Wohngruppe für traumatisierte Kinder
Sehnsucht nach der Familie bleibt

Tecklenburg -

Sieben Kinder und Jugendliche leben in der idyllisch gelegenen Intensivwohngruppe am Hermannsweg. Die Kinder sehen ihre Eltern in der Regel nur in Begleitung der Mitarbeiter der Einrichtung. Diese Treffen finden an einem neutralen Ort statt, das heißt nicht in der Gruppe und auch nicht in der eigentlichen Familie. „Die Wohngruppe bleibt dadurch für die Kinder ein sicherer Ort“, erläutert Projektleiterin Nicolé Adämmer diese Regel. „In fast allen Fällen haben die Kinder in ihrer Familie wiederholt länger andauernde schwere Bedrohung und Gewalt erfahren.“

Donnerstag, 24.12.2015, 15:12 Uhr

„Ich und meine Mama sind immer ausgerastet, dann haben wir uns beleidigt und beschimpft und so.“ Das sonst so fröhliche Gesicht des aufgeweckten zehnjährigen Lucas (alle Namen von der Redaktion geändert) sieht jetzt etwas traurig aus, sein Blick geht nach unten. „Ich bekomme aber jedes Jahr Weihnachtspost von ihr. Und ich habe ihr einen langen Wunschzettel geschrieben.“ Lucas war schon eineinhalb Jahre nicht mehr zu Hause. „Ich wünsche mir ein Weihnachten ohne Streit, aber mit mir und meiner Mama klappt das nicht.“ Das ist für den Jungen offensichtlich klar.

So ähnlich wie ihm geht es fast allen sieben Kindern und Jugendlichen in der idyllisch gelegenen Intensivwohngruppe am Hermannsweg. Die Kinder sehen ihre Eltern in der Regel nur in Begleitung der Mitarbeiter der Einrichtung. Diese Treffen finden an einem neutralen Ort statt, das heißt nicht in der Gruppe und auch nicht in der eigentlichen Familie. „Die Wohngruppe bleibt dadurch für die Kinder ein sicherer Ort“, erläutert Projektleiterin Nicolé Adämmer diese Regel. „In fast allen Fällen haben die Kinder in ihrer Familie wiederholt länger andauernde schwere Bedrohung und Gewalt erfahren.“

Lucas hat eine eigene Definition, warum er und die anderen hier sind: „Es gibt ja wie bei mir auch andere Eltern, die mit ihren Kindern Streit hatten, dass die Eltern mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben wollten, dass die Eltern ihren Kindern weh getan und nicht auf sie aufgepasst haben.“

Sein neuer Lebensort ist eine spezialisierte Einrichtung der evangelischen Jugendhilfe Münsterland für schwer traumatisierte Kinder- und Jugendliche. Lucas wird voraussichtlich lange hier bleiben.

Adämmer ist seit dem Start vor zwei Jahren die Leiterin der Gruppe und hat diese auch konzeptionell wesentlich mit dem Team gemeinsam aufgebaut. Bei jedem Kind hat die Erziehungswissenschaftlerin die Aufnahme in die Wohngruppe intensiv begleitet. Sie kennt die familiären Dramen, die sich zuvor im Elternhaus abgespielt haben: „Bei einem Teil der Eltern wurde das Sorgerecht entzogen. Bei den anderen haben die Eltern sich freiwillig entschieden, ihre Kinder in eine Wohngruppe zu geben in der Hoffnung, dass das Kind in gute Hände kommt, damit es unbeschadet aufwachsen kann.“

Die Wohngruppe liegt ländlich, wenige Kilometer außerhalb von Tecklenburg. Auf dem weitläufigen Gelände eines ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebes ist viel Platz, um sich austoben zu können. Der Wald liegt direkt vor der Haustür und ansonsten blickt man über Felder und Äcker. Beete und ein Gartenhäuschen laden zum Gärtnern ein. Es gibt eine Werkstatt, in der man sich handwerklich betätigen kann. Auf dem Hof ist noch eine weitere Gruppe angesiedelt. Diese ist personell knapper ausgestattet und eher für Jugendliche. Für älter werdende Kinder der Intensivwohngruppe besteht die Möglichkeit, in die benachbarte Wohngruppe später umzuziehen.

Das auf die Bedürfnisse der Kinder umgebaute Haus bietet Raum für sieben Mädchen und Jungen, die jeweils ein Einzelzimmer bewohnen. Der Wohn- und Essbereich mit offener Küche ist in diesen Tagen weihnachtlich geschmückt. Die Fenster wurden von den Kindern dekoriert und auf dem großen Esstisch, an dem alle sitzen können, steht ein Adventskranz. An einer Wand hängen ein großes Schild mit den Gruppenregeln und der Essensplan. Die Kinder entscheiden mit, was täglich auf den Tisch kommt. Eine Haushaltskraft sorgt mittags für das leibliche Wohl.

Das gut geschulte pädagogische Team umfasst acht Mitarbeiter mit verschiedenen Qualifikationen. Erzieher, Sozialpädagogen und Heilpädagogen decken die Dienste ab. Nachts ist ein Betreuer zugegen. Der hohe personelle Gesamteinsatz geht über das Normale von Regelwohngruppen im Jugendhilfebereich hinaus. Er sei nötig, um die „intensiven Verhaltensweisen der Kinder aushalten und bedienen zu können“, erklärt Adämmer. „Wir haben nicht nur aggressive Kinder, sondern auch Kinder, die aufgrund von anderen Auffälligkeiten bei uns sind.“

Die Gruppe sieht die Traumaarbeit als Lösungsweg an. Praktisch bedeutet dieses, dass das Team zum Beispiel auf verbale oder körperliche Angriffe der Kinder nicht unreflektiert reagiert. „Stattdessen wird geschaut, wo kommt dass gerade her“, führt die Erziehungswissenschaftlerin weiter aus. Alle Mitarbeiter haben sich intensiv mit dieser besonderen Pädagogik beschäftigt.

Matz ist von Anfang an in der Gruppe. An seiner Wand hängt eine Kinderzeichnung von einem Sportwagen: „Das ist ein Lamborghini!“ erklärt er mit seiner rauen, kratzigen Stimme. „Manchmal finde ich es gut, hier zu leben und manchmal nicht“, berichtet der schmächtige und doch kräftige Junge weiter. Er sitzt in seinem karg eingerichteten Zimmer und sortiert ein Autoquartett. Ein Schrank aus massivem Buchenholz, ein ebensolches Bett sind die einzigen Möbel. Alles andere, was zuvor schon mal in dem Zimmer stand und nicht aus massivem Holz gefertigt war, hat der Siebenjährige in seinen lang anhaltenden Wutphasen gegen die Wände geschmissen und zerstört. Weil Matz das weiß, bat er die Mitarbeiter die ihm wichtigen Sachen vorsorglich mit ins Büro zu nehmen. Diese passen auch auf, dass der Junge sich und andere in solchen Momenten nicht verletzt. Matz: „Das dauert meistens zehn Minuten oder ne halbe Stunde bis ich nicht mehr wütend bin.“ Zuhause gehörte Gewalt zu den normalen Verhaltensweisen der Eltern: „Mein Papa hat mich mehrmals die ganze Treppe runtergekullert, das war nicht gut – bumm, bumm, bumm, bumm, bumm!“

„Wir haben hier Kinder, für die sind wir die fünfte, sechste, siebte Station in ihrem Leben“, berichtet Adämmer. Aufgrund der massiven Schädigungen reichte der Rahmen in Pflegefamilie und normalen Wohngruppen nicht aus. „Jeder Mitarbeiter gibt hier sein Herzblut und investiert viel Kraft und Zeit in die Kinder“, so die Projektleiterin. Die Aufgaben am Hermannsweg sind somit gewaltig, denn hier soll nun der Ort sein, wo die schwer belasteten Kinder ausgehalten werden, wo sie bleiben können, bis sie groß und gesundet sind

Auf dem Weg dorthin helfen nicht nur die Pädagogen: „Meine Sorgenfresser müssen immer wach sein!“ Lena zeigt zwei Stoffpuppen mit dem charakteristischen Reißverschlussmund. „Ich habe zwar nicht jeden Tag Sorgen, aber die müssen jeden Tag arbeiten!“ Auch Robbi, Schmusi, Lotte, Jerry, Schlupp, Süssi und all die anderen Stofftiere helfen der Achtjährigen. „Mein Leben ist jetzt schon ein bisschen gut!“ Und trotzdem bleibt die große Sehnsucht nach der Familie und insbesondere nach der Mutter, die sich nur zweimal im Jahr telefonisch meldet.

Lena sieht es realistisch: „Ich wünsche mir schon, dass ich irgendwann wieder zu Mama zurückgehen kann. Aber dafür müssen meine Eltern sich anstrengen – bei mir dauert das eben, bis meine Eltern sich halt wirklich kümmern.“

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