Werner Leuschner und seine Erinnerungen
Ein Buch gegen das Vergessen

Tecklenburg-Ledde -

Es ist ein Buch gegen das Vergessen. Jahrzehntelang hat Werner Leuschner mit niemandem außer ab und zu mit seiner Mutter über die schreckliche Zeit gesprochen. Über seine Flucht aus Pluskau im Januar 1945, ohne Familie, auf das Mitleid anderer Flüchtender angewiesen. Acht Jahre alt ist er damals.

Freitag, 01.09.2017, 20:09 Uhr

Stefan Heikens und Werner Leuschner: Gemeinsam haben sie unzählige Stunden zusammengesessen und das Buch verfasst.
Stefan Heikens und Werner Leuschner: Gemeinsam haben sie unzählige Stunden zusammengesessen und das Buch verfasst. Foto: Ruth Jacobus

Es ist ein Buch gegen das Vergessen. Jahrzehntelang hat Werner Leuschner mit niemandem außer ab und zu mit seiner Mutter über die schreckliche Zeit gesprochen. Über seine Flucht aus Pluskau im Januar 1945, ohne Familie, auf das Mitleid anderer Flüchtender angewiesen. Acht Jahre alt ist er damals. Die Erinnerungen an diese Zeit indes, sie sind noch hellwach. Erst 1999 beginnt er, alles aufzuschreiben. Und vor zwei Jahren setzen sich Werner Leuschner und sein Großneffe Stefan Heikens viele Stunden zusammen, um über Kindheit und Jugendzeit des gebürtigen Breslauers ein Buch zu verfassen: „Helle Nächte, dunkle Tage“.

Gerne hätte er mit anderen Menschen, auch mit Gleichaltrigen über die Gräuel gesprochen, die er erlebt hat. Aber: „Es war einfach nicht gewollt, dass jemand die Vergangenheit wieder heraufbeschwor. Schweigen war das höchste Gebot“, schreibt Stefan Heikens. Doch im Gespräch mit dieser Zeitung schweigt sein Großonkel nicht und erzählt. Von der Kinderlandverschickung, von den Pflegeeltern, die nicht dafür gesorgt haben, dass er den letzten Zug zurück nach Breslau zu seiner Mutter und seinen Geschwistern nimmt. Die Front rückt näher, die Menschen flüchten. Und Werner ist allein. Ein Tischler und seine Frau nehmen ihn schließlich mit. Tagelang flüchten sie vor der russischen Front, die immer näher rückt und sie schließlich einholt. Hinrichtungen und Vergewaltigungen hat das Kind miterlebt, sollte gar erschossen werden.

Werner Leuschner und das Tischler-Paar überleben die Gräuel, ihre Flucht endet schließlich Ende 1946 in Ledde. Kindheit und Jugend waren hart für Werner Leuschner. Für seine Pflegeeltern ist er eine billige Arbeitskraft. Seine Mutter und seine Geschwister sieht er erst Jahre später wieder.

Woran er sich gern erinnert, ist die Zeit auf der Freilichtbühne. Der Volksschullehrer von Werner setzt es durch, dass er auftreten darf. „So wurde aus dem kleinen Flüchtlingskind ganz überraschend ein junger, später hochgelobter Schauspieler“, heißt es in den Erinnerungen. In „Wilhelm Tell“ und „Götz von Berlichingen“ spielt er unter anderem mit.

1954 beendet Werner Leuschner seine Lehre als Tischler im Betrieb des Pflegevaters, arbeitet in Ostfriesland, Frankreich und Köln, übernimmt 1970, inzwischen Meister, eine Tischlerei in Tecklenburg. Er heiratet, wird Vater von zwei Kindern und baut ein Haus.

Vor zwei Jahren treffen sich Werner Leuschner und sein Großneffe, der ihn kaum kennt, auf einer Beerdigung. „Er wollte erzählen und ich zuhören“, schildert Stefan Heikens. Daraus ist das Buch entstanden, in dem sich neben der Lebensgeschichte und Bildern zahlreiche Gedichte finden. Darunter auch die Ballade „Der letzte Zug“.

Teilweise hat Werner Leuschner seine Erinnerungen selbst formuliert, teilweise hat sie sein Neffe zusammengefasst. „Werner Leuschner begann erst im Jahr 1999, sein Kriegstrauma in Form von Gedichten, Texten und Zeichnungen zu verarbeiten und dabei über 50 Jahre alte und bis dahin völlig unterdrückte Erinnerungen ans Tageslicht zu zerren. Nächtelang saß er dabei allein am PC und schrieb sich den Schmerz, die Angst und die lebenslange Einsamkeit von der Seele“, formuliert es Stefan Heikens. Die Gedanken seines Großonkels seien unglaublich lesenswert. Damit hat er recht.

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Das Buch „Helle Nächte, dunkle Tage“ kann im Buchhandel bestellt werden (ISBN 9783744821179. Es kostet 12,95.

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