Krebsforschung an der Fachhochschule
Effektiver bestrahlen

Steinfurt -

Aus Anlass des Weltkrebstags spricht Prof. Dr. Thomas Jüstel über die Forschungen im Fachbereich Chemie-Ingenieurwesen.

Sonntag, 03.02.2019, 11:50 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 11:52 Uhr
Prof. Dr. Thomas Jüstel forscht am Fachbereich Chemie-Ingenieurwesen an einem neuartigen Ansatz, um den Krebs durch die Strahlentherapie zu bekämpfen.
Prof. Dr. Thomas Jüstel forscht am Fachbereich Chemie-Ingenieurwesen an einem neuartigen Ansatz, um den Krebs durch die Strahlentherapie zu bekämpfen. Foto: FH/Robert Rieger

Rund 500 000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs – eine Zahl, die mit dem Weltkrebstag am 4. Februar wieder stärker in den Fokus rückt. Welche technologischen Entwicklungen es im Kampf gegen die tückische Krankheit gibt, war Thema des HealthTech World Cancer Days. Bei der Veranstaltung der Gesellschaft für Bioanalytik Münster und Annika Thomas vom Innovationslabor Münsterland im Rahmen des EU-Projektes NOBEL berichteten Ärzte und Wissenschaftler aus ihrer Forschung. Mit dabei war auch Prof. Dr. Thomas Jüstel vom Fachhochschul-Fachbereich Chemie-Ingenieurwesen. Welchen neuartigen Ansatz er mit seinem Team verfolgt, davon erzählt er im Interview.

Herr Prof. Jüstel, was genau ist die Idee?

Jüstel: Wir entwickeln winzige Nanopartikel, die in den menschlichen Körper eingeschleust werden sollen. Auf diese Partikel wirkt von außen Röntgenstrahlung ein, die dadurch UV-C Strahlung abgeben – und sie greift das Erbgut der umliegenden Krebszellen an. In der Theorie klingt das sehr einfach, praktisch ist es das aber ganz und gar nicht.

Warum nicht? Welche Herausforderungen gibt es?

Jüstel: Das Problem sind die Partikel im menschlichen Körper. Ob sie beim Einschleusen in den Körper auch wirklich an der richtigen Stelle landen, ist abhängig von ihrer Größe und Oberfläche. Sind die Partikel zu groß, passen sie nicht durch die Blutbahn. Haben sie die falschen Oberflächeneigenschaften, erkennt der Körper sie als fremd und stößt sie ab. Außerdem gilt: Je winziger sie sind, desto toxischer können sie wirken. Das müssen sie auch, aber eben nur in Kombination mit Röntgenstrahlung. Es war also wichtig das richtige Maß zu finden – und das hat meine Doktorandin Sara Espinoza geschafft. Nach dutzenden Versuchen ist es ihr gelungen, Partikel aus dem richtigen Material herzustellen mit der passenden Synthesemethode. Das war die reinste Sisyphusarbeit.

Was unterscheidet diesen Ansatz von anderen?

Jüstel: Mit unserem Ansatz könnten herkömmliche Strahlentherapien sehr viel zielgerichteter und effektiver sein – und das mit geringerer Strahlendosis und somit weniger Nebenwirkungen. Denn das menschliche Gewebe absorbiert UV-C Strahlung sehr effizient. Deshalb werden nur die Krebszellen rings um die Partikel bestrahlt, die Therapie wäre also sehr punktuell. Die Radioonkologie ist der Medizinbereich, dessen Therapieformen bei mehr als 50 Prozent aller Krebserkrankungen zum Einsatz kommen. Wenn sie noch besser werden kann, wäre das ein Riesenschritt.

Wie geht es nun weiter?

Jüstel: Versuche mit Krebszellen aus der Haut wurden schon gemacht. Jetzt folgen klinische Tests mit anderen Zellen. Das übernimmt die Harvard Medical School in Boston, mit der wir seit Ende 2016 zusammenarbeiten. Die Kollegen sind auf uns aufmerksam geworden, weil wir 2004 mit Philips ein Patent zu dieser Idee angemeldet haben. Dr. Martin Purschke hat uns kontaktiert, und seitdem arbeiten wir zusammen.

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