Tecklenburg
Finnland und sein solides Lehrerhandwerk

Donnerstag, 30.08.2007, 16:08 Uhr

Tecklenburg . Was ist das denn? Lehrerseminarleiter , die im Unterricht vormachen, wie es geht. Pädagogikprofessoren, die einmal in der Woche in die Schule gehen zum Unterrichten. Seit Jahrzehnten verpönter Frontalunterricht, der hervorragend funktioniert. Und dann noch auf den Müllhaufen der Pädagogik mit der Gruppenarbeit? Nein, nein, da hat wohl jemand fast vier Jahrzehnte Entwicklung pädagogischer Methodenvielfalt seit 1968, die man den Referendaren heute mehr denn je einbimst, verschlafen.

Oder jemand hat weiter geschaut, zuende überlegt, Bewährtes übernommen, gar Zäune um die Elfenbeintürme der Wissenschaft eingerissen. Professor Dr. Rainer Dollase (64) ist so ein Mann. Und ausgestattet mit einem stattlichen Renommee in der Fachszene, reichhaltiger Erfahrung und nicht zuletzt einer satten Portion Humor, darf es sich der Bielefelder Psychologe erlauben, eingefahrene Didaktikwege nicht nur zu verlassen, sondern sie total gegen den Strich zu bürsten.

Am Mittwochabend nahm er sein wohl 80-köpfiges Pädagogenpublikum – darunter auch Lehrerseminarleiter – in der GAG-Aula mit auf eine erstaunliche Reise ins Land der empirischen Unterrichtsforschung. Zwei Stunden Vortrag, zahlreiche Zitate aus Studien und viele praktische Ansichten machten deutlich: Die in der Theorie ausgefeilteste Methode, die progressivste Fachdidaktik muss in der Praxis funktionieren, sonst taugt sie nichts.

Wilde Hysterie hat Dollase in der Nach-PISA-Zeit sehen müssen. Da hatte sich Deutschland längst von der keineswegs nur schlechten, weil ach so autoritären alten Pädagogiktradition verabschiedet. Jetzt, so Dollase, habe alles nach Finnland geblickt und entdeckt: Die machen ja reichlich stinknormalen Frontalunterricht. Das ist ja ganz simples Lehrerhandwerk . Gruppenarbeit kennen die wohl gar nicht. So weit richtig, aber Dollase ergänzte: Klassen seien deutlich kleiner. Lehrer unterlägen in ihrer Ausbildung einer äußerst scharfen Auslese und unterrichten weniger. Es gebe drastisch mehr Schulpsychologen. Gewertet werde schriftliche Leistung, mündliches sich Produzieren falle flach.

Übertragen auf Deutschland bedeutet das zumindest zum Teil: Entscheidend sind auch die Fähigkeiten des Lehrers, der die gesamte Klasse wahrzunehmen hat, der verschiedene Prozesse simultan steuern können muss, der den Unterrichtsfluss zu gewährleisten hat, denn: „Unterricht ist geistige Vollbeschäftigung.“ Gegen Methodenvielfalt spreche ja nichts, nur ankommen müsse die Methode. Und auch ein klares Normen- und Regelsystem hält Dollase für richtig. Alle Beteiligten – Schüler, Lehrer und auch Eltern, hätten die Pflicht, ihren Teil zum Gelingen des Unterrichts beizutragen.

Seinen Begriff „autoritativer Stil“ definiert der Gelehrte als Kombination aus Wärme und Zuwendung, eigener unbedingter fachlicher Autorität, der Akzeptanz von Schülern, auch der eigenen Verlässlichkeit. Dollase: „Der kalte Unterrichtsmanager ist nicht gefragt.“

Auch Pädagogik-Revolutionen wie das Einschulen mit fünf lässt Dollase nicht durchgehen. Finnland schule mit sieben ein und sei besser. Gegen Gruppenarbeit hat der viel gefragte Wissenschaftler ja nichts, aber sie bedeutet für ihn, dass jeder seine klare Aufgabe habe, dass Arbeit fest verteilt werde und vor allem nicht Zeit mit Zerreden verplempert werde.

Fazit: Der ganze Methodenstreit sei Quatsch. Es komme darauf an, den Schüler zu erreichen. Und auf diesem Weg müssten Wissenschaft und Praxis viel, viel enger verzahnt werden.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/540204?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F187%2F702143%2F702148%2F
Spielen sonntags verboten
Der Schulhof der ehemaligen Josefsschule an der Hammer Straße: Hier, ist, wie auf allen Schulhöfen städtischer Schulen, das Spielen am Sonntag verboten.
Nachrichten-Ticker