Heinrich Kreft recherchiert die Geschichte von Hermann Bernhard Grautmann in der Bundesfestung Luxemburg
Ein Borghorster Musketier

Steinfurt -

Dr. Heinrich Kreft, deutscher Botschafter in Luxemburg, ist ein Mensch, der sich für Geschichte interessiert. Insbesondere für die Lokalhistorie seines Heimatortes Borghorst. Jetzt ist er per Zufall auf das Schicksal des gebürtig aus Borghorst stammenden Hermann Bernhard Grautmann aufmerksam geworden. Der Ostendorfer war im 19. Jahrhundert als Musketier in der Bundesfestung Luxemburg als Soldat eingesetzt – mit ungutem Ausgang.

Samstag, 08.08.2020, 16:04 Uhr aktualisiert: 09.08.2020, 13:38 Uhr
Die Original-Grabsteinplatte des Borghorster Musketiers Hermann Bernhard Grautmann hängt
Die Original-Grabsteinplatte des Borghorster Musketiers Hermann Bernhard Grautmann hängt

Er ist ein weit gereister Mann und findet doch immer wieder zurück nach Steinfurt. Dort ist er aufgewachsen und dorthin hält er Kontakt. Heute ist Dr. Heinrich Kreft deutscher Botschafter in Luxemburg (wir berichteten). Kreft meldet sich jetzt mit einer Geschichte aus dem Großherzogtum, die ihn mit seiner Heimat verbindet und ihn zu einigen Nachforschungen angeregt hat. Seine ausführlichen Recherchen will er den Borghorster Heimatblättern für eine Veröffentlichung zur Verfügung stellen.

Kreft berichtet davon, dass er gerne alte Friedhöfe besucht, die viel über die Geschichte eines Ortes und der Menschen aussagen. Auf einem Gottesacker im Luxemburger Stadtteil Clausen, ganz in der Nähe des Geburtshauses von Robert Schuman, finden sich nicht nur Soldatengräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, sondern auch Ruhestätten aus der Zeit von 1815 bis 1867, als der Friedhof als protestantischer Garnisonsfriedhof der Bundesfestung genutzt wurde. Beim Studium älterer Grabtafeln ist Kreft auf die Grabtafel des Musketiers Hermann Bernhard Grautmann gestoßen, einem gebürtigen Borghorster. Er war als Mitglied der 7. Kompanie des 36. Infanterie-Regiments Teil der preußischen Garnison der Bundesfestung Luxemburg. Wie kam ein Borghorster in der Mitte des 19. Jahrhunderts dorthin? Und welches Schicksal hat ihn dort ereilt? Kreft hat sich auf Spurensuche begeben.

Um Grautmanns Geschichte zu verstehen, taucht Kreft zunächst ab in die wechselhafte Historie der mittelalterlichen Stadt Luxemburg – auch das Gibraltar des Nordens genannt. Sie hat seit dem 16. Jahrhundert besondere militärische Bedeutung. Burgunder, Franzosen sowie die spanischen und österreichischen Habsburger beherrschten den Standort, bauten diesen kontinuierlich aus. Nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo besetzten preußische Truppen am 8. Juli 1814 die Festung und sollten 53 Jahre lang, bis zum 9. September 1867 bleiben. Kreft beschreibt die Entwicklungen: „So wie die Besetzung Luxemburgs durch preußische Truppen eine Folge der Niederlage Napoleons und der Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress war, so entstand 1815 die Provinz Westfalen mit der Hauptstadt Münster (und der alte Kreis Steinfurt) als eine von zehn Provinzen des neu strukturierten und deutlich nach Westen erweiterten Preußen.“

Herrmann Bernhard Grautmann wurde am 4. Januar 1830 in Lomans Kotten, in der Bauerschaft Ostendorf abends um halb sieben als fünftes von sechs Kindern des Webers Bernhard Hermann Grautmann und seiner Ehefrau Maria Gertrud Stüwing geboren. Die Taufe durch Pfarrer Elfers fand am 6. Januar in der alten Kirche St. Nikomedes mit den Taufpaten Johann Bernhard Lomann und Gertrud GroVorspel (sic) statt.

Den jungen Herrmann zog es zum Militär. Dort wurde er zum Musketier ausgebildet. Er gehörte dem 36. Regiment an, das Teil des VIII. Armee-Korps mit Sitz in Koblenz und vom November 1849 bis September 1861 Teil der Besatzung der Bundesfestung Luxemburg war. In seinem, wie auch mehreren anderen in Luxemburg eingesetzten Regimentern, dienten zahlreiche Westfalen. Grautmanns Regiment wurde 1860 in „Magdeburgisches Füsilier-Regiment Nr. 36“ umbenannt. Die Uniform war der „Bunte Rock“ (rote Brandenburger Ärmelaufschläge, rote Schulterstücke mit gelben Ziffern, gelber Linien-Adler).

Der Dienst in der Festung Luxemburg war für den Musketier Grautmann und seinen Kameraden aufreibend. Im Sommer wurden sie um 6, im Winter um 7 Uhr geweckt. Um 22 Uhr wurde in der Regel zum Zapfenstreich geblasen. Jeder Soldat, der sich nicht im Dienst befand oder keinen Erlaubnisschein zum Ausgang hatte, musste dann in der Kaserne sein. Die Bewegungsfreiheit wurde auch deshalb eingeschränkt, weil einige zur französischen Fremdenlegion desertiert waren.

Nach dem Exerzieren, das um 16 Uhr endete, sowie an den Samstagnachmittagen mussten die Soldaten die Kasernen unter Aufsicht der Kompanieadjutanten reinigen. Hierzu wurden jeweils Abteilungen zu verschiedenen Arbeitsdiensten abkommandiert. Nahezu permanent wurden die Soldaten zu Wachdiensten herangezogen. Der gemeine Soldat hatte in der Regel nur vier wachfreie Nächte im Monat.

Es ist nicht bekannt, woran Hermann Bernhard Grautmann im Lazarett gestorben ist, schreibt Kreft weiter. Da es in seiner Luxemburger Zeit keine Kampfhandlungen gab, sei es wahrscheinlich, dass er an einer Erkrankung verstarb.

Die Lebensumstände in der auf hohen Felsen gebauten Festungsstadt waren schwierig. Die mangelhafte Wasserversorgung und Abwasserentsorgung habe mehrfach zu Cholera- und Typhusepidemien geführt. Auch die hygienischen Verhältnisse in den feuchten und kalten Kasernen seien insbesondere für die Mannschaften äußerst prekär, schildert Kreft die Lebensbedingungen der Soldaten.

Aufgrund der Raumnot zwischen den engen Mauern der mit 23 Kilometer langen Gängen auch großenteils unterirdischen Festung hätten sich öfter auch zwei Soldaten ein Bett teilen müssen.

Das Friedenslazarett der Garnison war ab 1818 in der ehemaligen Münster-Abtei im Stadtgrund untergebracht. Es geriet in den Folgejahren baulich immer mehr in einen beklagenswerten Zustand. Schwerkranke wurden auf Stroh gebettet. Es gab auch keine abtrennbaren Räume für Patienten mit ansteckenden Krankheiten. Heute, so schreibt Kreft weiter, wird die Abtei als Kulturzentrum genutzt, unter anderem vom deutsch-französisch-luxemburgischen Kulturinstitut „Institut Piere Werner“.

Der Tod des nach wie vor im luxemburgischen Clausen ruhenden Musketiers wird laut Krefts Recherchen auch im Sterberegister von Grautmanns Heimatgemeinde aufgeführt. Der entsprechende Vermerk (ein Nachtrag) im Kirchenbuch von St. Nikomedes lautet: „X Hermann Bernard Grautmann 22 5/6 Jahre alt, gestanden in Luxemburg als Soldat am 15. Nov. 1852 gestorben.“

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