Pedelec versus Auto: Von Burgsteinfurt nach Borghorst
Das nächste Mal querfeldein?

Steinfurt -

Die Redakteure Ralph Schippers und Bernd Schäfer haben die Probe aufs Exempel gemacht: Wer kommt schneller von Burgsteinfurt nach Borghorst? Der Autofahrer oder der Pedelec-Nutzer. Mitten im Berufsverkehr haben sie das Experiment in dieser Woche gemacht - mit durchaus überraschendem Ausgang. Lesen sie im folgenden den Autofahrer-Bericht.

Donnerstag, 18.04.2019, 22:00 Uhr
Redakteur Bernd Schäfer (l.) gratuliert seinem Kollegen Ralph Schippers zum Sieg.
Redakteur Bernd Schäfer (l.) gratuliert seinem Kollegen Ralph Schippers zum Sieg. Foto: mas

Der Kollege kommt auf komische Ideen: Mit Muskelkraft und ein bisschen Strom will er zum Wettrennen gegen 116 PS aus einem 2,5 Liter-Turbodieselmotor antreten. Naja, warum nicht, soll er doch die Niederlage seines Lebens einstecken ...

Eifrig ist er immerhin: Nachdem wir uns selbst das Startzeichen gegeben haben, springt er in den Sattel und ist schon um die nächste Ecke, bevor ich überhaupt in meinen Mitsubishi Pajero geklettert bin. Soll er doch, spätestens auf der Landstraße zwischen den beiden Ortsteilen werde ich ihn wieder eingeholt haben. Glaube ich.

Denn bis zur Landstraße dauert es länger als erhofft. Schon unten an der Leerer Straße stauen sich die Autos an der Ampelkreuzung zurück, erst bei der zweiten Grünphase schaffe ich es, in die Alexander-Koenig-Straße einzubiegen. Aber auch da ist erstmal Geduld angesagt, nur stockend quält sich die Autoschlange mit mir bis zur nächsten Ampel am Finanzamt voran. Wesentlich flotter geht es auch danach nicht weiter, weil sich die Autos auf der Linksabbiegerspur vor der Kreuzung Mühlenstraße/Wasserstraße stauen, kommt keiner auf die eigentlich freie Geradeausspur.

Vom Parkplatz am Kalkwall versucht ein Fahrschulauto, sich in die Autokarawane einzureihen – normalerweise würde ich den armen Kerl ja gerne vorlassen, aber sorry, heute zählt jede Sekunde ...

Dennoch wieder eine Ampelphase Zeit verschenkt, als ich endlich das Ortsschild erreiche, zeigt die Stoppuhr schon sieben Minuten und 56 Sekunden an. Dafür liegt endlich die Landstraße vor mir, auf der ich hoffe, einiges an Rückstand aufholen zu können.

Diese Hoffnung wird schon vor der ersten Kurve zerstört: Ein Opel Astra und eine Mercedes-B-Klasse zockeln gemütlich mit Tempo 55 durch die Gegend. Hallo, hat euch mal jemand erklärt, dass ein Schild mit einer „70“ drauf auch genau das meint? Und dass das noch keine wahnwitzige Geschwindigkeit ist, bei der einem der Hut vom Kopf fliegt?

Langsam werde ich doch ungeduldig, von meinem Kollegen in seinem neongelben Radlerdress ist nirgendwo eine Spur zu sehen, ich muss Meter gutmachen.

An der Einfahrt zum Bagno spiele ich kurz mit dem Gedanken, abzubiegen und über Waldwege mein Ziel zu erreichen – wozu hat man schließlich einen geländetauglichen Wagen, der dafür konzipiert ist, Wüsten, Dschungel und Flüsse zu durchqueren? Mit Rücksicht auf mein Flensburger Punktekonto widerstehe ich dieser Versuchung ebenso wie der, einfach im Überholverbot an den beiden Wanderdünen vorbeizuziehen.

Endlich der letzte Hügel, der Turm der Nikomedeskirche kommt in Sicht – nur von meinem Gegner ist nichts zu sehen. Vage Hoffnung keimt auf. Hat er vielleicht im Bagno einen Platten gehabt?

Wie in so einer Situation nicht anders zu erwarten biegt die B-Klasse an der Ortseinfahrt-Kreuzung ebenfalls nach links ab – da, wo ich auch hin will. Mit aufreizender Gelassenheit plätschert der Fahrer Richtung Kreisverkehr, legt dort erst einmal eine kleine Pause ein – obwohl kein anderes Auto zu sehen ist – und entscheidet sich dann doch fürs Weiterfahren. Und yippieee, er biegt nicht Richtung Rathaus ab. Mittlerweile ist es schon 16.11 Uhr!

Aber die letzten freien Meter reichen nicht mehr, um noch nennenswert Zeit herauszuholen.

Vor der Nikomedeskirche angekommen hat der Kollege schon sein breitestes Grinsen aufgesetzt ...

Wo bleibt er? Seit rund einer Minute sitze ich auf der Mauer vor der Nikomedeskirche und warte. Weitere 30 Sekunden vergehen, dann kommt er um die Ecke: Der Kollege mit seinem Pajero. Als er mich sieht, erkenne ich in seinem Gesicht leichte Enttäuschung. Aber nur ganz kurz. Beim Aussteigen hat er das gewohnte Lachen auf den Lippen, gratuliert mir, ganz Sportsmann, zum Sieg. Eigentlich kann ich es kaum glauben: Mit meinem Pedelec habe ich nur elf Minuten für die rund sechseinhalb Kilometer lange Strecke von der FH in Burgsteinfurt zum Borghorster Kirchplatz gebraucht. Anderthalb Minuten weniger als der Kollege mit dem Auto.

Stoppuhr gedrückt und los: So waren wir an diesem Dienstagnachmittag an der Stegerwaldstraße gestartet. Der Zeitpunkt 16 Uhr war bewusst gewählt: Der beginnende Feierabendverkehr ist für Pendler, die ein Pedelec als Alternative zum Auto benutzen (wollen), eine authentische Zeit. Gleich zu Beginn hält mich am Flögemannesch ein Gespann auf. Das fängt ja gut an, denke ich. Die Graf-Ludwig-Straße ist zwar eine Einbahnstraße, aber für Radfahrer freigegeben. Wie schön! Flugs geht es bis zur Einmündung in die Leerer Straße. An der Ampel mit der Horstmarer Straße/Alexander-Koenig-Straße muss ich nur kurz warten. Statt in den Ring einzubiegen wie der Kollege, nehme ich die Route durch die Altstadt. Über den Markt geht es in die Burgstraße hinein und weiter zur Borghorster Straße. Zugegeben am Limit dessen, was man in diesem Bereich verantworten kann.

Auf der Landstraße trete ich dann richtig in die Pedale. Die Unterstützung steht auf „High“, die Beine wirbeln. Ich fahre auf der Straße. Schließlich ist es ein „S“, auf dem ich sitze, ein schnelles Pedelec. Es herrscht Straßenbenutzungspflicht, so will es der Gesetzgeber. Der E-Motor des fernöstlichen Herstellers mit den Stimmgabeln im Logo begeistert mit linearer Kraftentfaltung: Je mehr man selbst tritt, desto deutlicher unterstützt er. Erst bei 43,5 Stundenkilometer regelt die Elektronik ab. Diese Geschwindigkeit erreiche ich aber zu meinem Verdruss nicht ganz. Es herrscht leichter Gegenwind. Außerdem geht es bergan. Bei knapp 38 Sachen ist erstmal Schluss.

Meine Wahl der Straßenbenutzung schmeckt der Fahrerin eines Linienbusses nicht. In Höhe Bagno-Parkplatz hupt sie mich von hinten zunächst mehrfach an, gestikuliert dann wild beim Vorbeifahren. Situationen, mit denen ich öfter konfrontiert bin. „Was will der Radler-Depp da auf der Straße, wenn es einen Radweg gibt?“, fragen sich viele. Aber dass eine Berufskraftfahrerin die Verkehrsvorschriften nicht kennt, enttäuscht mich dann doch. Hat sie das Nummernschild auf meinen Schutzblech nicht gesehen?

Egal. Der „Anstieg“ hinauf zur Finnenbahn fordert mich. Der Puls steigt. Als er geschafft ist, geht es erst mal eine längere Strecke leicht bergab. Ich schalte in den höchsten Gang: Der Tacho zeigt gute 40 km/h. Noch eine Anhöhe und Borghorst ist in Sicht. Ich gucke immer wieder in den Rückspiegel. Kein silberner Pajero zu sehen. Der Kollege scheint aufgehalten worden zu sein auf dem Ring in Burgsteinfurt...

An der Kreuzung Westfalenring habe ich Glück: Die Ampel springt schnell auf Grün und ich fahre geradeaus in Richtung Redaktionsgebäude Borghorst. Dahinter rechts rein zur Emsdettener Straße – wieder eine für Radfahrer freigegebene Einbahnstraße. St. Nikomedes taucht auf. Bei etwas mehr als elf Minuten drücke ich die Stoppuhr. Der Kollege? Weit und breit nicht in Sicht.

Damit wäre der Beweis erbracht: Ein S-Pedelec ist vom Zeitaufwand gesehen eine ernsthafte Konkurrenz zum Auto – nicht nur bei innerstädtischen Fahrten, sondern auch zwischen den Stadtteilen. Auch ein „normales“ E-Bike mit 25 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit wäre wohl nicht viel langsamer.

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