Zum Tode von Prof. Dr. Hans-Uwe Lobbedey: Westfalens Archäologie-Koryphäe war auch in Burgsteinfurt aktiv
Die Geheimnisse der Großen Kirche

Burgsteinfurt -

Er galt als einer der Herausragendsten seines Fachs in Westfalen: Anfang Januar starb

Mittwoch, 13.01.2021, 14:07 Uhr aktualisiert: 13.01.2021, 18:30 Uhr
Die schweren Grabplatten an der Außenmauer der Großen Kirche lagen ursprünglich als Fußboden im Gotteshaus. Bei der Grabungen in den 1950er- und 60er-Jahren gab es zahlreiche Knochen- und Schädelfunde.
Die schweren Grabplatten an der Außenmauer der Großen Kirche lagen ursprünglich als Fußboden im Gotteshaus. Bei der Grabungen in den 1950er- und 60er-Jahren gab es zahlreiche Knochen- und Schädelfunde. Foto: gh

Ausführlich werden Grabungsfunde der 1950er- und 60er-Jahre dokumentiert und ausgewertet. Gemeinsam mit dem früheren Stadtarchivar Fritz Hilgemann hatte Lobbedey die rätselhaften Funde beleuchtet. Bis heute sind die Rätsel um die Entstehungsgeschichte der Großen Kirche nicht vollständig gelöst. Im vergangenen Herbst hatte der Historiker Dr. Christof Spannhoff in einem Vortrag des Heimatvereins Burgsteinfurt versucht, Licht in das Dunkel zu bringen.

Beginn der Grabungen, an dem Lobbedey als junger Wissenschaftler mitwirkte, war 1957. Dabei wurden zugemauerte Tür- und Fensteröffnungen früherer Bauepochen sowie Fundamente freigelegt. Als 1963 und 1964 im Inneren der Kirche Gräben für Heizungsschächte ausgehoben wurden, stießen die Archäologen auf überraschende Funde. Es wurden Grundmauern freigelegt, die auf eine Datierung zurück zu den Anfängen der Christianisierung schließen ließen. Lobbedey schrieb dazu: „Dem romanischen Bau geht ein älterer von unbekannter Zeitstellung voran. (…) Die von historischer Seite vorgetragene These, dass die Burgsteinfurter Kirche im frühen 9. Jahrhundert gegründet wurde, wird (…) weder bestätigt noch widerlegt. Die älteste Kirche dürfte aber in jedem Falle vor das 12. Jahrhundert zu datieren sein.“

Eines der ungelösten Rätsel zur Entstehung der Großen Kirche spricht Lobbedey im Schlusssatz der Dokumentation an: „Nach allem scheint es nicht ausgeschlossen, dass nördlich der Kirche ein Hof der Steinfurter Herren lag, vielleicht der, auf dessen Grund in früher Zeit die Kirche errichtet worden war.“

Der Archäologe war damals als Assistent von Dr. Thümmler vom Denkmalamt vor Ort. Die spannenden Ausgrabungen miterleben durften indes auch Friedrich Menke und Günther Hilgemann. In den Sommerferien 1964 hatten die beiden Schüler des Arnoldinums beim damaligen Bauunternehmen Arning & Köster einen Ferienjob angenommen. Innenputz von den Wänden klopfen, tonnenschwere Grabsteine, die als Fußboden in der Kirche ausgelegt waren, mit einfachen Flaschenzügen hochwuchten und Gräben ziehen, gehörte zu den Aufgaben. Dabei wurden Unmengen von Knochen und Schädeln, die unter dem Fußboden verstreut lagen, gesammelt. Fritz Menke erinnert sich: „Die hat der Küster regelmäßig auf einer Schubkarre aufgehäuft und draußen in Gruben verbuddelt.“

Ein Schädel ist beiden noch besonders im Gedächtnis geblieben: „Der hatte ein viereckiges Loch auf der Oberseite.“ Da wurde gemutmaßt, ob dieses Loch von einem Morgenstern, einer mittelalterlichen Hiebwaffe, die mit langen Dornen besetzt war, stammen könnte. Der Totenkopf wurde einige Tage aufbewahrt und wie eine Trophäe fotografiert.

Der Ferienjob bedeutete für die beiden Freunde indes nicht nur harte Arbeit allein. Auch der Spaß kam nicht zu kurz. Da sie nach Feierabend das leergeräumte Gotteshaus für sich hatten, nutzen sie die Gelegenheit, mit einer NSU Quickly über die ringsum aufgetürmten Sandhaufen Rallye zu fahren.

Ein weiterer Streich der Jugendlichen stand in direktem Zusammenhang mit dem Schädel. Jeden Tag hielten sich zwei Frauen an der Kirche auf, die lautstark auf einer Bank unter dem kleinen Fenster der fürstlichen Grabkapelle ihr Schwätzchen hielten. „Wir haben den Schädel auf einen Schüppenstiel gestülpt und oben vor das Fenster gehalten. Dann haben wir unheimlich klingende Laute von uns gegeben“, erinnert sich Hilgemann. Was folgte, war ein lauter Aufschrei von draußen. Die Damen hielten fortan woanders ihr Schwätzchen. Immerhin dieses Geheimnis der Großen Kirche ist jetzt gelüftet ....

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