Campus-Dialoge zum Thema Kunststoffmüll
Hoffnungsvolle „Steinfurter Lösung“

Steinfurt -

Die Steinfurter Campus-Dialoge griffen am Mittwoch ein höchst aktuelles und immer drängender werdendes Problem auf: Plastikmüll im Meerwasser. Die Referenten Prof. Dr. Thomas Jüstel und Max-Fabian Volhard zeigten indes nicht nur die – erschreckenden – Dimensionen der Kunststoffvermüllung und ihre Folgen für die Weltmeere auf. Beide stellten auch einen wissenschaftlichen Ansatz vor, der entscheidend dazu beitragen könnte, das Problem zumindest mittelfristig zu lösen.

Donnerstag, 11.04.2019, 14:10 Uhr aktualisiert: 11.04.2019, 16:50 Uhr
Plastikmüll in den Meeren, auf dem Foto sind Kunststofftüten auf einem Strand an der Ostsee zu sehen, wird zum zunehmenden Problem: Prof. Dr. Thomas Jüstel und sein Doktorand Max Volhard stellten bei den Campus-Dialogen einen Lösungsansatz vor.
Plastikmüll in den Meeren, auf dem Foto sind Kunststofftüten auf einem Strand an der Ostsee zu sehen, wird zum zunehmenden Problem: Prof. Dr. Thomas Jüstel und sein Doktorand Max Volhard stellten bei den Campus-Dialogen einen Lösungsansatz vor. Foto: FH/dpa

Wussten Sie, dass eine Einwegwindel rund 450 Jahre braucht, um von der Natur abgebaut zu werden? Eine Anglerschnur gar 650 Jahre? Da scheint die gewöhnliche Plastiktüte mit zehn bis 20 Jahren geradezu harmlos, wird aber durch ihre schiere Masse ebenfalls zur Gefahr. Fakten, die die Zuhörer der Steinfurter Campus-Dialoge am Mittwoch bei einem Vortrag zur Kenntnis nahmen. Sie thematisierten ein höchst aktuelles und immer drängender werdendes Problem: Plastikmüll im Meerwasser.

Die Referenten Prof. Dr. Thomas Jüstel und sein Doktorand Max-Fabian Volhard zeigten indes nicht nur die – erschreckenden – Dimensionen der Kunststoffvermüllung und ihre Folgen für die Weltmeere auf. Sie brachten ihrem rund 100 Köpfe zählenden Publikum auch einen wissenschaftlichen Ansatz näher, der entscheidend dazu beitragen könnte, das Problem zumindest mittelfristig zu lösen: Den Plastik-Abbau mittels eines chemischen Prozesses unter Mithilfe von Sonnenlicht. „Es ist zunächst nur eine Idee“, so Jüstel, der Dekan des Fachbereichs Chemieingenieurwesen am Campus Steinfurt ist.

Jüstel gab zunächst Einblicke in die Dimension des Problems Meeresverschmutzung durch Plastik. Geschätzt treiben demnach aktuell rund 150 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in den Weltmeeren – bei weiter steigender Produktion der Industrie. Durch mechanische Einwirkungen werden Plastikteile zu Mikroplastik. Dies sei so klein, dass das menschliche Auge es nicht mehr erkennen kann, so Jüstel. „Die Teilchen sind überall, aber wir sehen sie nicht.“ Das Gefährliche: Sie gelangen in die Nahrungskette, richten aber nicht nur bei Meeressäugern, sondern schon bei Mikroorganismen großen Schaden an.

Überraschend für viele der Zuhörer: Mikroplastik stammt zu einem Drittel aus dem Straßenverkehr. „Es handelt sich um Abrieb von Reifen und Bremsen“, klärte Jüstel auf. Ein weiteres Viertel sei Faserabrieb, wie er zum Beispiel beim Waschen von Textilien mit Kunstfasern entsteht.

Das ungehemmte Wachstum der Plastikflut ziehe ein riesiges Müllproblem nach sich. Handlungsbedarf sei dringend gegeben, ein nachhaltigerer Umgang mit Kunststoff geboten. Den EU-Ansatz, Trinkhalme und Plastikgeschirr zu verbieten, bezeichnete Jüstel angesichts der hohen Anteils von Verpackungen und Flaschen am Plastikmüll als völlig unzureichend. Weitere Verbote und Anreize müssten auf den Weg gebracht, die Recyclingquote erhöht werden.

Projekten wie „The Ocean Cleanup“ oder „One Earth one Ocean“, bei denen vorhandener Plastikmüll mechanisch per „Abfischen“ aus den Weltmeeren geholt werden soll, attestierte Jüstel zwar guten Willen. „Ob damit angesichts der Größe der Weltmeere gegen die Einträge angekämpft werden kann, bezweifle ich.“

Ein weiterer Ansatz, der zunehmenden Vermüllung der Ozeane durch Plastik entgegenzuwirken, stelle die Verwendung von bioabbaubaren Kunststoffen dar, leitete Jüstel über zur dem wissenschaftlichen Projekt an seinem Fachbereich. Unterstützt durch Mittel des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW beschäftigt sich Max-Fabian Volhard in seiner Doktorarbeit derzeit mit der Frage, wie ein Abbau von Plastik im Meer mittels photochemischer Prozesse gelingen könnte. Seine Idee, die er den Zuhörern in einem Vortrag näher brachte: Einen Katalysator in Verpackungsplastik einbauen, der in Kontakt mit Meerwasser kommend den Kunststoff mittels UV-Strahlung vollständig zu Wasser und Kohlendioxid abbaut. Dank der Verwendung des Katalysators, es handelt sich um die chemische Verbindung Titandioxid, könne der Abbau, der in der Natur Jahrzehnte oder noch länger andauern würde, innerhalb kurzer Zeiträume erfolgen, so Volhard. Die Eigenschaften des Kunststoffes veränderten sich durch die Behandlung kaum, vorhandene Industrieanlagen müssten nicht teuer umgerüstet werden. Gleichwohl erhöhe sich der Preis für die Herstellung leicht. „Es gibt bereits einige Anfragen aus der Industrie“, berichtete Jüstel. Das Verfahren sei hoffnungsvoll, ein Patent angemeldet. Optimierungsbedarf sei indes noch gegeben.

Die Wissenschaftler der FH setzen bei der Umsetzung ihres Ansatzes in die Praxis auch auf die Politik. Jüstel: „Wir können Ideen liefern, aber die Politik muss es regeln.“ Angesichts der Dimensionen, die das Müllproblem in den Meeren mittlerweile angenommen hat, ist diese Hoffnung sicher nicht unberechtigt ...

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