Fast vergessen im Untergrund
Der Bach unterm Boden

Borghorst -

Lebensader, Kloake, Zankapfel: Der Klünderbach hat eine bewegte Geschichte.

Mittwoch, 15.11.2017, 17:11 Uhr

Auf den übereinander gelegten Karten von 1896 und heute wird der Verlauf des Klünderbachs deutlich. Er endete aber schon damals unterhalb des Gebäudes, in dem heute das Heinrich-Neuy-Bauhaus-Museum untergebracht ist. Die gestrichelte Linie zeigt den ungefähren Verlauf in noch früheren Zeiten.
Auf den übereinander gelegten Karten von 1896 und heute wird der Verlauf des Klünderbachs deutlich. Er endete aber schon damals unterhalb des Gebäudes, in dem heute das Heinrich-Neuy-Bauhaus-Museum untergebracht ist. Die gestrichelte Linie zeigt den ungefähren Verlauf in noch früheren Zeiten. Foto: Bernd Schäfer

Wer drauf achtet, erkennt es auch heute noch bestens: Das Bett des Klünderbachs. Zum Beispiel wenn man die Emsdettener Straße vom Rathaus aus Richtung Innenstadt hinunter fährt. Genau: hinunter. An der tiefsten Stelle, da, wo Schulstraße und Patriotenweg kreuzen, floss der Bach einst entlang. Und auch da, wo das ehemalige Kock-Verwaltungsgebäude auf seinen Abriss wartet, zog der Klünderbach seine nassen Bahnen.

Der kleine Park zwischen Schulstraße und Arnold-Kock-Brunnen liegt mitten im ehemaligen Bachbett.

Der kleine Park zwischen Schulstraße und Arnold-Kock-Brunnen liegt mitten im ehemaligen Bachbett. Foto: Bernd Schäfer

Jahrhundertelang galt er laut Heimatforscher Hans Jürgen Warnecke als Lebensader Borghorsts. Ohne eigentliche Quelle habe er sich aus Rinnsalen im „Dörper Feld“ gebildet, auf das in Dumte heute noch Straßennamen wie Dörper Feldweg, Up‘n Felden, Feldstraße oder Auf dem Feldkamp hinwiesen. Von dort aus floss der Bach parallel zur Dumter Straße Richtung Innenstadt, wo er etwa in Höhe Poststraße und Wissing-Parkplatz verlief und von dort entlang der Kirche durch das ehemalige Kock-Gelände Kurs auf den Ortsausgang nahm.

Eine Art späte Rache

Während er in der Innenstadt schon früh als Teil der Kanalisation unter der Erde verschwand, war er im Bereich zwischen den Wohngebieten Hohe Wiese und Am Klünderbach noch lange oberirdisch zu sehen. „Wir haben als Kinder noch dort gespielt“, erinnert sich zum Beispiel Franz-Josef Schönebeck. Mittlerweile ist der Bachlauf noch weiter an den Stadtrand verdrängt, erst nahe dem Hof Schulze-Düding tritt er heute ans Tageslicht.

Zwischen Feldern fließt er am Hof Floer vorbei durch Ostendorf Richtung Emsdetten, wo er schließlich in den Mühlenbach mündet.

Im Bereich Ostendorf ist der Bach auch heute noch zu sehen – und ist zum Glück nicht mehr so giftig wie vor 130 Jahren.

Im Bereich Ostendorf ist der Bach auch heute noch zu sehen – und ist zum Glück nicht mehr so giftig wie vor 130 Jahren. Foto: Bernd Schäfer

Obwohl von dem Bach schon vor über 100 Jahren in der Ortsmitte nichts mehr zu sehen war, bereitete sein Bett noch Probleme: „Als in meiner Jugend die Häuser hier gebaut wurden, mussten extra tiefe Fundamente gesetzt werden“, erinnert sich zum Beispiel Gottfried Huesmann noch gut an den Bau seines Hauses in der Emsdettener Straße. Für eine Backstube, die zwischen Emsdettener Straße und Patriotenweg gebaut wurde, mussten sogar extra Pfähle in den Boden gerammt werden, weil der Untergrund zu schwammig war – eine Art späte Rache des so stark gestutzten Bachlaufs.

Von der Mauritiusstraße aus ist noch gut der tiefe Einschnitt ins Gelände zu erkennen, den der Bach hinterlassen hat.

Von der Mauritiusstraße aus ist noch gut der tiefe Einschnitt ins Gelände zu erkennen, den der Bach hinterlassen hat. Foto: Bernd Schäfer

Auch im wahrscheinlich ersten Umweltskandal Borghorsts stand der Klünderbach im Mittelpunkt: Die damalige Färberei Tenbaum und die Borghorster Warps Spinnerei leiteten ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Färberei- und Gasometer-Abwässer in den Bach – worauf auf den Wiesen der Umgebung das Vieh krank wurde. „Kühe, die aus dem Bache trinken, erhalten kleine Geschwüre an den Zitzen und bilden auf deren Milch blaue, grüne und gelbe Flecken“, beschwerten sich Ludger Schulze Düding und Bernhard Floer im Jahr 1866 beim Burgsteinfurter Landratsamt.

Die Klage zog sich über Jahre hin – schon damals stand die Sicherung von Arbeitsplätzen manchmal über dem Naturschutz.

Dickflüssige Brühe

Dass der Klünderbach nach dem Abriss der Kock-Gebäude – wie schon einmal angedacht – wieder an die Oberfläche zurückgeholt wird, ist leider eher unwahrscheinlich: Es ist wohl zu kostspielig, den seit vielen Jahrzehnten im Untergrund verschwundenen Wasserlauf wieder sprudeln zu lassen. Und vielleicht wäre das seiner Geschichte auch gar nicht angemessen – wirklich gesprudelt hat er seit Jahrhunderten nicht: Der Name „Klünder“ beschreibt laut Heimatfroscher Warnecke eine dickflüssige Brühe, in der Schmutz, Abfall und Unrat treiben. Das braucht auch kein Mensch.

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