Erna de Vries überlebt Auschwitz
Die Gräueltaten nicht vergessen

Tecklenburg -

Den innigen Wunsch ihrer Mutter hat sie erfüllt: „Du wirst überleben und erzählen, was sie mit uns gemacht haben.“ Das war 1943, im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Erna des Vries hat überlebt und wird nicht müde, von den Gräueltaten der Nationalsozialisten zu berichten. Die 92-Jährige erzählt mit ruhiger Stimme von ihren schrecklichen Erlebnissen – sie sollen nicht in Vergessenheit geraten.

Dienstag, 17.11.2015, 23:11 Uhr

Erna de Vries beeindruckte die Jugendlichen. In deren Namen bedankten sich Amanta und Lisa sowie die stellvertretende Schulleiterin Angela Müller-Muthreich und ihre Kollegin Heike König (von rechts).
Erna de Vries beeindruckte die Jugendlichen. In deren Namen bedankten sich Amanta und Lisa sowie die stellvertretende Schulleiterin Angela Müller-Muthreich und ihre Kollegin Heike König (von rechts). Foto: Ruth Jacobus

In der Aula des Graf-Adolf-Gymnasiums ist es sehr still, die Hauptschüler hören gebannt zu. Das Gymnasium hat ihnen den Raum zur Verfügung gestellt. Organisiert wurde die Veranstaltung von Lehrerin Heike König.

Erna de Vries – ihr Vater war evangelischer Christ, ihre Mutter Jüdin – erzählt, wie ihr Zuhause in Kaiserslautern 1938 am Tag nach der Reichsprogromnacht verwüstet wurde. Als ihre Mutter 1943 deportiert werden sollte, bettelte sie bei dem zuständigen Beamten so lange, bis sie mitdurfte. Sie hörte, dass Ausschwitz das Ziel sei. „Das war ein schwerer Schlag“, so Erna de Vries. „Ich wusste, was Auschwitz bedeutet.“

Dort angekommen, hätten sie sich komplett ausziehen müssen. „Wir wurden geschoren, desinfiziert, registriert und tätowiert.“ Sie berichtete von Hunger, Durst und Schlägen, von Schlafkojen voller Ungeziefer, von ihrem täglichen Weg zur Arbeit, zwischen zwei Krematorien hindurch, wo Berge von Leichen gelegen hätten.

„Wer wirklich krank war und zur Krankenstation ging, kam nicht wieder“, erzählt sie mit leiser Stimme weiter. Doch sie war wirklich krank, was nicht unentdeckt blieb. Es folgte die Verlegung in Block 25, den „Todesblock“. Als sie gemeinsam mit anderen Frauen von dort auf einen Lkw getrieben wurde, habe sie nur einen Wunsch gehabt: „Ich wollte die Sonne noch einmal sehen.“

Sie sah die Sonne: Ein SS-Mann rief sie zu sich. Es gab einen Erlass, dass „Mischlinge“ in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt werden sollten, um dort im Siemenslager zu arbeiten. Dort erfuhr sie, dass ihre Mutter gestorben war.

„Dann kam der April 1945“, schildert die Holocaust-Überlebende weiter. Das Lager wurde geräumt, die Insassinnen machten sich zu Fuß auf den beschwerlichen Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. „Weiter vor uns sahen wir auf einmal Frauen, die lachten. Und dann einen amerikanischen Jeep. Und ich begriff: Wir sind frei.“

Über eine Stunde erzählt die 92-Jährige und nimmt sich Zeit, um Fragen zu beantworten. Die Schüler sind beeindruckt und machen sich nachdenklich auf den Weg nach Hause. Erlebt haben sie eine Geschichtsstunde, die im Gedächtnis haften bleibt – und eine bewundernswerte Frau.

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