Radreise in die Normandie zu den Stätten des D-Day
Wie das letzte Teil eines Puzzles

Burgsteinfurt/Foucarville -

Für Günther Hilgemann und Sohn Jörg war es eine Reise in die Vergangenheit, in die der eigenen Familie: Eine Woche lang waren Vater und Sohn Ende Mai mit dem Rad entlang der Küste der Normandie unterwegs.

Mittwoch, 05.06.2019, 17:38 Uhr
Das amerikanische Kriegsgefangenenlager Foucarville – Fritz Hilgemann war dort nach Kriegsende vier Monate interniert.
Das amerikanische Kriegsgefangenenlager Foucarville – Fritz Hilgemann war dort nach Kriegsende vier Monate interniert.

Für Günther Hilgemann und seinen Sohn Jörg war es eine Reise in die Vergangenheit, in die der eigenen Familie: Eine Woche lang waren Vater und Sohn Ende Mai mit dem Rad entlang der Küste der Normandie unterwegs. Das Ziel: Die Ortschaft Foucarville, etwas landeinwärts des berühmten Utah-Beaches gelegen. Nach der Invasion der Alliierten, die sich am heutigen Donnerstag zum 75. Mal jährt, hatten die Amerikaner in dem kleinen Ort das auf dem Kontinent größte Lager für deutsche Kriegsgefangene errichtet. Interniert war nach seiner Gefangennahme in Bad Kissingen im April 1945 dort für die Zeit von August bis November 1945 der Vater beziehungsweise Großvater der beiden Radreisenden, Fritz Hilgemann .

„Wir wollten beide unbedingt einmal dorthin und haben unseren Plan jetzt im Vorfeld des D-Day-Jubiläums umgesetzt“, berichtet Günther Hilgemann. Intensiv hatte sich der 72-jährige Burgsteinfurter zuvor mit der Entstehungsgeschichte des Lagers und mit den Lebensumständen des Vaters während seines Zwangsaufenthaltes dort befasst. Der Vor-Ort-Besuch sei wie das letzte Teil eines Puzzles gewesen. „Es hat sich definitiv gelohnt, die Reise anzugehen“, fällt sein Fazit uneingeschränkt positiv aus.

In der Familie sei nie über die Kriegs- und Gefangenschaftszeit des Vaters – er wurde 1941 zur Marine eingezogen – gesprochen worden, erinnert sich Günther Hilgemann, Jahrgang 1947, an seine Kindheit und Jugend zurück. Es habe einen großen Koffer gegeben, den der Vater aus der Gefangenschaft mitbrachte und auf dem stand „Erst nach meinem Tod zu öffnen“. Daran hat sich Hilgemann gehalten. Als es soweit war, überraschte ihn der Inhalt sehr: „Vater hat zahlreiche Aufzeichnungen hinterlassen – sie gehen über Schriftkunst, architektonische Zeichnungen, medizinische und philosophische Abhandlungen bis hin zu Gedichten“, staunt Hilgemann. Er vermutet, dass der Vater auch aus Heimweh so vor geistiger Kreativität sprudelte. Aber Hilgemann weiß, dass die Amerikaner ihm dies damals auch ermöglichten. „Foucarville war ein gut ausgestattetes Gefangenenlager für Offiziere, stand also in keinem Vergleich zu den Lagern beispielsweise in Russland. Es gab eine gute Essensversorgung, ein Krankenhaus, sanitäre Anlagen und sogar ein Kino“, berichtet er. Indes: Die Amerikaner wollten nicht nur zeigen, dass sie Menschenfreunde sind, sondern die ehemaligen Soldaten umerziehen.

„Was finden wir von dem Lager noch?“, lautete eine der Grundfragen, die sich Vater und Sohn im Vorfeld ihrer Radfahrt gestellt hatten. Als nach langer Suche lediglich eine kleine Gedenkstätte ausfindig gemacht werden konnte, war die Enttäuschung dennoch nicht allzu groß. „Wir haben viel von den Vorbereitungen zum D-Day-Jubiläum miterlebt und eine Vorstellung davon bekommen, welche Dimensionen diese Invasion hatte“, berichtet Hilgemann. Nicht nur die Überreste des Nazi-Bollwerks „Atlantikwall“ legten Zeugnis davon ab. Auch Kriegsgräberstätten mit tausenden Kreuzen bleiben wohl lange in Erinnerung. Als Gegensatz empfanden beide den vielfach überzogenen, kommerziell geprägten Kult, der um den D-Day gemacht wird. „Typisch amerikanisch halt“, gibt Günther Hilgemann seine Eindrücke wieder.

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