Gerlinde Sextro geht in den Ruhestand
Nah am historischen Puls der Stadt

Steinfurt -

In der „unteren Denkmalschutzbehörde“ Stadt Steinfurt geht eine Ära zu Ende: Gerlinde Sextro geht nach fast 25 Jahren im Amt der Denkmalschutzbeauftragten in den Ruhestand. Anlass genug für einen Rückblick in Form eines Interviews.

Freitag, 22.11.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 24.11.2019, 14:50 Uhr
Gerlinde Sextro bei einem Vortrag anlässlich des Denkmaltages: Der Öffentlichkeitsarbeit maß sie stets große Bedeutung bei.
Gerlinde Sextro bei einem Vortrag anlässlich des Denkmaltages: Der Öffentlichkeitsarbeit maß sie stets große Bedeutung bei. Foto: Drunkenmölle

Von Haus aus ist sie Architektin, arbeitete viele Jahre zusammen mit Kollegen in Gemeinschaftsbüros und einige Zeit auch als Selbstständige. Als sie sich 1996 auf die Stelle der Denkmalschutzbeauftragten und Denkmalpflegerin bei der Stadt Steinfurt bewarb, tat sich für Gerlinde Sextro eine neue, spannende Aufgabe in einem sehr vielfältigen Feld auf. Zum 1. Dezember nun geht die 65-jährige Münsteranerin, die gebürtig aus dem Emsland stammt, in den Ruhestand. Redaktionsmitglied Ralph Schippers sprach mit der Fachfrau, die stets nah am historischen Puls der Stadt gearbeitet hat, über Meilensteine ihrer beruflichen Zeit in der „Unteren Denkmalbehörde“ Kreisstadt, den Reiz des Historischen sowie Perspektiven der Denkmalpflege vor Ort.

Frau Sextro, seit fast 25 Jahren tragen Sie in Steinfurt dazu bei, historische Bausubstanz zu erhalten. Wenn Sie zurückblicken, was waren die interessantesten Projekte, an deren Umsetzung Sie mitgewirkt haben?

Gerlinde Sextro: Da fällt mir in erster Linie das Schloss ein. Eine sehr spannende Baustelle. Die Renovierungsmaßnahmen erfolgten im Rahmen einer Landesförderung, die auf fünf Jahre angelegt war. Sie wurden zwar nicht ganz zu Ende geführt, ein Teil der Innenhoffassaden blieb außen vor. Dennoch war es eine sehr umfangreiche Maßnahme. In Erinnerung geblieben ist mir besonders die Sanierung des blauen Salons mit seinen sehr aufwendig gestalteten Wandtapeten. Ebenso herausragend war die landschaftsplanerische Umgestaltung des Bagnos im Rahmen der „Regionale 2004“. Sie war zugleich sehr breit als Programm der Kulturförderung angelegt. Denkmalpflegerische Aspekte spielten vielfach hinein. Zudem möchte ich auch die über Jahre laufende Restaurierung an verschiedenen Gebäuden der Johanniter-Kommende erwähnen. Von der Umgestaltung der Kapelle über das Steinwerk, eines der Häuser aus der langen Zeile des Back- und Brauhauses bis hin zum Torhaus, was ja bekanntlich zuletzt im Fokus stand – es waren allesamt besondere Projekte, auch weil die Objekte wieder in eine Wohn- oder gewerbliche Nutzung überführt werden konnten.

Was macht für Sie den Reiz am Beruf der Denkmalschützerin aus – gerade auch in einer an Denkmälern so reichen Stadt wie Steinfurt?

Sextro: Zu allererst ist es das Thema selbst – wenn man sich dafür interessiert oder bestenfalls sogar ein Herz dafür hat. Zum anderen ist es ein sehr vielfältiger Arbeitsbereich, bei dem ich zudem das Glück hatte, ihn weitgehend selbstständig bearbeiten zu können. Ich habe mit vielen Behörden, Ämtern und Vereinen, aber auch Einzelpersonen zusammengearbeitet und habe in meinem Tun auch viel Unterstützung erfahren. Es gab stets neue, andere Herausforderungen. Das macht den Beruf auch so spannend.

Kommt die Rede auf Denkmäler in Steinfurt, hat man als erstes die Burgsteinfurter Altstadt im Kopf. Wie beurteilen Sie den aktuellen Erhaltungszustand und wie kann es gelingen, sie als Gesamtensemble sinnvoll weiterzuentwickeln?

Sextro: Zunächst muss gesagt werden, dass die gesamte Altstadt als Flächendenkmal ausgewiesen ist. Alle Arbeiten, auch an nicht als Einzeldenkmal ausgewiesenen Gebäuden, müssen mit der Denkmalbehörde abgestimmt werden. Das ist meiner Meinung nach auch gut so. Es ist jedoch zu beobachten, dass es zunehmend Stellen gibt, an denen das Erscheinungsbild leidet. Ein typisches Beispiel ist das Umfeld des Gebäudes Kirchstraße 14. Das reicht von Wildwuchs über ausbleibende Fassadenanstriche bis hin zu Grün im Pflaster, das sich bildet. Das alles erweckt dann den Eindruck einer gewissen Verwahrlosung. Es gibt nach wie vor Leerstand, worunter die Bausubstanz dann auch leidet. Insgesamt aber haben wir, was das Wohnen anbelangt, eine relativ gute Ausnutzung des Potenzials, das die Altstadt bietet. In einigen Fällen wird die ehemalige Nutzung als Geschäft auch durch eine Wohnfunktion ersetzt, insbesondere dort, wo sich abzeichnet, dass eine Einzelhandelsnutzung wohl nicht mehr kommen wird. Wenn alte Wohnhäuser renoviert werden, sind sie auch in der Regel schnell vermietet. Etwas aufpassen muss man darauf, dass die Bevölkerungsstruktur nicht zu einseitig wird. Das Wohnen in der Altstadt ist besonders bei Älteren sehr beliebt, aber man darf auch die jungen Familien nicht vergessen. Es dürfen also nicht nur neue Kleinwohnungen geschaffen werden.

Immer wieder hört man von privaten Denkmalbesitzern, die Vorschriften des Denkmalschutzes seien sehr streng. Zudem wird beklagt, dass sich die öffentliche Hand weitgehend aus der Förderung zurückgezogen hat. Man fühlt sich sprichwörtlich im Regen stehen gelassen . . .

Sextro: Das kann ich gut nachvollziehen. Es gab eine Zeit lang Denkmalfördermittel, die aber auch nur dann gewährt wurden, wenn es entsprechendes Entwicklungskonzept vorlag. In Steinfurt ist ein solches „ISEK“ derzeit in Arbeit. Seit Neuestem gibt es aber wieder die Möglichkeit einer direkten Förderung von Einzelprojekten durch das Land. In Steinfurt sind in dieser Hinsicht schon einige Anträge für eine Förderung im kommenden Jahr gestellt worden. Leider ist der Topf ziemlich klein: Für ganz Westfalen steht lediglich eine Million Euro zur Verfügung. Schließlich gibt es noch Pauschalmittel für kleinere Maßnahmen. Allerdings nur, wenn die Kommune einen 50-Prozent-Anteil dazu schießt. In Steinfurt stand dafür in den vergangenen Jahren kein Geld zur Verfügung. Was bleibt, ist die Möglichkeit einer erhöhten Abschreibung der Kosten für die Renovierungsmaßnahmen.

Gibt es Projekte, bei denen Sie sagen „schade, die hätte ich in meiner Be

Sextro: Auf jeden Fall. Da wäre zuallererst die Tabakfabrik Rotmann. Sie ist ein sehr spezielles Industriedenkmal, bei dem die Belange des Denkmalschutzes in vielerlei Hinsicht zu beachten sind. Spannend wäre es natürlich auch gewesen, die geplante Quartiersbebauung an der Kirchstraße zu begleiten und zu sehen, wie dieses seit vielen Jahren leer stehende Haus wieder in Glanz erstrahlt.

Was den städtebaulichen Gesamtwert an Denkmälern angeht, steht Borghorst im Schatten von Burgsteinfurt. Sehen Sie Chancen, dass sich das ändern lässt?

Sextro: Eigentlich ist Borghorst ja der ältere Stadtteil und hat dementsprechend eine längere Historie. Das Problem ist allerdings, dass viel Substanz verloren gegangen ist – gerade was die Vergangenheit Borghorsts als Textilstandort anbelangt. Umso wichtiger ist es, das, was noch vorhanden ist, langfristig zu sichern. Das haben wir unter anderem beim Stiftsbereich getan, den wir vor nicht allzu langer Zeit komplett als Denkmalbereich und Bodendenkmal haben eintragen lassen. Was die Innenstadt anbelangt, gibt es zwar wenig denkmalgeschützte Bausubstanz, aber einige neue Ansätze aus dem Baudezernat – zum Beispiel eine Anbindung an das Websaal-Gelände. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingt, den Bereich insgesamt neu zu beleben – auf eine andere Art als in Burgsteinfurt.

Abschlussfrage: Werden die Themen Denkmalschutz und Denkmalpflege auch in ihrem jetzt beginnenden neuen Lebensabschnitt weiter eine Rolle spielen?

Sextro: Das weiß ich noch nicht genau. Ich habe nichts Festes geplant. Ich werde ab dem 1. Dezember einen ganz neuen Zustand in meinem Leben haben – nämlich den, dass ich fast vollständig selbst über meine Zeit verfügen kann. Ich lasse das mal auf mich zukommen. Ich denke aber, dass ich mit meinen bisherigen beruflichen Themen sicher auch noch weiter zu tun haben werde. Schauen wir mal!

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