Jugendhilfe sucht Gastfamilien
Kinder brauchen verlässliche Basis

Tecklenburger Land -

Sven (Namen von der Redaktion geändert) hatte schon als Kind Gewalt durch seinen Vater erfahren. Später, als er groß und stark genug war, gab er sie weiter und schlug seine Geschwister. Anfang 2011 ging nichts mehr. Der Vater war längst verschwunden und die Mutter vollkommen überfordert. Professionelle Hilfe war gefragt: Die Evangelische Jugendhilfe Münsterland, für die Martina Zeblin arbeitet, vermittelte Sven, inzwischen 14 Jahre, in eine Gastfamilie.

Dienstag, 28.10.2014, 07:10 Uhr

Das Team von JuMeGa: (von links) Martin Fülbier, Martina Zeblin und Heinz Stratmann.
Das Team von JuMeGa: (von links) Martin Fülbier, Martina Zeblin und Heinz Stratmann. Foto: Studio Rerich

Sven (Namen von der Redaktion geändert) hatte schon als Kind Gewalt durch seinen Vater erfahren. Später, als er groß und stark genug war, gab er sie weiter und schlug seine Geschwister. „Wahrscheinlich ist er auch in der Schule gemobbt worden“, vermutet Martina Zeblin . Anfang 2011 ging nichts mehr. Der Vater war längst verschwunden und die Mutter vollkommen überfordert. Die habe das Jugendamt eingeschaltet, berichtet die Sozialpädagogin. Professionelle Hilfe war gefragt: Die Evangelische Jugendhilfe Münsterland , für die Martina Zeblin arbeitet, vermittelte Sven, inzwischen 14 Jahre, in eine Gastfamilie .

In den nächsten drei Jahren wurde der Junge „stabil“, wie die Fachleute sagen. Mit den älteren Kindern kam er klar. Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung – das war hier kein Thema mehr. Auch nicht in der Schule. Zeblin und ihre Kollegen, die Pädagogen Heinz Stratmann und Martin Fülbier, begleiten solche jungen Menschen oft über viele Jahre. Aktuell ein gutes Dutzend Jugendliche oder größere Kinder entwickeln in neuen Familien erstmals Selbstwertgefühl. Die Evangelische Jugendhilfe mit Sitz in Steinfurt nennt ihr Projekt JuMeGa („Junge Menschen in Gastfamilien“) und verspricht sich von dem konsequent niederschwelligen Angebot einigen Erfolg: Ihre Klienten kommen in ganz normale Lebensgemeinschaften. Gastfamilien, die sorgfältig ausgewählt sind, aber keine besondere pädagogische Vorbildung mitbringen.

„Effekte sollen gerade aus der Normalität entstehen“, erklärt Zeblin. Da sind Geschwister, die regelmäßig ihre Schule besuchen. Gasteltern, die jeden Tag zur Arbeit gehen. Da wird gemeinsam gegessen, gelacht, auch gestritten und etwas unternommen. Weiterer Teil des Konzeptes: Der Kontakt zur Herkunftsfamilie bleibt. Die oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen erfahren funktionierenden Familienalltag, finden eine verlässliche Basis – und können ihre leiblichen Eltern treffen.

Die Evangelische Jugendhilfe ist professioneller Begleiter: „Wir sind regelmäßig in der neuen Familie, telefonisch 24 Stunden am Tag erreichbar und helfen in Krisen“, betont Zeblin. Voraussetzung sei, dass alle „Ja“ sagten zu dieser Dreiecks-Lösung. Der Jugendliche, die Herkunftsfamilie und die neue Gastfamilie, die dann – möglicherweise über viele Jahre – die Vollzeitpflege leistet.

In schwer wiegenden Fällen kann das Jugendamt die sogenannte Inobhutnahme, die Herausnahme aus einer Krisensituation, verfügen. Dann kann ein Wohngruppenplatz in einer Heimeinrichtung die Lösung sein, doch einige brauchen den intimen Rahmen einer Gastfamilie, um zur Ruhe zu kommen und eine Beziehung einzugehen. Die Gastmutter der damals 13-jährigen Senta erinnert sich an diese Phase: „Mit Sentas Einzug änderte sich so einiges bei uns.“ Selbstverständliche Abläufe des täglichen Lebens waren für das Mädchen eine neue Erfahrung. Regelmäßiges Zähneputzen, Ordnung im Zimmer, richtige Ernährung, Pünktlichkeit – alles war einzuüben und zu trainieren. Die ganze Familie verbrachte viel Zeit mit Senta, diskutierte, erklärte und gab Hilfe. Das neue Familienmitglied empfanden schließlich alle als Bereicherung.

Die Evangelische Jugendhilfe sucht weiter Gastfamilien ohne Altersbeschränkung mit den genannten Alltagskompetenzen. Erfahrungen mit eigenen Kindern sind keine Grundvoraussetzung. Für die Aufnahme bekommt die Gastfamilie eine angemessene Aufwandsentschädigung und wird eng begleitet.

Das Team aus Heinz Stratmann, Martin Fülbier und Martina Zeblin ist unter ✆ 0 54 59/93 21 25 oder per Mail unter der Adresse jumega-nord@ev-jugendhilfe.de erreichbar. Weitere Infos zu JuMeGa auch auf www.JuMeGa.org.

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