Interview mit Janine Beiter von der Mobilen Jugendarbeit der Stadt zur Situation Jugendlicher im Corona-Lockdown
Digitaler Kontakt allein reicht nicht

Steinfurt -

Die Corona-Pandemie bestimmt seit Monaten das öffentliche Leben, das Thema wird medial in all seinen Facetten beleuchtet. Doch eine Perspektive kommt in den Diskussionen nur wenig vor: die der Jugendlichen. Wie geht es ihnen in der wichtigsten Phase ihres Erwachsenwerdens unter den Bedingungen der Pandemie? Welche Probleme haben sie, welche Sorgen treiben sie um?

Dienstag, 26.01.2021, 08:54 Uhr
Das Smartphone ist für viele Jugendliche auch aus Steinfurt zum ständigen Krisenbegleiter geworden. So kann der Kontakt zu Freunden gehalten werden. Den persönlichen Austausch mit Gleichaltrigen kann es indes nicht ersetzen.
Das Smartphone ist für viele Jugendliche auch aus Steinfurt zum ständigen Krisenbegleiter geworden. So kann der Kontakt zu Freunden gehalten werden. Den persönlichen Austausch mit Gleichaltrigen kann es indes nicht ersetzen. Foto: dpa

Die Corona-Pandemie bestimmt seit Monaten das öffentliche Leben, das Thema wird medial in all seinen Facetten beleuchtet. Doch eine Perspektive kommt in den Diskussionen nur wenig vor: die der Jugendlichen. Wie geht es ihnen in der wichtigsten Phase ihres Erwachsenwerdens unter den Bedingungen der Pandemie? Welche Probleme haben sie, welche Sorgen treiben sie um? Redaktionsmitglied Ralph Schippers fragte bei Janine Beiter nach. Sie ist Mitglied im Team der Mobilen Jugendarbeit der Stadt Steinfurt und kümmert sich speziell um den schulunterstützenden Dienst. Die entsprechende Stelle hatte die Stadt im Oktober vergangenen Jahres geschaffen und damit auf Anfragen der Schulen reagiert.

 

Frau Beiter, zunächst zu Ihrer Tätigkeit: Wie sehr hat sich diese in Zeiten von Corona verändert? Welche Angebote halten Sie für die Jugendlichen derzeit vor?

 

Janine Beiter: Wir erleben eine radikale Veränderung, da es keine Präsenzangebote geben kann. Ein direkter Kontakt zu den Jugendlichen ist nicht möglich, das macht den Beziehungsaufbau schwieriger. Jan Steinmüller und ich sind jetzt online unterwegs, zudem ist eine Hotline-Nummer geschaltet, um uns persönlich zu erreichen. Aber, wie gesagt, die Veränderung ist da. Ich selbst war zuvor in den Schulen präsent und habe dort feste Beratungszeiten gehabt. In der aktuellen Situation überlegen wir zusammen mit den Schulleitungen und Kollegien, aber auch mit den Jugendeinrichtungen, wo wir unterstützend und beratend hauptsächlich bei den Jugendlichen, aber auch den Eltern tätig werden können.

Jugendliche brauchen Kontakt zu anderen Jugendlichen – gerade in der Zeit des Übergangs zum Erwachsenwerden. Wie wirkt sich die Zwangsisolation auf die Psyche der Heranwachsenden aus?

 

Beiter: Wir haben schon das Gefühl, dass der zweite Lockdown dahingehend nochmals gravierendere Auswirkungen hat als der im Frühjahr. Seinerzeit hatte das Ganze noch etwas Neues, vielleicht sogar Aufregendes. Es wirkte alles überschaubarer, man nahm es locker, es gab sogar Verabredungen zu Online-Partys. Jetzt ist die Stimmung angespannter. Da eine Perspektive fehlt, bahnt sich Frustration Raum. Zudem verstärken sich die Ängste, wie die Situation bewältigt werden kann, vor allem natürlich auch in schulischer Hinsicht. Der fehlende Austausch mit Gleichaltrigen verschärft die Problematik zusätzlich. Dass sich die Kids als Reaktion öfter in sich zurückziehen, merken wir auch daran, dass es zum Beispiel weniger Resonanz auf Umfragen zur Lebenssituation unserseits gibt als noch im ersten Lockdown.

Jugendliche haben ein Recht auf angemessene Bildung – angesichts geschlossener Schulen und Distanzunterricht ist das schwierig. Wie geht es den Jugendlichen in dieser Situation? Wie stark leidet die Motivation?

 

Beiter: Man kann doch sehr deutlich feststellen, dass jetzt im zweiten Lockdown die Lernmotivation leidet. Das Problem liegt meiner Meinung nach aber auch darin begründet, dass viele Jugendliche nicht gelernt haben, selbstverantwortlich zu lernen. Viele wurden da nicht ausreichend herangeführt und stehen nun – auch angesichts der abrupten Veränderung – vor einer Herausforderung. Ich denke vor allem an die mittleren Jahrgänge der siebten oder achten Klasse: Sie bekommen relativ wenig Feedback und müssen auf der anderen Seite viel Eigenverantwortung zeigen. Jugendliche, die introvertierter sind und sich die Fähigkeiten früh erschlossen haben, oder auch die höheren Jahrgänge sind weniger betroffen. Aber viele sind auch sehr darauf angewiesen, dass die Eltern zuhause präsent sind. Das Lernen wird durch die Corona-Einschränkungen auf den Kopf gestellt: Das fängt schon damit an, dass man nicht vorwiegend schreibt, sondern die Aufgaben am Laptop erledigt – und dafür tippen können muss.

Jugendliche brauchen Orte, an denen sie zusammenkommen und sich austauschen können. Wie können sie die in Lockdown-Zeiten fehlenden Möglichkeiten kompensieren?

 

Beiter: Die Kontaktmöglichkeiten sind ja derzeit sehr beschränkt und wir merken bei unseren Rundgängen, dass die öffentlichen Orte in Steinfurt, an denen sich Jugendliche normalerweise treffen, deutlich weniger frequentiert sind als üblich. Man kann also sagen, dass die Jugendlichen, was die Einhaltung der Auflagen anbelangt, sehr diszipliniert sind. Wenn sie sich treffen, dann finden diese Zusammenkünfte online und in angestammten Kreis statt. Face-to-face-Kontakte können Online-Treffen zwar nicht ersetzen, aber auf der anderen Seite kann man auch froh darüber sein, dass es die Möglichkeit dazu überhaupt gibt. Wenn wir eine Gefahr sehen, ist das das Einholen von Informationen über die sozialen Medien, die oftmals stark personenbezogen und subjektiv, ja sogar, Stichwort Verschwörungstheorien, unrichtig sind.

Wie ist angesichts der aktuellen Entwicklung aus Ihrer Sicht die Akzeptanz des Lockdowns bei den Heranwachsenden?

 

Beiter: Man kann da durchaus Unterschiede zwischen der Situation im ersten Lockdown und aktuell feststellen. Das Hinterfragen der Maßnahmen und deren Richtigkeit aufgrund von Fallzahlen war im vergangenen Jahr deutlich stärker ausgeprägt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall: Die Zahlen sprechen ja für sich und auch die Dauer der Krise. Die Akzeptanz ist also da, allerdings werden die persönlichen Folgen und Fragen des Umgangs mit der Situation viel mehr thematisiert. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Alle wollen nur noch, dass es bald vorbei ist!

Welche Rolle spielt das familiäre Umfeld bei der Bewältigung der Krise? Wie angespannt ist die Situation im zweiten Lockdown?

 

Beiter: Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, die auf Einzelfällen beruht, kann ich sagen, dass die familiären Beziehungen deutlich an Gewicht zugenommen haben– was ja auch auf der Hand liegt, weil die Jugendlichen zwangsläufig ja auch viel zu Hause sind. Dabei gibt es allerdings eine durchaus zweigeteilte Situation: Es gibt Jugendliche, die es schön finden, mit ihren Eltern mehr gemeinsame Zeit zu verbringen und zum Beispiel Gesellschaftsspiele spielen. In Familien aber, wo es zuvor schon an der einen oder anderen Stelle gekriselt hat, nehmen die Spannungen, so unsere Erfahrung, an Schärfe zu. Daher der Aufruf an Jugendliche, wenn es Probleme gibt, ruft unsere Hotline an, wir sind für Euch da.

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