Pflichtlektüre im Deutschunterricht ist häufig historische Weltliteratur
Immer diese alten Schinken

Bei dem Gedanken an Deutschunterricht springen jedem wahrscheinlich sofort eine Vielzahl klassischer Lektüren von Goethes „Faust“, über Kafkas „Verwandlung“ bis hin zu Büchners „Woyzeck“ in den Kopf. Insbesondere in der Oberstufe wird der Deutschunterricht von Literaturklassikern dominiert. Dabei sind die Meinungen zu der großen Präsenz von Literatur im Lehrplan sehr zwiegespalten. Während sich einige Schüler mit den Werken so gar nicht identifizieren können, gehört für die anderen eine grundlegende Kenntnis der größten deutschen Stücke zum Allgemeinwissen dazu.

Donnerstag, 07.11.2019, 16:22 Uhr aktualisiert: 07.11.2019, 21:31 Uhr
Die zwei großen Koryphäen der deutschen Literatur, Schiller (r.) und Goethe, veröffentlichten ihre großen Werke um das Jahr 1800 herum. Der Einfluss bis heute ist immer noch präsent, auch außerhalb der Abiturprüfungen.
Die zwei großen Koryphäen der deutschen Literatur, Schiller (r.) und Goethe, veröffentlichten ihre großen Werke um das Jahr 1800 herum. Der Einfluss bis heute ist immer noch präsent, auch außerhalb der Abiturprüfungen. Foto: Hubert Link

Angezweifelt werden die Literaturklassiker aufgrund ihrer Komplexität, der schwierigen Sprache und der Tatsache, dass sie bereits vor vielen Jahren erschienen sind und damit veraltet seien. Für das Landesabitur 2020 in NRW sind beispielsweise Goethes Faust, Die Marquise von O aus dem Jahr 1808 und Hoffmanns Sandmann von 1816 Teil der Prüfung laut der Standardsicherung des Schulministeriums. Lediglich ein Titel aus dem 21. Jahrhundert, Das Haus in der Dorotheenstraße, wird für den Leistungskurs an moderner Literatur angegeben.

Was die Lektüren interessanter macht, ist ein Bezug zur Gegenwart und eine Aufklärung über die Bedeutung der Stücke. Vielen ist gar nicht bewusst, wie groß die Präsenz von Literatur in unserem Alltag eigentlich ist. Denn nach intensiver Auseinandersetzung mit den Stücken wird deutlich, dass sie alle auf zeitlose Themen eingehen, diese aber trotzdem so spezifizieren, dass sie auf die Individuen der Gesellschaft übertragbar sind. Denn moralische, soziale und psychologische Werte sowie grundsätzliche Fragen der Freiheit, Gerechtigkeit oder Moral vergehen auch mit Veränderungen der sozialen Strukturen nicht.

Goethes „Faust“ ist ein Paradebeispiel. Die Suche der Menschen nach etwas Größerem, Erfahrungshunger und Größenwahn werden in diesem Drama hervorgehoben. Viele weitere Fragen, die in der heutigen Gesellschaft eine Rolle spielen, werden verdeutlicht. Infolge­dessen kann der Leser zwischen „Faust“ und seinen eigenen Gedanken Brücken schlagen. Bereits 1808 ist „Faust“ erschienen und trotzdem wird er heute noch in den Schulen bearbeitet.

Obwohl es meistens doch die alten Schinken sind, die in der Schule gelesen werden, haben einige Schüler noch Interesse an der Materie. „Klassische Literatur gehört zu unserem Kulturgut, von daher macht es Sinn, sich mit ihr in der Schule auseinanderzusetzen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass der Bezug zur Realität hergestellt wird. Dadurch würde die Bedeutung der Stücke mehr betont werden“, meint Sergen Kul, Schüler der zwölften Klasse aus Steinfurt. Auch wenn die Themen immer noch aktuellen Bezug haben, wird dieser für viele Schüler nicht deutlich. Tim Sippel, ebenfalls Schüler der Oberstufe, würde sich allgemein ein vielfältigeres Literaturprogramm wünschen: „An sich verstehe ich schon, dass Literaturwerke wie Faust behandelt werden, weil es wichtig für die Allgemeinbildung ist. Ich fände eine vielseitigere Mischung aus aktueller und klassischer Literatur besser. Das wäre für uns Schüler interessanter.“

Linda Kannen hat Generationen von Schülern am Borghorster Gymnasium durch das Labyrinth der Weltliteratur navigiert. Sie hat eine Erklärung dafür, warum die vermeintlich alten Schinken immer wieder auf den Schulbänken landen: „Literatur ist Kunst. Und wie jede Kunst eröffnet sie neue Sichtweisen auf scheinbar Bekanntes. Die Themen erstrecken sich von Ungerechtigkeit und Schuld bis zu Geschlechterverhältnissen. All dies sind existenzielle Fragen, die immer wieder gestellt werden müssen: Muss Fausts Wissensdrang nicht immer wieder neu beleuchtet werden? Wie kann Kleists Marquise von O … in Zeiten von Me too gelesen werden? Das Spannende an den „Alten“ ist, dass sie vor allem immer wieder neue Antworten geben können auf unsere Fragen. Literatur ist aber auch Sprachkunst. Die Sprache der „Alten“ ist für Schüler oft eine Herausforderung, aber wenn sie sich ihr stellen, können sie unglaublich viel daraus gewinnen. Warum ist „Blut dicker als Wasser“ und warum erspart „die Axt im Hause den Zimmermann“? Und wie viel größer ist das Vergnügen, wenn man den Zusammenhang der Bilder kennt? Der Unterricht soll Voraussetzungen für die Teilhabe am kulturellen Leben schaffen und somit zur Persönlichkeitsentwicklung mit einem vertieften Selbst- und Weltverständnisses beitragen, wie es im Kernlehrplan so schön heißt?“

Diese Tatsachen lassen vielleicht den ein oder anderen besser verstehen, wieso es Sinn macht, sich mit dem Schriftgut auseinanderzusetzen. Zum Einen kann es Spaß machen, Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu entdecken, zum Anderen schafft es ein Grundwissen.

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