Vorfall im Borghorster Kombibad wurde vorm Amtsgericht verhandelt
Ab wann ist eine Beleidigung eine Beleidigung?

Steinfurt -

Wann wird das Duzen zur Ehrverletzung, wo verlaufen die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit, Unhöflichkeit, Beleidigung? Diese Fragen musste die Richterin am Steinfurter Amtsgericht am Mittwoch beantworten, um ein passendes Urteil gegen den wegen Beleidigung angeklagten Borghorster zu finden.

Mittwoch, 31.07.2019, 17:04 Uhr aktualisiert: 31.07.2019, 21:46 Uhr
Vorfall im Borghorster Kombibad wurde vorm Amtsgericht verhandelt: Ab wann ist eine Beleidigung eine Beleidigung?
Foto: dpa (Symbolbild)

Am 31. Januar wollte sich der 42-Jährige gegen 18.15 Uhr in einer Sammelumkleide des Borghorster Kombibads umziehen. Die ist aber für Gruppen und Vereine reserviert und wurde zu dem Zeitpunkt gerade von einer Gruppe Behinderter benutzt. Als deren 76-jähriger Begleiter ihn aufforderte, die Kabine zu verlassen, soll dieser ihn beleidigt haben: „Du kannst mich mal am Arsch kratzen und dich zu deinen Spastis verziehen.“

Da er selbst einen behinderten Sohn habe, sei ihm dieser Satz besonders nahe gegangen, sagte der als Zeuge geladene Rentner vor Gericht. Als der Angeklagte weiter keine Anstalten machte, die Umkleide zu verlassen, holte er sich die Unterstützung einer Schwimmmeisterin. Auch die bekam gleich eine verbale Breitseite ab – deren genauer Wortlaut allerdings nicht mehr geklärt werden konnte. Sein Ratschlag, sich doch unters Solarium zu legen um ruhiger zu werden war noch die harmloseste Wortwahl – der Rest ging deutlich unter die Gürtellinie. Dagegen erhob der Angeklagte Widerspruch: Einige in der Anklage beschriebene Wörter entsprächen nicht seinem Sprachgebrauch – wenngleich die Begriffe, die er seiner eigenen Aussage nach bevorzugt nicht minder drastisch sind. Dagegen sei der anfangs zitierte Satz, dem er dem 76-Jährigen gesagt haben soll, durchaus sein Ding. „So etwas sage ich ständig.“

Angeklagter wollte Bad nicht verlassen

Die Aufforderung der Schwimmmeisterin, das Bad sofort zu verlassen, habe der 42-jährige mit den Worten „dass er ganz sicher nicht auf mich hören würde“ ignoriert. Die rief daraufhin die Polizei und holte einen Kollegen hinzu, der auf den Angeklagten aufpassen sollte. Auch der geriet in ein Wortgefecht, in einer ersten Aussage unmittelbar nach dem Vorfall hatte er angegeben, der Angeklagte hätte ihn mit den Worten „Dich mache ich in drei Sekunden runter“ bedroht haben.

Bei der Gerichtsverhandlung konnte er sich jedoch daran nicht mehr erinnern – und auch die anderen Zeugen hatten sieben Monate nach dem Vorfall erhebliche Erinnerungslücken.

Erinnerungslücken

So konnte der Begleiter der Gruppe nicht mehr genau sagen, welchen exakten Begriff der Angeklagte damals benutzt hatte. Selbst ob die in der Anklageschrift aufgeführte Beleidigung der Schwimmmeisterin überhaupt gefallen ist, konnte keiner der Zeugen mehr genau sagen – zur Freude des gerichtserfahrenen 42-Jährigen: „Die Zeugen haben sich ja selbst zerrissen, dass war ne reife Vorstellung, besser kann man es ja nicht versauen“, versuchte er erst gar nicht, sich irgendwelche Sympathien zu erwerben. Nur als die Richterin vor den Schlussplädoyers ankündigte, gleich seine Vorstrafen zu verlesen, zuckte er kurz und fragte, ob das denn wirklich nötig sei. „Dann dauert das hier ja ‘ne halbe Stunde länger.“

34 Mal ist er bislang mit verschiedensten Delikten aktenkundig geworden, darunter mehrfach wegen Körperverletzungen.

Ich bin stolz auf mich, dass das da nicht weiter eskaliert ist.

Der Angeklagte

Wegen seiner Aggressionen hat er bereits eine Therapie mitgemacht. „Ich hab‘ ja Gewaltprobleme. Auch wenn ich hier verurteilt werde: Ich bin stolz auf mich, dass das da nicht weiter eskaliert ist.“

Da einige der beleidigenden Äußerungen vor Gericht nicht mehr bezeugt wurden, reduzierten sich Anklage und Urteil auf das herabwürdigende „Duzen“ des 76-Jährigen und die Beleidigungen gegen ihn, für die die Richterin 70 Tagessätze zu je zehn Euro verhängte.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6818962?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F186%2F
Pedelecfahrer von Auto erfasst und gestorben
Bei einem Verkehrsunfall auf der L 592 ist ein 79-jähriger Pedelecfahrer verstorben.
Nachrichten-Ticker