Rainer Bernickel, Petra und Vanessa Kreyenschulte überraschen Trucker an Weihnachten
Bescherung am Besenstiel

Steinfurt/Münsterland -

Rainer Bernickel, Petra und Vanessa Kreyenschulte haben sich während der Feiertage auf den Weg gemacht und Brummifahrern eine Bescherung mit dem Besenstil bereitet. Seit über zehn Jahren organisiert der 74-jährige Bernickel ehrenamtliche Unterstützung für die Trucker.

Sonntag, 27.12.2020, 15:04 Uhr aktualisiert: 28.12.2020, 14:04 Uhr
Rainer Bernickel, Tochter Petra und Enkelin Vanessa sind an den Feiertagen auf den Rastplätzen des Münsterlandes, um den Truckern eine Über
Rainer Bernickel, Tochter Petra und Enkelin Vanessa sind an den Feiertagen auf den Rastplätzen des Münsterlandes, um den Truckern eine Über Foto: Axel Roll

Maxim sitzt schon seit sechs Jahren auf dem Bock. Weihnachten auf einem deutschen Rastplatz, das ist für den 35-jährigen Ukrainer aber eine ungeliebte Premiere. Am Morgen hat er mit seiner Familie telefoniert. Es wird noch zwei Monate dauern, bis er wieder zu Hause ist. Erst geht es jetzt nach Norwegen. „On monday“, wie er in gebrochenem Englisch erklärt. Das heißt, die graue Eintönigkeit und Tristesse auf dem Parkplatz Münsterland-Ost halten den Trucker noch zwei weitere Nächte in der Fahrerkabine seines 40-Tonners gefangen. Draußen pfeift der Wind und drückt den Münsterländer Landregen gegen die verhangene Frontscheibe. Plötzlich pocht es dreimal an seine Fahrertür. Maxim schiebt die Gardine beiseite, schaut herunter auf den nassen Asphalt – und staunt nicht schlecht, steht da doch ein weiblicher Weihnachtsmann mit langen blonden Haaren und hält ihm an einem Besenstiel eine offensichtlich ziemlich schwere Tragetasche ans Fenster. „For you, a little Christmas-present“, ruft Vanessa Kreyenschulte dem verdutzten Brummifahrer entgegen. Der greift beherzt zu, bedankt sich artig und wünscht dem unerwarteten Besuch ebenfalls frohe Weihnachten.

Über 70 Tüten verteilen die corona-maskierte Weihnachtsfrau, Mutter Petra und Großvater Rainer Bernickel an diesem Morgen des ersten Weihnachtstages. Desinfektionsmittel, Masken, natürlich etwas Süßes, ein paar warme Socken, Warnweste und so nette Kleinigkeiten wie die Mini-Tannenbäume, die die Altenbergerin Gisela Zotzki für die einsamen Trucker gehäkelt hat – die Drei wollen einfach nur Danke sagen. „Die Fahrer, die an den Feiertagen auf den Rastplätzen stehen, sind die Ärmsten der Armen in diesem Job“, weiß Rainer Bernickel aus seinem langen Berufsleben als Autobahnpolizist. Seit über zehn Jahren organisiert der 74-Jährige ehrenamtliche Unterstützung für die Trucker, als Mitbegründer des Vereins DocStop vor allen Dingen medizinische Hilfe. Bernickel fährt sowohl Weihnachten als auch Ostern die Rastplätze ab und verteilt Aufmerksamkeiten, die ihm viele Sponsoren immer wieder zur Verfügung stellen. „Mich regt das wahnsinnig auf. In der Corona-Krise werden die Lkw-Fahrer plötzlich hochgejubelt als die Helden der Landstraße, die unsere Versorgung sicherstellen. Dann werden sie wieder fallengelassen, müssen auf Rastplätzen rumstehen, ohne sich waschen zu können. Da ist keine Konstanz.“

Die Trucker, die das DocStop-Trio am Weihnachtsmorgen besucht, kommen allesamt aus Europas Osten. Keiner spricht Deutsch, die meisten ein bisschen Englisch, viele bedanken sich auf Russisch. „Spasibo.“ „Die deutschen Lkw-Fahrer sind fast alle zu Hause, es sei denn, sie müssen Termin-Frachten fahren“, weiß Rainer Bernickel.

Die kleine Geste der Anerkennung, die wegen der Corona-Gefahr durch den Besenstiel mit Distanz erfolgen muss, zeigt große Wirkung. Einigen der vermeintlichen Königen der Landstraße schießen die Tränen in die Augen, wenn Petra und Vanessa Kreyenschulte an die Cockpit-Türen über ihren Köpfen klopfen. Andere klettern sofort aus dem Fahrerhaus, um noch schnell ein Handy-Foto mit der hübschen Weihnachtsfrau zu machen.

Die Rastplätze entlang der A1 stehen nicht so voll wie an einem normalen Wochenende. Weit kommen die DocStopper trotzdem nicht. Münsterland-West und -Ost, Plugger Heide, Kromer Heide, Autohof Espenhof – und schon sind alle Tüten weg.

Vanessa ist bei ihrem Einsatz mächtig warm geworden. Zwischen den Fließband-Bescherungen packt sie mit den anderen beiden Mitstreitern neue Überraschungstaschen. Mutter Petra garniert die Geschenkesammlungen mit den persönlichen Basteleien der Steinfurter, die sie per Facebook für die Aktion gewinnen konnte. Weihnachtsbaumschmuck, Papierherzchen, die gehäkelten Tannenbäumchen fürs Armaturenbrett – für die Trucker zeigten viele Herz. Wie die Jungs vom Burger King am Grevener Autohof für die Helfer. Die beobachten aufmerksam, wie Vanessa und Petra die Front der 40-Tonner abschreiten und spendieren dem Weihnachtsbesuch spontan einen heißen Kaffee.

Was an diesem Feiertagsmorgen auffällt: Egal, ob Ukrainer, Serbe, Bulgare, Rumäne, Littauer, Lette oder Pole: Selbstmitleid ist für die Lastwagenfahrer ein Fremdwort. Alex, 55 Jahre alt und aus der Nähe von Kiew, fährt am Montag weiter nach Frankreich. Er beantwortet die Frage, ob er traurig ist, Weihnachten auf dem Rastplatz feiern zu müssen, mit einer Gegenfrage, bevor er die Scheibe hochkurbelt: „What can I do? It‘s my job.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7740624?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F186%2F
Nachrichten-Ticker