.

„Er kann zum Beispiel vorher eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen“, sagt Sozialarbeiterin Claudia Hilbig-Wobbe. Mustafa Tamim soll die Möglichkeit eröffnet werden, an der Volkshochschule zu unterrichten, um schon mal in den Lehrerberuf reinschnuppern zu können. „Die Arbeit auf dem Hof ist eine Chance, keine Pflicht“, stellt Adrienne Lapointe klar. Tamim weiß die Zeit zu schätzen: „Es ist es schön, nicht nur nehmen, sondern auch geben zu können.“

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