Viele Schüler fühlen sich nicht richtig vorbereitet
Lehrplan fürs Leben?

„Steuererklärung? Keine Ahnung, aber ich kann ein Gedicht von Shakespeare analysieren.“ So oder so ähnlich fühlen sich viele Schüler, die nach zehn oder zwölf Jahren Schule in die große, weite Welt entlassen werden. Trotz pq-Formel, Gedichtsanalysen und dem Wissen, dass Mitochondrien das Kraftwerk der Zelle sind, stehen viele nach ihrer Schullaufbahn ohne Wissen über das eigentliche Leben da.

Donnerstag, 01.02.2018, 15:02 Uhr

Vorbereiten auf das Leben. Viele Schulen haben sich das auf die Flagge geschrieben. Trotzdem fühlen sich viele Schüler nicht sicher für die weiteren Stationen. Doch gibt es viele Angebote, die selber mitgestaltet werden können.
Vorbereiten auf das Leben. Viele Schulen haben sich das auf die Flagge geschrieben. Trotzdem fühlen sich viele Schüler nicht sicher für die weiteren Stationen. Doch gibt es viele Angebote, die selber mitgestaltet werden können. Foto: JHG

Das bestätigt auch die Studie „Generation What?“, welche vom BRD, SWR und dem ZDF unterstützt wird. Rund 71 Prozent der Schüler fühlen sich nicht richtig auf das Leben vorbereitet. Man lernt zwar viel über E-Funktionen, Textanalysen und das bohrsche Atommodell. Wie man eine Steuererklärung schreibt oder wie man die passende Versicherung für sich wählt lernt man in der Schule nicht.

Daran Schuld sind selbstverständlich nicht die Lehrer. Viel mehr ist es der Lehrplan und das Bildungssystem.

Viele Schüler wünschen sich deshalb ein Schulfach, welches solche Themen behandelt. So auch die 19-Jährige Schülerin Verena Bröker : „Es wäre sehr praktisch, wenn man circa ein Jahr vor dem Abitur fiktive Vorstellungsgespräche mit den Lehrern proben würde.“ Eventuell würde es sogar reichen, nur ein Halbjahr ein solches Fach einzuführen. So könnten die wichtigsten Themenbereiche durchgenommen werden und die Schüler würden besser auf das Leben vorbereitet. Auch die 18-jährige Schülerin Linda Schwarze-Blanke stimmt dem zu: „Ich hätte ein solches Schulfach gut gefunden. Ein paar Schulstunden, in denen man erklärt bekommt, welche Versicherungen man braucht oder was ich im Allgemeinen zu beachten habe, wenn ich alleine wohne, wären hilfreich gewesen.“

Schon 2015 hat der Twitter-Post einer 17-jährigen Schülerin enorm viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie schrieb: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Sie erntete dafür enorm viel Zuspruch von Schülerinnen und Schülern, die sich ähnlich fühlten.

Natürlich sind auch diese Themen wichtig und mehrere Sprachen zu beherrschen, ist definitiv sehr praktisch.

Doch es gibt ohnehin zahlreiche Wahlfächer an Schulen. Stellt sich die Frage, warum ein solcher Kurs nicht angeboten wird, wenn es den Schülerinnen und Schülern so sehr helfen würde.

Michael Groll , Schulleiter der Realschule am Buchenberg in Steinfurt, macht zum Teil das Schulsystem dafür verantwortlich: „Unser System zielt extrem auf Abschlüsse und Leistung ab. Deswegen werden die Lektionen fürs Leben, die wir vermitteln, den Schülern nicht sofort klar. Sie denken eher an die nächste Klausur. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Möglichkeiten in Form von AGs oder auch teilweise im Fachunterricht, die Schüler auf das richtige Leben vorbereiten. Es werden regelmäßig Experten in den Unterricht eingeladen um über Versicherungen oder Bewerbungen zu sprechen.“

Neben fachlichen Inhalten soll die Schule laut dem Schulleiter auch die persönliche Entwicklung fördern. Doch gerade im Hinblick auf den Abschluss falle den Schülern nicht auf, wie verantwortungsvoll und vorbereitet auf den beruflichen Alltag sie vielleicht sind. Durch Projekte wie das „Planspiel: Börse“ und Berufsorientierungen versuchen viele Schulen, Schüler mit dem Ernst des Lebens vertrauter zu machen.

Aber das muss nicht heißen, dass die Schüler sich alles selber beibringen müssen. Die Lehrer sollen sie an die Hand nehmen und darauf vorbereiten. Nur verschwinden aufgrund des Leistungsdrucks oft wichtige Inhalte tief im Hinterkopf und werden erst viel später wieder wachgerüttelt. Michael Groll betont: „Die Schüler haben die Möglichkeit, die eigene Entwicklung mitzugestalten. Wenn es genug Interesse gibt, kann beispielsweise eine AG für genau solche Inhalte gegründet werden. Der Auftrag der Lehrer ist es, nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu erziehen, auf das spätere Leben vorzubereiten. Das versuchen wir so gut es geht. Auch wenn viele Abgänger vielleicht nicht direkt dieses Gefühl haben, so werden die meisten es aber früher oder später noch herausfinden, was ihnen die Schule alles auf den Weg gegeben hat.“

Franzis Lammerding &

Max Roll

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