Wilhelm TT. in Tecklenburg
Der Kaiser nimmt sich Zeit

Tecklenburg -

Wenn heute ein hoher Gast aus Berlin im Burgstädtchen Einzug hält, geht es schnell. Der Dienstwagen fährt vor, der Besucher steigt eilig aus, führt mit Bürgermeister und weiteren Honoratioren Gespräche, trägt sich ins Goldene Buch ein und lässt sich von seinem Chauffeur zum nächsten Ziel fahren. Nicht so vor auf den Tag genau 110 Jahren. Am 31. August 1907 war der damalige Kaiser Wilhelm II. zu Gast in Tecklenburg. Anlass, um zurückzublicken.

Donnerstag, 31.08.2017, 06:08 Uhr

Die Wagenkolonne des Kaisers trifft ein. Zahlreiche Menschen versuchten, einen Blick auf die Majestät zu erhaschen.
Die Wagenkolonne des Kaisers trifft ein. Zahlreiche Menschen versuchten, einen Blick auf die Majestät zu erhaschen.

1907 gehörte das Tecklenburger Land 200 Jahre zu Preußen. Deshalb fand im Schlosshof eine große Feier statt – zu dem sich zur Freude der Bevölkerung auch der Kaiser mit großem Gefolge angesagt hatte. Vor 50 Jahren erinnerte die Heimatzeitung daran und schrieb:

„Bei der Feier im Tecklenburger Schlosshof, zu der sich eine vieltausendköpfige Menge eingefunden hatte, sprachen Tecklenburgs Pfarrer von der Becke und der Landrat des Kreises Tecklenburg, Geheim-Regierungsrat Belli, Worte der Begrüßung an den hohen Gast. Der Landrat überreichte dem Monarchen ein Exemplar der Festschrift „Die Geschichte der Grafschaft Tecklenburg“, die aus Anlass des denkwürdigen Tages erschienen war.

In einer kurzen Ansprache dankte Kaiser Wilhelm II. für die ihm zuteil gewordenen Ehrungen. Dann trank er aus einem ihm vom Landrat Belli überreichten silbernen Pokal auf das Wohl der alten Grafschaft Tecklenburg. Landrat Belli brachte daraufhin das Hoch auf den Kaiser aus.“

Die Majestät hatte sich damals Zeit genommen, denn sie besichtigte die alte Burgruine und zog dann mit ihren Gefolge zum Festmahl zum Hotel „Burggraf“. Wie die Zeitung weiter berichtete, nahmen daran „neben dem Kaiser und Gefolge auch die Honoratioren der Provinz Westfalen und des Kreises teil. Insgesamt hatten sich etwa 180 Personen an der reich gedeckten Tafel versammelt. Am späten Nachmittags fuhr dann der Kaiser über Brochterbeck, Dörenthe, Saerbeck, Greven wieder nach Münster zurück. In allen Orten, die berührt wurden, bot sich den kaiserlichen Gästen das gleiche Bild jubelnder Begeisterung.“

Ein Zeitzeuge erinnerte sich: „Die Kaiserfeier im Jahr 1907 war der größte Tag, den Tecklenburg erlebt hatte. Die Aufregung war groß, da der Kaiser, als letzter Graf von Tecklenburg, sein Erscheinen zu den Feierlichkeiten zugesagt hatte. Als alles fertig und geschmückt war, brach ein Unwetter herein und zerstörte die Arbeit vieler Tage. Fleißig aber wurde rechtzeitig für neuen Glanz gesorgt. Die Begeisterung ging hoch, als die kaiserlichen Wagen eintrafen. Leider hatte die Kaiserin, die an dem Besuch teilnehmen wollte, absagen müssen, da sie erkrankt war. Die Begrüßung fand im Burggraf statt. Die Stadtväter waren in feierliches Schwarz gekleidet, die zahlreichen Ehrenjungfrauen ganz in Weiß.“

Apropos Ehrenjungfrauen: Die scheinen damals trotz langer Kleider ziemlich sportlich gewesen zu sein, wie dem alten Zeitungsbericht zu entnehmen ist. Denn während der Kaiser mit dem Kronprinzen und dem Gefolge mit Autos über den Marktplatz, durch die Legge bis zum Amtsgericht fuhren und dann zu Fuß zum Kaiserzelt auf dem Burghof gingen, „hatten die weiß gekleideten Ehrenjungfrauen ihre Röcke gerafft und eilten durch die Straßen, durch das Toppmöllersche Haus von hinten herum den Schlossberg hinauf und nahmen rechts und links des Kaiserzeltes Aufstellung. Als der Kaiser mit seinem Geleit erschien, konnte niemand mehr ahnen, dass die Plätze vorher leer waren. Den geübten Kennerblicken des Kronprinzen war die Ähnlichkeit mit den zur Begrüßung erschienenen Ehrenjungfrauen nicht entgangen.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5114019?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F187%2F
Nachrichten-Ticker