Serie „Angepackt“
Schmirgeln, sägen, polieren

Burgsteinfurt -

Egal ob Privatmöbel nach Maß, Yachtinnenausbau oder allerlei Praktisches fürs Alexianer-Krankenhaus in Münster: Jeden Tag warten auf das Tischlerteam SLS andere Herausforderungen. Heute bin das wohl ich, als „Angepackt“-Aushilfe mit zwei linken Händen und einer Möbelmach-Vorerfahrung von genau drei Ikea-Regalen.

Montag, 21.08.2017, 04:08 Uhr

Ran an die Poliermaschine:  Noch etwas vorsichtig schreitet WN-Reporterin Theresa Gerks zur Tat. Der Kunde wünscht sich sein Sideboard in Hochglanz.
Ran an die Poliermaschine:  Noch etwas vorsichtig schreitet WN-Reporterin Theresa Gerks zur Tat. Der Kunde wünscht sich sein Sideboard in Hochglanz. Foto: Ralph Schippers

Hier in der Tischler-Werkstatt laufen große Räume mit hohen Decken hallenartig ineinander über, überall stehen riesige Geräte und Maschinen – die für mich teuer, kompliziert und wegen der Rundmesser und Sägen auch ein wenig gefährlich aussehen. Dazwischen Unmengen an Platten aus unterschiedlich dickem Holz, Tische auf Rollen, Werkzeuge, hier und da Sägespäne. Ein Mini-Kran hängt von der Decke. Irgendwo dudelt ein Radio. Noch ist es ruhig bei den Tischlern, die vor sechs Jahren ihren Betrieb im alten Schlachthof am Blocktor gestartet haben. Das ändert sich aber, als sie an diesem Morgen loslegen mit Sägen, Zurechtschneiden, Schmirgeln und Polieren. Kopfhörer und Oropax gehören zum Arbeitsalltag mit dazu. Und ich merke schnell: Die Jungs hier sind Profis.

„Du baust heute einen Badezimmerschrank“, sagt Gerd Lind­strot , einer der drei Geschäftsführer neben Jürgen Smitz und Bernd Schnieder. Meint er mich? Wenn das stimmt und klappt, muss ich mir eine neue Antwort auf „Was ist Ihre größte Schwäche?“ in Vorstellungsgesprächen ausdenken.

Wir starten an der CNC-Maschine, die Holz bearbeitet und fräst. Lindstrot hat die Dekorspanplatten für die einzelnen Bauteile mit weißer und ahornfarbener Oberfläche schon seinem Entwurf nach zugeschnitten. „Ich sage der Maschine, welches Werkzeug sie nehmen soll, wo sie damit entlangfährt und ob sie beispielsweise Löcher bohren soll“, erklärt mir der Tischlermeister, während er am Computer programmiert. „Zum Beispiel die Löcher an der Schrankrückseite, die werden Nuten genannt.“ Mein Job ist es, die Maschine auf die Größe des jeweiligen Bauteils einzustellen. Das geht mit aufgereihten Halterungen, die die einzelnen Platten ansaugen, damit beim Fräsen alles schön fest sitzt. Ich schraube die Halter zurecht und hieve die Bauteile in die Maschine. Dann gibt Lindstrot das Go zum Fräsen. Schnell sind wir eingespielt, die Maschine flitzt über die Bauteile, die Sägespäne fliegen.

In der Frühstückspause geht es auch mal um private Themen, das siebenköpfige Team kennt sich gut. Ich lerne Adnan Kashkul kennen, der seit Anfang August hier Auszubildender ist und vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland flüchtete. „Es macht mir hier sehr großen Spaß“, erzählt er. „Anfang des Jahres habe ich schon ein Praktikum hier gemacht, dann war ich auf den Technischen Schulen.“ Vorher ist er in München gewesen, bis er über Kontakte seines Vaters nach Steinfurt kam.

Zurück bei den Badezimmerschrank-Bauteilen geht es jetzt um die passenden Kanten. Die werden den Dekorspanplatten angeleimt. „Damit stimmt die Optik und die Möbel sind gleichzeitig widerstandfähiger“, erklärt mir Geselle Timo Borgmann . „Gerade die Kanten können ja schnell Kratzer oder Macken abbekommen.“ Das machen wir am Kantenanleimer, einer fließbandartigen Maschine, bei der man eine aufgerollte Kante wie einen alten Kinofilm einlegen muss. Beim „Abspielen“ wird die Kante dann an das Bauteil geleimt. Kanten gibt es in so vielen unterschiedlichen Dekoren und Breiten, dass auch Borgmann manchmal kurz nach dem richtigen Exemplar suchen muss.

Und dann ist Feingefühl gefragt. Borgmann kommt mit einer handlichen Maschine an, um die ich unter normalen Umständen einen großen Bogen gemacht hätte. Denn unter ihr dreht sich in hoher Geschwindigkeit ein scharfes, geschwungenes Messer. Das ist ein Oberfräser, erklärt er mir. Damit runden wir die Kanten ab. Ich säge natürlich ungeschickt etwas von der Kante ab, die ich eigentlich nicht abrunden sollte. „Sieht keiner, das ist der Boden“, sagt Borgmann grinsend. Danach nehme ich noch den allerletzten Feinschliff mit einem Stecheisen – quasi ein sehr scharfer Spatel, der keine Macken macht –, einer großen Feile und Schmirgelpapier vor. Das klappt prima.

Bis zum Leimen kommen wir heute leider nicht mehr, denn mein Mini-Praktikum ist um Mittag schon vorbei. Schade, Spaß gehabt hat‘s auf jeden Fall! Hoffentlich habe ich die Tage die Gelegenheit, vorbeizuradeln und den fertigen Schrank zu begutachten. „Das ist das Tolle an unserem Job: Du siehst jeden Abend ein Ergebnis“, findet Lindstrot.

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