Flucht, Fotografie und Fürsorge
„Das wache Auge macht das Bild“

Münster-Wolbeck -

Bodenständigkeit und Bescheidenheit prägen Ferdinand Jendrejewski ebenso wie Professionalität und Passion: Nicht nur als charismatischer Fotograf ist er erfolgreich, sondern auch in der Sozialarbeit setzte er früh prägende Akzente. Zu seinem 80. Geburtstag am 6. Januar blättern wir mit dem Wolbecker Original durch sein bewegtes Leben.

Donnerstag, 02.01.2020, 16:54 Uhr aktualisiert: 03.01.2020, 16:34 Uhr
Per Zufall kam der Wolbecker Ferdinand Jendrejewski zur Fotografie. Mittlerweile begeistert er mit seiner Fotokunst Fachwelt und Publikum gleichermaßen.
Per Zufall kam der Wolbecker Ferdinand Jendrejewski zur Fotografie. Mittlerweile begeistert er mit seiner Fotokunst Fachwelt und Publikum gleichermaßen. Foto: pesa

Die Welt im Großen und im Kleinen hat er im Sucher seiner Kameras – mit dem Ziel, den Alltag bewusster wahrzunehmen. Wolbeck kennt ihn als mehrfach prämierten Fotografen, aber Ferdinand Jendrejewski ist viel mehr als das. Am 6. Januar wird das Wolbecker Original 80 Jahre alt. Grund genug für eine Zeitreise.

1940 kam er in Kempen am Südostrand der preußischen Provinz Posen (heute Polen) auf die Welt, mitten im Krieg. „Es war im Januar 1945, als es nachts plötzlich an der Tür klopfte. Es hieß nur, das wir in zwei bis drei Stunden unser Zuhause verlassen müssen. Ich hatte Angst“, sagt Ferdinand Jendrejewski im Gespräch mit dieser Zeitung, „mitten in der Nacht mit meiner Mutter und Großmutter zu fliehen. Mein Vater galt als im Krieg vermisst. Überall sah ich die Flakgeschütze.“

Mitnehmen konnten sie nur Kleidung und Proviant. „Ich musste mein geliebtes Schaukelpferd zurücklassen.“ Von Ostpreußen ging es nach Hildesheim – auf Pferdewagen. In der Ferne sah der damals Fünfjährige das Bombardement auf Dresden. „Diese Bilder habe ich heute noch im Kopf – nach 75 Jahren.“

Bei niedersächsischen Bauern fanden sie eine Zuflucht. Seine Oma starb 1946, die Mutter verlor er 1952. Da war Ferdinand gerade zwölf Jahre alt, als er ganz alleine war. So kam er in ein streng katholisches Internat („mit Spind-Kontrolle wie beim Bund“) in Duderstadt: „Von den 100 Schülern waren die meisten Weihnachten bei ihren Familien. Nur ein Schüler und ich blieben 1952 alleine im Internat, weil wir keine Angehörigen hatten. Das war ein sehr einsames Weihnachtsfest.“ Und er hatte berufliche Ziele. „Damals wollte ich eigentlich Missionar werden, wegen des exotischen Abenteuers am liebsten in Afrika.“

Die Kamera ist ein treuer Wegbegleiter.

Die Kamera ist ein treuer Wegbegleiter. Foto: Peter Sauer

Das Leben im Internat war nicht einfach. „Der Rektor wurde mein Vormund. Das kam bei den anderen Jungs nicht gerade gut an. Ich war auch immer der Kleinste“, erinnert sich Jendrejewski. „Um anerkannt zu werden, habe ich Sport gemacht und gekämpft. Als Torwart habe ich schon 1958 das gemacht, was später Petar Radenković oder Manuel Neuer gemacht haben: ich war der stürmende Torwart.“ Genau das verschaffte ihm bei den wortführenden Jungs im Heim endlich Respekt. „Ich war so schnell und flink, dass sie nicht auf mich verzichten konnten.“ Der heranwachsende Ferdinand wurde auch Konviktmeister im Tischtennis und schaffte es 1958 mit seinen Hula-Hoop-Erfolgen mit Foto in die Zeitung.

Nach Beendigung der Realschule erlernte er in Duderstadt Tischlerhandwerk. Warum? „Ich habe gerne mit Holz gearbeitet. Wollte Innenarchitekt werden.“ Damals war es üblich, ein Jahr lang ein soziales Praktikum zu machen. „Ich machte es als Hilfserzieher.“ Das legte für Jendrejewski den weiteren beruflichen Grundstein.

Von 1962 bis 1965 studierte er an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Köln. Als Diplom-Sozialarbeiter war er langjährig in der Suchtkrankenhilfe tätig. Jendrejewski arbeitete beim SKM – Katholischer Verband für soziale Dienste im Kreis Warendorf in der Jugendfürsorge und Jugendgerichtshilfe. Nachgehende Fürsorge war ihm sehr wichtig. „Ich habe damals viele Hausbesuche gemacht.“ Als Sozialarbeiter arbeitete er auch in den Dependancen der JVA Bielefeld in Harsewinkel, Westkirchen und Herzebrock, in Tecklenburg in einer stationären Einrichtung für weibliche Jugendhilfe, später – bis zum seinem Ruhestand 2001 – beim Landesjugendamt in Münster.

Die Arbeit war geprägt von seinem tiefen Verwurzeltsein als Christ und Menschenfreund: „Geduldig zuhören, Ernst nehmen und versuchen, Alternativen aufzuzeigen ist wichtig, um helfen zu können.“ Plötzlich kullern Ferdinand Jendrejewski mitten im Gespräch Tränen über das Gesicht, die Stimme wird leise. Er erinnert sich an einen Satz, den damals ein Klient zu ihm sagte: „Du bist der Einzige, der an mich geglaubt hat.“

Ein total zufälliges Wiedersehen mit seinem Vater Waldemar gab es 1970 bei einer Studienfahrt in Breslau. Nur zwei weitere Treffen folgten. Jendrejewskis neuer Lebensmittelpunkt wurde Münster, das er von Besuchen kannte. „Mein Vormund kam aus Münster.“

Weil man damals als Neuhinzugezogener schlecht Kontakt bekam, gründete er mit anderen Sozialarbeitern den „Club junger Menschen“. Alle 14 Tage trafen sie sich in der Harsewinkelgasse, um etwas zu unternehmen. So entwickelten sich 15 Clubs in NRW und eine lebendige Reisekultur. Sein Kollege Hans-Georg Kraus gründete aus der Idee die Firma Wikinger-Reisen. „Mit fünf Ehepaaren sind wir heute noch eine Clique aus dieser Zeit.“

Jendrejewskis Schwiegervater hatte einen Pachthof am Hofkamp. „So kam ich nach Wolbeck. Seit 35 Jahren wohnt er nur ein paar Steinwürfe vom Drostenhof entfernt. „2020 feiere ich mit meiner Frau Margret 50-Jähriges.“

Heute zählt Ferdinand Jendrejewski zu den erfolgreichsten Amateurfotografen in Deutschland, erhielt auch Ehrungen von der Photograhic Society of America und vom Weltverband der Fotografie. Der Wolbecker gibt sein Wissen in drei Fotogruppen weiter. Dabei ist er reiner Autodidakt und alles passierte per Zufall: „Mehrere Sportverletzungen brachten mich dazu, mir mit 40 Jahren ein neues Hobby zu suchen.“

„Fotografieren macht mir Spaß, weil ich Alltäglichen so gestalten kann, dass andere sagen, da kommt was rüber. Das wache Auge macht das Bild, nicht die Kamera.“

Jendrejewski veröffentlichte bislang einen Bildband über Bäume als Naturdenkmale und Wolbeck. „Über Paris kann ja jeder einen Fotoband machen.“

Und was wünscht sich das Geburtskind? „Ein Geschenk wäre eine friedlichere Welt. Die fängt schon im Kleinen an. Mehr Respekt und Rücksicht der Menschen untereinander wäre ein guter Anfang für ein neues Lebensjahrzehnt. Mit meiner Frau Margret wünsche ich uns eine gute Gesundheit und noch viele gemeinsame Radtouren am Ijsselmeer.“

„Hoffnung“ heißt eines der aktuellen Foto-Kunst-Arbeiten von Ferdinand Jendrejewski.

„Hoffnung“ heißt eines der aktuellen Foto-Kunst-Arbeiten von Ferdinand Jendrejewski. Foto: Peter Sauer

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