„Geben Sie dem Tag Struktur“
Familienleben in Zeiten der Pandemie: Was rät der Psychologe?

Steinfurt -

Die Kinder zuhause, der Vater in Kurzarbeit und wegen der Kontaktsperre kaum Möglichkeiten, die sozialen Kontakte in der gewohnten Form zu pflegen – Bendfeld weiß: Es ist der ideale Nährboden dafür, dass Konflikte losbrechen. Tobias Bendfeld, Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Diakonie in Steinfurt, hat Tipps, wie Familien den Alltag in der Pandemie-Krise bewältigen können.

Sonntag, 29.03.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 30.03.2020, 08:11 Uhr
Unterricht von Zuhause aus: Damit der Alltag während der Pandemie nicht zu sehr aus den Fugen gerät, ist es wichtig, feste Strukturen aufzubauen, sagt Tobias Bendfeld (kl. Bild).
Unterricht von Zuhause aus: Damit der Alltag während der Pandemie nicht zu sehr aus den Fugen gerät, ist es wichtig, feste Strukturen aufzubauen, sagt Tobias Bendfeld (kl. Bild). Foto: imago images/MiS

Der Kontakt von Angesicht zu Angesicht, wie sonst durch die Bank üblich, ist derzeit bei der Arbeit der Mitarbeiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche an der Wasserstraße nicht möglich. Zu groß wäre die Gefahr einer Corona-Infektion und damit der Schließung der von der Diakonie getragenen Einrichtung. Telefonisch sind Leiter Tobias Bendfeld und sein Mitarbeiterteam aber nach wie vor für die Ratsuchenden da.

Und sie haben in der aktuellen Krisenzeit erhöhten Beratungsbedarf. „Vor allem in den ersten Tagen nach dem Beschluss der Landesregierung, Schulen und Kindergärten zu schließen, war der Ansturm groß“, berichtet der Diplom-Psychologe. Doch auch jetzt, wo sich der Corona-Alltag langsam Bahn bricht, sei die Nachfrage nach wie vor hoch.   

Die Kinder zuhause, der Vater in Kurzarbeit und wegen der Kontaktsperre kaum Möglichkeiten, die sozialen Kontakte in der gewohnten Form zu pflegen – Bendfeld weiß: Es ist der ideale Nährboden dafür, dass Konflikte losbrechen. Seine wichtigster Rat, um Stress in der Familie zu vermeiden: „Geben Sie dem Tag Struktur.“ Wann sind Essenszeiten, wann werden die Hausaufgaben gemacht und welche Freizeitaktivitäten sind geplant? Herrscht zu solch grundlegenden Dingen Verlässlichkeit, mache dies das Zusammenleben in schwierigen Zeiten leichter.

Wichtig sei, alle Familienmitglieder in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Optimal sei die Erstellung eines Wochenplanes, der einen gewissen Rhythmus vorgibt. Bendfeld: „Eine solche Strategie hat einen hohen Wert, weil ein Plan die Umsetzung von Vorhaben leichter macht.“

Fast ausnahmslos für alle sei die aktuelle Corona-Krise eine Ausnahmesituation, die jeden vor große Herausforderungen stellt. „Die Kontrolle über sein Leben zu behalten und Kontakt zu nahe stehenden Personen zu haben, ist ein Grundbedürfnis, das gerade massiv beeinträchtigt ist“, betont Bendfeld. Die Folge seien Verunsicherung und Angstgefühle. Der Diplom-Psychologe rät, sich während einer solchen Zeit bewusst darüber zu werden, über welche Dinge man trotz allem noch die Kontrolle hat – und sich darauf zu fokussieren. So könne die drohende Spirale negativer Gedanken durchbrochen werden.

Das gelte insbesondere auch für den Umgang mit modernen Medien. „Wir werden derzeit ja geradezu bombardiert von Informationen zur Pandemie“, konstatiert Bendfeld. Um da nicht in eine Dauerschleife mit entsprechenden psychischen Folgen zu geraten, sei es unerlässlich, die Befriedigung des sicherlich wichtigen Infobedarfs bewusst zu steuern. „Suchen Sie sich die Kanäle, von denen sie wissen, dass sie verlässliche Informationen liefern“, so der Fachmann, der zudem eine strenge Zeitlimitierung befürwortet.

Apropos Zeit: Die aktuell sich auftuenden Freiräume sollten genutzt werden, um präventiv dem drohenden Aufbrechen von Konflikten entgegenzuwirken. Ein guter Ansatz sei Bewegung in jeglicher Form. Ein Spaziergang, eine Radfahrt, aber auch zum Beispiel sportliche Übungen zuhause nach Anleitung von einem durch den Sportverein ins Netz gestelltes Video – all das trage dazu bei, den Kopf frei zu bekommen und die angesichts der Krise sich aufbauenden negativen Gedanken nicht allzu viel Spielraum zu lassen.

Für keine so gute Idee hält es Bendfeld, gerade jetzt in Diskussionen mit seinem Partner oder Familie über weitreichende, eventuell auch belastende Entscheidungen zu treten. Warten sei in der derzeitigen Ausnahmesituation die bessere Wahl.

Und wenn das alles nicht hilft? „Verwandte und Freunde um Rat fragen, wie sie mit bestimmten Problemen umgehen“, zeigt Bendfeld eine weitere Alternative auf. Und last but not least seien da ja auch noch die professionellen Beratungsstellen, die verlässlich auch in dieser schwierigen Zeit Ratsuchenden zur Seite stehen.

Die der Diakonie in Burgsteinfurt ist auch weiterhin täglich in der Zeit von 8.30 bis 13 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr telefonisch unter 02551/86370 erreichbar, per E-Mail sind Anfragen jederzeit an eb@dw-st.de möglich.

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