Auto-Experte Rolf Cosse ist überzeugt:
Mobilität der Zukunft ist elektrisch

Steinfurt -

Einen Blick in die automobile Zukunft wirft Rolf Cosse im folgenden Artikel. Der Burgsteinfurter ist Präsident der Gesellschaft für automobiles Kulturgut und gilt als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Automobilität.

Sonntag, 19.01.2020, 15:56 Uhr

2020: CO-Grenz­werte, E-Mobilität, Wasserstoffantriebe, autonomes Fahren… Willkommen in den 20er Jahren. Was vor 20 Jahren mit dem ersten Hybridfahrzeug von Toyota begonnen hat, nimmt richtig Fahrt auf. Seit dem 1. Januar gelten für die Hersteller EU-weite neue Grenzwerte.

Genau betrachtet ist es jedoch eher ein Zielwert, der von 130 Gramm CO/Kilometer auf 95 Gramm gesenkt wurde. Es muss ein „Gesamtflottenwert“ über die gesamte Produktpalette eingehalten werden. Jeder Hersteller ist somit gezwungen, Modellen mit extremen CO-Werten verbrauchsniedrige Fahrzeuge gegenüber zu stellen. Bei Verstößen werden erhebliche Strafen fällig.

Welchen Einfluss diese neuen Entwicklungen auf die Produktpolitik eines jeden Herstellers haben wird, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass diese Grenze nur durch den massiven Ausbau der CO-neutralen Fahrzeugflotte zu erreichen ist.

Wie wird in den kommenden Jahren die Alltagsmobilität aussehen? Kein anderes Thema wird kontroverser diskutiert. Sich selbst befeuernde Meinungen gewinnen die Oberhand. Fakten spielen immer weniger eine Rolle und Meinungen werden als Wissen „verkleidet“ in die Diskussion geworfen.

Es ist an der Zeit, dass diese Diskussion entemotionalisiert wird. Stellen wir mal die Fakten gegenüber:

A. Gesamtwirkungsgrad: 1. E-Mobilität circa 75 Prozent, 2. Wasserstoff circa 30 Prozent.

B. Treibstoffkosten: 1. E-Mobilität 4,50 Euro /100 km bei circa 0,30 Euro/kWh 2. Wasserstoff 9,50 Euro/100 km bei 9,50 Euro/Kg.

C. Lade-/Tankstellennetz BRD: 1. E-Mobilität ca. 24 000 gesamt, Ionity bis zu 350 KW; 2. Wasserstoff rund 100

D. Reichweite: 1. E-Mobilität bis zu 500 km, 2. Wasserstoff bis zu 500 km,

E. Ladedauer: E-Mobilität circa 20 Minuten bei Ionity/Tesla, 2. Wasserstoff 3 bis 5 Minuten.

Die zukünftige Mobilität – idealerweise aus regenerativer Energie – wird zunehmend elektrisch sein. Auf dem Weg dorthin wird es weiterhin reichweitenunabhängige Hybridvarianten geben. Wasserstoff geht mit systembedingten Wettbewerbsnachteilen ins Rennen. Die Produktion von Wasserstoff ist aufwendig. Sein chancenloser Wirkungsgrad, eine nicht alltagstaugliche Tankstelleninfrastruktur und der erhebliche Betriebskostennachteil (mehr als das Doppelte der E-Mobilität) sind unter anderem die Ursache für ein sehr geringes Produktangebot. Für Lkw, Busse und Industrieanlagen könnte Wasserstoff jedoch langfristig eine Alternative darstellen. E-Fahrzeuge benötigen fast keine Inspektionen mehr vor Ort. Über das sogenannte OTA-System (Over the Air) werden Inspektionen in Form von Software-Updates durchgeführt – ähnlich eines Smartphones.

Ein E-Fahrzeug hat nur noch rund 20 Prozent der Bauteile eines Verbrenners. Die aktuellen E-Fahrzeug-Hersteller folgen mit acht Jahren und 160 000 Kilometer in den Garantiebedingungen dem Beispiel Teslas.

Ein aktueller Kostenvergleich, auf ADAC-Daten beruhend, hat einen Betriebskosten/Wertverlust–Vorteil beispielsweise eines Tesla Model 3 (es gibt leider kein adäquates deutsches Modell) im Vergleich zu einer deutschen Mittelklasse-Limousine mit Benzinmotor von bis zu 5000 Euro pro Jahr ergeben. Am Rande bemerkt: Welche Benzin- oder Diesellimousine beschleunigt in 3,5 Sekunden (Lamborghini Werte) von 0 auf 100 Stundenkilometer?

Für die Herstellung von E-Mobilen verlieren 134 Jahre automobile Ingenieurskunst und Branchenerfahrung zusehends an Bedeutung. Der Unternehmenswert von Tesla übersteigt inzwischen den Wert von Traditionsmarken wie BMW und Mercedes.

Für das Lithium eines Akkus mit einer Kapazität von 64 Kilowattstunden (kWh) werden nach den gängigen Berechnungsmethoden 3840 Liter Wasser verdunstet. Das entspricht in etwa dem Gesamtwasserverbrauch der Produktion einer halben Jeans. Der Kobaltanteil beispielsweise eines Tesla-Akkus liegt nur noch bei 2,8 Prozent.

In wenigen Jahren werden Akkus auf den Markt kommen, die ganz ohne Kobalt auskommen. Reichweiten von bis zu 1000 Kilometer werden künftig Realität sein. Ein 64-kWh-Akku (Tesla Model 3) ermöglicht zurzeit eine Reichweite von rund 400 Kilometern. Bei 2000 Ladezyklen kommt man jetzt schon auf eine Gesamtfahrleistung von 800 000 Kilometern.

Die Tatsache, dass Tesla für diesen Faktencheck bemüht wird, ist alleine dem Umstand geschuldet, dass die gesamte Branche Tesla lange nicht Ernst genommen hat und somit wenig vergleichbare oder keine E-Fahrzeuge im Programm hat. Aber auch hier gilt: „Keiner ist vor Erkenntnisgewinn gefeit.“

Die 2020er Jahre bringen eine wahre Produktoffensive der E-Mobilität. Mit großen Investitionen starten beispielsweise die deutschen Hersteller in den Wettbewerb. Ionity, ein 2017 gegründetes Unternehmenskonsortium von VW, Daimler, BMW und Ford, baut mit großen Investitionen eine europaweite Ladeinfrastruktur mit bis zu 350 KW auf.

Ich persönlich habe großes Vertrauen in die Innovationskraft, Investitionsfähigkeit und die Ingenieurskunst der deutschen Automobilindustrie. Die Zeit des Zauderns scheint endgültig vorbei zu sein. Elektromobilität wird durch die ansteigenden Stückzahlen kostengünstiger, die Ladeinfrastruktur wird ausgebaut.

Hinzu kommen noch die emotionalen Aspekte. Der Genuss eines lautlosen Dahingleitens, atemberaubender Beschleunigungserlebnisse sowie faszinierende Assistenzsysteme werden auch echte „Petrolheads“ überzeugen.

Eines der innovativsten „Assistenzsysteme“ wird das autonome Fahren sein. Über 30 Billionen Rechenschritte/Sekunde werden von Hochleistungsprozessoren vollzogen. Mobilität wird komfortabler und in erster Linie sicherer. Über 90 Prozent der Unfälle – auf menschliches Fehlverhalten beruhend – werden vermieden. Ein Computerprozessor leidet nicht unter mangelnder Konzentration, überschätzt sich nicht selbst, ist immer ausgeschlafen und trinkt keinen Alkohol.

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