Vier Frauen aus Steinfurt drehen in ihrer Freizeit ordentlich am Spinnrad
Vom Schafsfell zum Pullover

Steinfurt -

Wenn sich Brigitte, Elisabeth, Doris und Maria treffen, dann dreht sich alles um Wolle. Und zwar wortwörtlich, denn die vier Frauen treten ordentlich ins Pedal ihres Spinnrads, um aus einem Haufen Rohwolle verstrickbares Garn zu fabrizieren.

Mittwoch, 15.01.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 16.01.2020, 16:22 Uhr
So machten es auch schon die Vorfahren: Wollfasern werden durch das Einzugsloch des Spinnrads auf den Spinnflügel verdrillt. Eine Tätigkeit, die sehr viel Gespür für das Material erfordert.
So machten es auch schon die Vorfahren: Wollfasern werden durch das Einzugsloch des Spinnrads auf den Spinnflügel verdrillt. Eine Tätigkeit, die sehr viel Gespür für das Material erfordert. Foto: Mertins

Wenn sich Brigitte , Elisabeth, Doris und Maria treffen, dann dreht sich alles um Wolle. Und zwar wortwörtlich, denn die vier Frauen treten ordentlich ins Pedal ihres Spinnrads, um aus einem Haufen Rohwolle verstrickbares Garn zu fabrizieren. An diesem Vormittag darf ich ihnen zuschauen und lerne eine Menge über die Handarbeit, die in Steinfurt eine besondere Tradition hat. So gibt es im Neubaugebiet auf dem ehemaligen Gelände der Spinnerei Rolinck eine Kardier- und eine Haspelstraße. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, nachzuhaken, was es mit diesen Fachausdrücken auf sich hat.

Aber der Reihe nach. Bevor Wolle kardiert und viel später als Garn gehaspelt wird, muss sie erst mal produziert werden. Hier draußen in Ostendorf sind dafür Basil, Tilda und zwei weitere Walliser Schwarznasenschafe zuständig, die Gastgeberin Brigitte Marker neben vielen anderen Tieren dort hält. „Die Schafe müssen zweimal im Jahr geschoren werden und ich wusste nicht, wohin mit der schönen Wolle. Da kam mir die Idee, es mit Spinnen zu versuchen. Über eine Zeitungsanzeige habe ich andere, teils sehr erfahrene, Interessierte gefunden. Und so ist letztlich diese vierköpfige Gruppe entstanden“, erzählt die naturverbundene Frau.

Neben ihr liegt ein ganzer Kopfkissenbezug voll mit heller, weicher Rohwolle. „Nach der Schur wird die Wolle in Wasser gewaschen, dabei darf es keine großen Temperaturschwankungen geben, sonst verfilzt sie. Wenn die Wolle trocken ist, werden Stroh- oder Grasreste entfernt und dann kann sie kardiert werden.“

An dieser Stelle schaltet sich Elsabeth Stroner ins Gespräch ein, denn sie besitzt eine Kardiermaschine und viel praktische Erfahrung: „Kardieren ist ein mechanischer Prozess, mit der die Wollfasern in eine Richtung gebracht werden und dadurch leichter zu verarbeiten sind. Versponnen wird dann ein sogenanntes Kardierband, das einen gleichmäßigen Faden ermöglicht.“ Wäre dieser Begriff also schon mal geklärt.

Während die Frauen mir ihr spezielles Handwerk erläutern, drehen sich die Schwungräder, füllen sich die Spulen. Es scheint so, als ob die Spinnerinnen das Spinnrad durch das Einzugsloch kontinuierlich mit Wolle füttern, die sie aus dem Vlies zuppeln. Durch die ständige Rotation des Schwungrads, die sich auf die Spule überträgt, wird die Wolle zum Faden gedreht oder „verdrillt“ und erhält so seine Festigkeit. Dabei gibt es bei Spinnrädern – genau wie bei Fahrrädern – eine Art Gangschaltung. Mit ihr kann die Übersetzung gesteuert werden. Das Aussehen und die Eigenschaften eines gesponnenen Fadens oder Garns hängen also von vielen Faktoren ab, was auch den Reiz des Spinnens ausmacht.

Für Elisabeth Stroner, die gerade ein Vlies des rauwolligen Pommerschen Landschafs verarbeitet, sind das alles „spannende Lernfelder, die sehr viel Kreativität erfordern. Diese eher robuste Wolle eignet sich für Teppiche oder Westen. „Für Pullover nehme ich gerne die Alpakawolle aus Hollich. Man kann auch Wollarten kombinieren, indem man zwei Garne miteinander verzwirnt“, weiß die Steinfurterin, die alle Arbeitsschritte von der Schafschur bis zum fertigen Kleidungsstück drauf hat und damit so autonom ist, wie die Frauen im Mittelalter. Apropos, am Aussehen einer hölzernen Haspel hat sich seitdem nicht viel verändert. Sie dient nach wie vor der Aufwicklung und Zwischenlagerung des Garns.

Die vier Frauen fachsimpeln inzwischen über den Einsatz von Zwiebelschalen, Roter Beete oder Tagetes als natürliche Färbemittel und spekulieren über die Anschaffung eines Kerry-Hill-Schafes. Und so wenig wie die Wollfäden, die sie spinnen, reißt auch der Gesprächsfaden an diesem Vormittag nicht ab . . .

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