Walderhalt in Zeiten des Klimawandels: Bauminspektion einer 350-jährigen Eiche im Bagno
Verkehrssicherheit und Naturschutz

Steinfurt -

Verkehrssicherung und Natur- und Artenschutz am besten vollzogen werden? Um diese zentrale Frage drehte sich am Donnerstag bei der Bauminspektion einer alten Eiche im Bagno alles.

Donnerstag, 22.04.2021, 18:17 Uhr aktualisiert: 22.04.2021, 18:20 Uhr
Wie kann der Spagat zwischen Verkehrssicherung und Natur- und Artenschutz am besten vollzogen werden? Um diese zentrale Frage drehte sich am Donnerstag bei der alten Eiche im Bagno alles. In die Beantwortung ein brachten sich (v.l.) Maria Hundehege (Team Baum Stadt Steinfurt), Hans Schröder (Technischer Beigeordneter), Alexander Schlüter (Gutachter Artenschutz), Martin Rensing (Baumsachverständiger) und Jürgen Feldkamp (Leiter Team Baum). Angesichts des fortschreitenden Klimawandels nimmt die Bedeutung derlei Begutachtungen stetig zu: Nur wenige Meter weiter war Mitte März ein etwa gleichaltriger Baum plötzlich umgefallen (kl. Bild).
Wie kann der Spagat zwischen Verkehrssicherung und Natur- und Artenschutz am besten vollzogen werden? Um diese zentrale Frage drehte sich am Donnerstag bei der alten Eiche im Bagno alles. In die Beantwortung ein brachten sich (v.l.) Maria Hundehege (Team Baum Stadt Steinfurt), Hans Schröder (Technischer Beigeordneter), Alexander Schlüter (Gutachter Artenschutz), Martin Rensing (Baumsachverständiger) und Jürgen Feldkamp (Leiter Team Baum). Angesichts des fortschreitenden Klimawandels nimmt die Bedeutung derlei Begutachtungen stetig zu: Nur wenige Meter weiter war Mitte März ein etwa gleichaltriger Baum plötzlich umgefallen (kl. Bild). Foto: rs

Wenn sie sprechen könnte, die zwischen Konzertgalerie und Bagno-See direkt am Wanderweg stehende alte Stileiche hätte bestimmt viel zu erzählen: Auf „rund 350 Jahre“ schätzen Olaf Hoffmann , Revierförster der fürstlichen Domänenkammer, und sein Kollege vom „Team Baum“ der Stadt, Jürgen Feldkamp , den mächtigen Baum. Die Eiche steht an diesem Donnerstagvormittag im Mittelpunkt einer eingehenden Begutachtung samt Pflegemaßnahme.

Regelmäßig untersucht das Baumpflegeteam der Stadt die Bäume im Stadtgebiet auf ihren Gesundheitszustand – auch die im Bagno. Das Stichwort heißt Verkehrssicherungspflicht. Dabei wurde festgestellt, dass die Eiche aus der Anfangszeit der Parkanlage unter Pilzbefall leidet. „Am Stamm hat sich im unteren Bereich Braunfäule gebildet, die sich zuletzt stark ausgebreitet hat“, stellt Feldkamp fest. Wie weit der Verfall des Baumes fortgeschritten ist, der sich in seiner letzten Lebensphase befindet, soll nun im Rahmen einer Inspektion geklärt werden.

Hauptakteur vor Ort ist Martin Rensing. Der Ochtruper ist öffentlich bestellter Baumsachverständiger und untersucht den Stamm mittels einer sogenannten Bohrwiderstandsmessung. „So kann die Reststärke des gesunden Stammes bestimmt werden“, erklärt der Experte. Zusätzlich wird eine Schallmessung vorgenommen. Dabei werden Impulse in den Stamm geschickt und ausgewertet.

Ebenfalls im Auftrag der Stadt ins Bagno gekommen ist Alexander Schlüter. Der Forstingenieur aus Münster begutachtet die Eiche hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Artenschutz. Drei Spechthöhlen hat der freiberuflicher Ökologe in den Stämmen des rund 30 Meter hohen Baumes festgestellt. Eine davon ist bewohnt: Ein Kleiber hat dort sein Nest eingerichtet. Mit lautstarken Protestrufen begleitet das Männchen die Arbeiten.

Für die Baumexperten gilt es nun, einen tragfähigen Kompromiss zwischen Naturschutz, Baumerhalt und Verkehrssicherung zu finden. „Ein mitunter sehr schwieriger Spagat“, weiß auch Revierförster Hoffmann. Oftmals müsse die Sicherheit vorgehen, denn bei Unfällen müsse der Eigentümer für die Folgen gerade stehen. Das Ergebnis kann man zum Beispiel entlang der Landstraße 510 durchs Bagno sehen. Dort musste der Baumbestand in Straßennähe zurückgenommen werden.

Im Fall der 350-jährigen Eiche wird es, so das Ergebnis der Beratung der Experten vor Ort, nicht zur Fällung kommen. Das hat auch damit zu tun, dass der Baum zum so genannten Totholzprogramm des Landes NRW gehört. Das Umweltministerium hat seinerzeit Prämien an den Waldbesitzer gezahlt, damit bestimmte Bäume nicht mehr waldwirtschaftlich genutzt wird.

Insgesamt gibt es nach Schätzungen Hoffmanns rund 250 solcher Bäume im Bagno – erkennbar an einem roten Ring in der Rinde etwa in Mannshöhe. Das Problem: „Man hat damals bei der Auswahl noch zu wenig auf das Thema Verkehrssicherheit geachtet“, betont der Revierförster. Auch im Bagno stehen nicht wenige Programmbäume direkt an den Wanderwegen – nicht zuletzt auch die Eiche, um die es heute geht.

Der Kompromiss lautet schließlich, die Kronenstämme um rund zehn Meter oberhalb der höchsten Nisthöhle einzukürzen. So hat auch der Wind weniger Angriffsfläche. Die Arbeiten, die das bereits angerückte Team der Firma Stöppler aus Borghorst direkt im Anschluss ausführt, müssen so erfolgen, dass das brütende Kleiberpaar nicht vergrämt wird.

Wie notwendig regelmäßige Inspektionen und Begutachtungen angesichts der zunehmenden zerstörerischen Wirkung des Klimawandels bei Bäumen sind, zeigt das Beispiel der nur wenige Meter weiter am Weg stehenden ungefähr gleich alten Eiche, die Mitte März urplötzlich zu Boden gefallen ist. Es zeigt aber auch: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. „Von außen war der starke Pilzbefall, unter dem der Baum litt, nicht zu erkennen gewesen“, berichtet Jürgen Feldkamp. Seine und die Bitte des Kollegen Hoffmann ist daher an alle Waldbesucher, auf den Wegen zu bleiben, Absperrungen zu beachten und allgemein vorsichtig zu sein.

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