Ehemaliger Richter Hermann Albers beim „Ortstermin“ in der Westfalenschänke
Ein Leben für die Juristerei

Burgsteinfurt -

Er war viele Jahre lang der „Mann mit dem Koffer“, der sich jeden Morgen zur gleichen Zeit auf den Weg zum Bahnhof machte. Dort nahm er den Zug, um seinen Arbeitsplatz, das Verwaltungsgericht Münster, aufzusuchen.

Sonntag, 20.01.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 21.01.2019, 14:56 Uhr
Für den „Ortstermin“ öffnete Hermann Albers seine sagenumwobene Aktentasche.
Für den „Ortstermin“ öffnete Hermann Albers seine sagenumwobene Aktentasche. Foto: nix

Er war viele Jahre lang der „Mann mit dem Koffer“, der sich jeden Morgen zur gleichen Zeit auf den Weg zum Bahnhof machte. Dort nahm er den Zug, um seinen Arbeitsplatz, das Verwaltungsgericht Münster, aufzusuchen. Hermann Albers stammt aus einer alteingesessenen Steinfurter Familie, war ehemals Richter und am Donnerstag Gast der Veranstaltungsreihe „Ortstermin“ des Kultur Forums in Kooperation mit der Werbegemeinschaft. Zahlreiche Freunde des Formats mit dem diesjährigen Titel „Stadtbekannt“ trafen sich in der Westfalenschänke, wo Dr. Peter Krevert, Abteilungsleiter der VHS, sie begrüßte.

Zunächst lüftete Albers das Geheimnis um seinen Koffer. Was war denn eigentlich drin? Demonstrativ brachte er ihn mit und zog einen Schirm, den „Schönfelder“ mit Gesetzestexten, und eine Flasche Mineralwasser heraus. Alles Utensilien, die ihm das tägliche Arbeitsleben ein wenig erleichterten. Der Apfel für den Obst-Snack zwischendurch fehlte auch nicht. Manchmal nahm er sogar Arbeit mit nach Hause.

Albers blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das ihn durch mehrere Gerichts- Kammern führte. Dort ging es dann um unzählige Bereiche, vom Erschließungsbeitragsrecht über Gesundheitsrecht und Postrecht bis hin zum Wahl-, Polizeiordnungs-, Jagd- und Asylrecht.

Manches war eher trockene Materie, oft wurde es aber auch sehr spannend und teilweise auch mal ein wenig skurril. So zum Beispiel bei einem Streit um den korrekten Einsatz von „Kipphasen“ bei der Jagdprüfung.

Albers war in spektakulären Fällen wie dem „Kälbermastskandal“ von 1988 aktiv. 4200 Kälber wurden beschlagnahmt, denn sie waren mit nicht zulässigen Mastbeschleunigern behandelt worden und sollten getötet werden. Die besondere Herausforderung für Albers und seine Kollegen bestand nicht etwa in der Beurteilung der Materie, sondern im Kampf mit der Kommunikationstechnik: Eile war geboten, doch zur Übermittlung wichtiger Daten ließ die Ausstattung des Gerichts noch zu Wünschen übrig. Ein Faxgerät gab es dort nicht, die Telefone hatten keinen Außenlautsprecher zum Mithören und die Telefonzentrale war nach 16 Uhr nicht mehr besetzt. Retter in der Not waren Polizeibeamte, die alle notwendigen Unterlagen mit einem Fahrzeug zum Gericht transferierten.

Asylrecht war immer schon ein besonders wichtiges Rechtsgebiet. „Ich habe mal die Zahlen recherchiert“, sagte Albers. „Was die Eingangsjahre 2016 und 2017 angeht, machen Asylrechtsverfahren am Verwaltungsgericht bis zu 80 Prozent der Fälle aus. 2015 kamen bekanntlich eine Million Asylbewerber nach Deutschland, was juristisch erst einmal aufgearbeitet werden musste. Für das Personal eine große Herausforderung. „Hier muss man das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Schutz nehmen“, betonte der Richter. Die oft formulierte Schelte der „Unfähigkeit“ sei in dieser Weise nicht gerechtfertigt. In der Anfangszeit waren maximal um 580 „Entscheider“ damit beschäftigt, die Asylbewerber zu interviewen und Bescheide zu fertigen. So etwas dauert jeweils mehrere Stunden. Mittlerweile wurde die Zahl der „Entscheider“ auf 2000 erhöht. „Dann weiß man woran es gemangelt hat“, so Albers.

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