Josef Finke war Verkaufsleiter bei Arnold Kock
Ein kleiner Stich ins Herz

Borghorst -

Ja, er war ein Patriarch. Und er hatte seine Marotten. Eine davon war sein Sonntagmorgenspaziergang durch den hochherrschaftlichen Garten seiner Villa am Kirchplatz, durch das kleine Tor über die Straße in seine Fabrik. Beim Gang durch die Websäle fiel ihm immer irgendetwas ins Auge, das er dann am Montagmorgen mit dem verantwortlichen Produktionsleiter „besprechen“ musste. Josef Finke konnte über solche Eigenarten schon immer nachsichtig lächeln. „Arnold Kock war ein guter Chef, der für seine Mitarbeiter eine Menge getan hat“, sagt der Rentner. Er hat viele Jahre unter dem Borghorster Textilmogul als Verkaufsleiter gearbeitet. Zu Zeiten, als diese Industrie in voller Blüte und allein bei Kock 1200 Mitarbeiter in Lohn und Brot standen.

Mittwoch, 24.04.2019, 15:48 Uhr
Josef Finke vor dem alten Verwaltungsgebäude von Arnold Kock. Hinter den Fenstern stand sein Schreibtisch als Verkaufsleiter. Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen und Josef Finke ist ein bisschen froh darüber.
Josef Finke vor dem alten Verwaltungsgebäude von Arnold Kock. Hinter den Fenstern stand sein Schreibtisch als Verkaufsleiter. Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen und Josef Finke ist ein bisschen froh darüber. Foto: Axel Roll

An die Firma erinnern heute nur noch die alten Handwerkerhallen auf dem sonst eingeebneten Gelände, das seit vielen Jahren auf eine neue Bestimmung wartet. Ach ja, die Straße, die der Firmenchef damals auf dem Weg von der Villa in die Verwaltung überqueren musste, trägt heute seinen Namen: Arnold-Kock-Straße.

Josef Finke ist kein Mensch, der sich gerne mit der Vergangenheit beschäftigt: „Du musst nach vorne blicken.“ Darum war das Kapitel Kock für ihn abgeschlossen, als er am 1. April 1995 nach 43 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde. Übrigens mit einer großen Party im Café Mauritius. Einen Stich ins Herz hat der Borghorster trotzdem immer verspürt, wenn er von seinem Haus an der Wiesenstraße am ehemaligen Verwaltungsgebäude vorbeilief und in die Fenster schaute, hinter denen viele Jahre lang sein Schreibtisch als Verkaufsleiter stand. „Darum ist es gut, dass jetzt alles weg ist“, sagt der ehemalige Kock-Angestellte.

Er weiß es wie heute, als er Anfang der 50er Jahre nach dem Abitur am münsterischen Schillergymnasium die Treppen zum Büro von Arnold Kock hoch schlich. Gegen den Rat seines Vaters („Werde doch besser Lehrer“) hatte er sich bei Kock – „das Unternehmen hatte damals einen sehr guten Ruf“ – als Industriekaufmann beworben. Kock selbst nahm damals die Einstellungen vor. Der junge Josef Finke versank damals in seinem Ledersessel vor dem Schreibtisch des Firmenpatriarchen. „Nach einer halben Stunde war aber alles klar. Arnold Kock stand auf und sagte: Du kannst hier anfangen“, erinnert sich Finke an sein Vorstellungsgespräch.

Nach 18 Jahren im Vertrieb für das Inlandsgeschäft hatte Josef Finke den Höhepunkt seiner Berufskarriere erreicht. Er wurde am 1. Januar 1970 Verkaufsleiter für das Gesamtunternehmen. Und plötzlich hatte er es mit den Geschäftsführern von Unternehmen wie Hertie, Otto, Quelle und Aldi, aber auch der Bundeswehr zu tun. Der Gefreite von damals schnäuzte in Taschentücher made in Borghorst. Das waren die Zeiten, in denen ein Verkaufsleiter selbstverständlich einen eigenen Fahrer hatte, es noch keine Handys, sondern nur Telefonzellen gab und sich die Produktion von Tischdecken, Handtüchern und Jeansstoffen im eigenen Land noch lohnte.

Was nicht mehr lange so blieb. Josef Finke: „Ich habe den Niedergang kommen sehen.“ Plötzlich konnte Kocksche Standardware auf den Philippinen viel günstiger produziert werden als in Deutschland. 1989 rettete die Stadt Steinfurt mit dem Kauf des Websaals III das Unternehmen vor dem Konkurs. Das war der Anfang vom langsam nahenden Ende. Wie sehr sich Arnold Kock für seine Mitarbeiter eingesetzt hat, dafür kann Josef Finke zahlreiche Beispiele nennen.

Er selbst erinnert sich nur zu gut an ein Gespräch in der Kock-Verwaltung, bei dem der Unternehmer seinem Vertriebschef nahelegte, doch ein Grundstück für den eigenen Hausbau zu erwerben. Finke ging auf das Angebot ein, kaufte allerdings nur die Hälfte des Areals – was Arnold Kock mit einem Tobsuchtsanfall quittierte. Josef Finke lacht: „Er hat mir damals gesagt, dass meine Entscheidung nicht sonderlich klug gewesen sei. Land sei schließlich nicht vermehrbar.“ Eine der größten Herausforderungen kurz vor der Rente war für Josef Finke die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Natürlich wollte Arnold Kock auch in der ehemaligen DDR verkaufen. Als Josef Finke aber das erste Mal in Ostberlin seinen Musterkoffer öffnete, schickten ihn seine Verhandlungspartner erst einmal wieder ins Hotel mit dem gut gemeinten Hinweis: „Schauen Sie sich doch erstmal in den Plattenbauten um.“ Am nächsten Morgen wusste Finke, was seine Kunden gemeint hatten: Die Küchentische in den Wohnungen waren viel zu klein für die Kock-Tischdecken. . .

Irgendwann muss Schluss sein. Das findet Josef Finke auch noch heute. Und darum biss die Firmenleitung bei ihm auf Granit, als sie ihn überreden wollte, als Verkaufsleiter doch noch ein Jahr dranzuhängen. „Ich hatte mir für mein Rentnerdasein schon so viel vorgenommen“, erinnert sich der Borghorster. Außerdem stand der Umzug der Kock-Verwaltung nach Wilmsberg an. „Das wollte ich mir auf meine letzten Tage ersparen.“

Im Rückblick, den Josef Finke wie gesagt nicht gerne macht, stellt er fest: „In der Textilindustrie hat es immer wieder Hochs und Tiefs sowie tief greifende Veränderungen gegeben.“ Dass heute kaum noch in Deutschland produziert wird, sei eine zwangsläufige Entwicklung gewesen. „Leider.“

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