Lengerich wollte eigene Prüfstelle
Streit um die Tecklenburger Legge

TEcklenburg -

Am Samstag, 9. September, und Sonntag, 10. September, findet in Tecklenburg der jährliche „Leinen- und Handwerkermarkt“ statt, der daran erinnert, dass das Tecklenburger Land früher ein Zentrum der Leinenherstellung war. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle eine kleine Episode aus dieser textilen Vergangenheit vorgestellt werden.

Donnerstag, 27.07.2017, 23:07 Uhr

Die Tecklenburger Legge wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in einem 1577 errichteten Torhaus untergebracht. Lengerich hätte auch gern eine solche Einrichtung gehabt.
Die Tecklenburger Legge wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in einem 1577 errichteten Torhaus untergebracht. Lengerich hätte auch gern eine solche Einrichtung gehabt. Foto: Christof Spannhoff

Am Samstag, 9. September, und Sonntag, 10. September, findet in Tecklenburg der jährliche „Leinen- und Handwerkermarkt“ statt, der daran erinnert, dass das Tecklenburger Land früher ein Zentrum der Leinenherstellung war. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle eine kleine Episode aus dieser textilen Vergangenheit vorgestellt werden:

Seit dem Mittelalter wurde im Tecklenburger Land Leinen hergestellt. Doch erst Mitte des 17. Jahrhunderts richtete der damalige Landesherr, Graf Moritz von Bentheim-Tecklenburg (1615–1674), eine Prüfstelle ein. Diese sollte dazu dienen, eine gleichbleibende Qualität der Leinwand zu gewährleisten, denn sie war vornehmlich für den Export bestimmt.

Die sogenannte Legge (zu niederdeutsch leggen ‚legen‘, weil die Leinenstoffe zur Prüfung auf einem großen Tisch ausgelegt werden mussten) wurde in einem 1577 errichteten Torhaus am Tecklenburger Marktplatz untergebracht. Ihre Einrichtung erfolgte nicht von ungefähr. Sie ist vor dem Hintergrund der Herausbildung eines atlantischen Wirtschaftssystems zu sehen, das im 17. Jahrhundert mit der verstärkten Besiedlung Nordamerikas und der Entstehung der südamerikanischen Plantagenwirtschaft Gestalt annahm. Tecklenburger Leinen war günstig und somit auf dem Weltmarkt begehrt. Mit der Einrichtung der Legge versuchte der Tecklenburger Graf, an dieser Konjunktur teilzuhaben, denn der gesamte Leinwandhandel seiner Grafschaft lief in der Folge über Tecklenburg.

Zumindest für die nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) chronisch leeren gräflichen Kassen war die Einrichtung der Legge eine wichtige Einnahmequelle. Ob die Leinenprüfstelle darüber hinaus auch einen positiven Einfluss auf den eigentlichen Leinwandhandel hatte, ist fraglich. Die Legge wirkte sich aber förderlich auf den übrigen Handel und das Gewerbe der Stadt Tecklenburg aus. Der Zwang, die Tecklenburger Legge aufzusuchen, brachte viele Menschen in das Burgstädtchen, die an Ort und Stelle weitere Geschäfte tätigten und Waren konsumierten.

Aus diesem Grund ist es zu erklären, dass sich auch Lengerich bereits seit dem 17. Jahrhundert um die Erlaubnis bemühte, eine eigene Legge einrichten zu dürfen. Das geht aus einem undatierten Schreiben der Lengericher Ortsvorsteher aus der Zeit um 1710 hervor. Dort heißt es, dass man sich bereits seit Bentheim-Tecklenburgischer Zeit (also vor 1706) um eine eigene Leinenlegge bemüht habe, was allerdings immer wieder durch die Tecklenburger Kaufleute verhindert worden sei.

Nachdem die Grafschaft Tecklenburg 1707 an Brandenburg-Preußen übergegangen war, versuchten die Lengericher erneut, vom ihrem neuen Landesherrn, dem preußischen König, eine Genehmigung zu erhalten. Die Ortsvorsteher begründeten ihr Ersuchen damit, dass die Tecklenburger Legge eigentlich von Anfang an in Lengerich anzusiedeln gewesen wäre, weil es ein in dem Flecken lebende Holländer namens ten Katen gewesen sei, der 1660 die Tecklenburger Legge „erfunden“ habe.

Zudem argumentierten die Lengericher mit ihrer guten Verkehrslage, wegen der zahlreiche Leinenhändler aus dem Osnabrücker, Ravensberger und Münsterland durch den Ort kämen und es für diese sehr beschwerlich sei, mit den schwer beladenen Wagen den Berg nach Tecklenburg hinaufzufahren. Viele dieser Händler hätten den Wunsch nach einer Lengericher Legge geäußert.

Die Lengericher Vorsteher schlugen vor, dass die fünf nördlich des Teutoburger Waldes gelegenen Orte der Grafschaft ihr Leinen weiterhin in Tecklenburg prüfen lassen sollten, während die drei südlich des Berges gelegenen Orte Ladbergen, Lengerich und Lienen sowie die auswärtigen Händler einer eigenen Legge in Lengerich zugeordnet werden sollten. Ein Leggehaus sei auch bereits vorhanden und zwar „oben uff der Pforten“. Gemeint war also wohl der Lengericher Römer. Als wirtschaftliches Argument führten die Vorsteher zudem an, dass der Tecklenburger Legge viele Einnahmen entgingen, weil viele Händler wegen des beschwerlichen Weges ihr Leinen nicht in Tecklenburg, sondern in Osnabrück oder Warendorf erstanden.

Allerdings ging der Wunsch der Lengericher nicht in Erfüllung. Auch die Preußen richteten keine Prüfstelle in Lengerich ein. Erst 1842 erhielt der Ort eine eigene Legge, zu einem Zeitpunkt, als der Stern des Tecklenburger Leinenhandels bereits gesunken war.

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