Immer häufiger sagen Patienten die Termine ab
Physiotherapeuten haben Existenzangst

Steinfurt -

Anja Jüttemann kennt Kollegen, die haben Umsatzverluste von 90 Prozent. „Eine Praxis in Borghorst hat schon geschlossen.“ Sie selbst, die Physiotherapie in Horstmar und Burgsteinfurt anbietet, zählt sich da noch zu den Glücklicheren. „Bei mir bleiben mehr als die Hälfte aller Patienten weg.“ Der Grund liegt auf der Hand: „Viele zählen zu den Risikogruppen und haben Angst, sich mit Corona anzustecken.“

Donnerstag, 26.03.2020, 17:20 Uhr aktualisiert: 27.03.2020, 17:46 Uhr
Die Physiotherapeuten haben Existenzangst, die Patienten sagen reihenweise ihre Termine ab.
Die Physiotherapeuten haben Existenzangst, die Patienten sagen reihenweise ihre Termine ab.

 

Diese Befürchtung haben natürlich auch Anja Jüttemann und ihre Kolleginnen selbst. „Bei einer Lymphdrainage habe ich eine Stunde lang in einem Raum engen Hautkontakt mit dem Patienten. Das kann man mit dem Einkauf im Supermarkt nicht vergleichen“, macht die Praxischefin deutlich. Darum der hygienische Vollschutz: Maske, Brille, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Da taucht aber das nächste Problem auf: Die Schutzausrüstungen sind nur noch schwer zu bekommen. „Der einfache Mundschutz kostet das Zehnfache wie sonst“, erzählt Anja Jüttemann. Die bessere Variante liege in der Apotheke mittlerweile bei 19 Euro das Stück. Wenn die Physiotherapeutin nur 21 Euro für eine Behandlung abrechnen kann, setzt sie unterm Strich noch zu.

Die Physiotherapeuten wären darum froh gewesen, wenn sie im gerade vom Bundestag verabschiedeten Krankenhausentlastungsgesetz berücksichtigt worden wären, nach dem zum Beispiel Krankenhäuser Zuschläge für die persönliche Schutzausrüstung des Personals erhalten. „Ein Traum wäre gewesen, wenn wir für den Ausfall der Therapiesitzungen einen Ausgleich bekommen hätten.“ Dieser Traum ist mit der Verabschiedung des Gesetzes aber erst einmal ausgeträumt.

Anja Jüttemann und ihre Kollegen machen weiter. „Wir werden unsere Patienten nicht im Stich lassen“, betont sie. Ansporn erhalten sie durch Begebenheiten wie diese: „Da hat uns eine unbekannte Person zehn selbstgenähte Mundschutze geschenkt.“

Um den Kontakt mit den Patienten zu halten, bieten einige Praxen mittlerweile Video-Sprechstunden an. „Das kann die manuelle Therapie zwar nicht ersetzen, hilft aber durch einfache Beratung oder das Zeigen von Übungen“, betont Anja Jüttemann. Diese Form der Sprechstunde bezahlt auch die Krankenkasse. Trotzdem, an dem Grundproblem ändert sich nichts. Bleiben die Patienten weg, müssen die Praxen schließen.

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