Sally Perel im GAG
Jeder hat ein Recht auf sein Leben

Tecklenburg -

Die Möglichkeit zu einer Begegnung mit Sally Perel nahmen über 200 Schülerinnen und Schüler der GAG-Oberstufe wahr. Seit der Veröffentlichung seiner Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ im Jahre 1990 ist Perel als jüdischer Zeitzeuge der NS-Zeit weltweit berühmt. Unter heutigen Jugendlichen erzeugt der Bericht des fast 93-Jährigen, der seit 1946 in Israel lebt, eine Atmosphäre großer Verehrung und Faszination, so auch am Graf-Adolf-Gymnasium.

Sonntag, 11.03.2018, 20:03 Uhr

Mit seinem zweiten Ich als Hitlerjunge Jupp schaffte es Sally Perel, im Zweiten Weltkrieg zu überleben. Im Graf-Adolf-Gymnasium berichtete er aus dieser schweren Zeit.
Mit seinem zweiten Ich als Hitlerjunge Jupp schaffte es Sally Perel, im Zweiten Weltkrieg zu überleben. Im Graf-Adolf-Gymnasium berichtete er aus dieser schweren Zeit. Foto: Lisa Volkamer

Perel ermuntert seine Zuhörerschaft, die Wahrheiten seines Lebens als Ausgangspunkt zu nehmen, Zeitzeugen in seiner Nachfolge zu werden. In seiner Autobiografie, deren Verfilmung ebenfalls international Furore machte, bekannte er, dass er von 1941 bis 1945 aus Angst, als Jude liquidiert zu werden, ein zweites Ich als ‚Hitlerjunge Jupp‘ erfand und lebte. Seine Überlebensgeschichte ist bemerkenswert, und dies wurde von den Jugendlichen, denen er sich in 80 Minuten äußerst zugewandt widmete, sehr interessiert aufgenommen und in einer Fragerunde vertieft. In der Aula herrschte gespanntes Interesse für Perels Informationen, Deutungen und Warnungen.

Als Zeitzeuge für die Opfer- und die Täterseite vermittelt er glaubwürdige Fakten und Erklärungsmuster zum Holocaust in all seinen Facetten. Am wichtigsten ist es ihm heute, vor allem jungen Menschen Wahrheiten über Geschehenes zu vermitteln, da Lügen und Umdeutungen seit 1945 existieren. Er möchte die Kenntnis über die Wahrheit selber bewahren und von heutigen Jugendlichen bewahrt wissen, um sie resistenter gegen NS-Verharmlosung, Holocaust-Leugnung und insbesondere neuerliche Neonazi-Tendenzen machen.

Im Zentrum seiner Jugend stand sein vom NS-Judenhass inszenierter und unter Todesangst entstandener Identitätswechsel. Als Sohn eines Schuhhändlers und Rabbiners in der niedersächsischen Kleinstadt Peine hatte er zunächst glückliche Kinderjahre erlebt, was sich jedoch bald nach 1933 durch Verwüstung des Schuhgeschäfts und private Anfeindungen radikal veränderte. Nach seinem Schulverweis 1935 im Kontext der „Nürnberger Gesetze“ siedelte die Familie in das polnische Lodz um, den Herkunftsort ihrer Vorfahren.

Der Neuanfang endete im September 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen, als der Familie die Verweisung in das dortige Ghetto „Litzmannstadt“ vor Augen stand. Die Eltern veranlassten Sally und seinen älteren Bruder zur Flucht in das von Sowjets regierte Ostpolen, einerseits mit dem väterlichen Auftrag „Verratet nie Euren jüdischen Glauben!“ und andererseits mit dem beschwörenden Abschiedswunsch der Mutter „Ihr sollt leben!“.

1941, in einem sowjetischen Kinderheim, holte die NS-Judenverfolgung den 16-Jährigen beim Einmarsch der Deutschen erneut ein. Es gelang ihm 1941, sich vor einem deutschen Soldaten als „Volksdeutscher“ auszugeben und mit dem spontan erfundenen Namen „Josef Perjell“ (mit Spitznamen „Jupp“) in eine Wehrmachtseinheit aufgenommen zu werden. Ein Hauptmann, der ihn adoptieren wollte, schickte ihn auf eine Braunschweiger HJ-Schule. Dort lebte er bis 1945 in innerer Zerrissenheit zwischen „Jupp“, der Hakenkreuz trug und „volksdeutsche“ Begeisterung mimte und seiner wahren Identität des Sally, den er in seinem Inneren verbarg. Seine Beschneidung als physisches Merkmal seiner Religion war das wohl markanteste Risiko, bei dessen Umschiffung er es – wie er heute sagt – zu beachtlicher Kreativität brachte; ebenso wie beim Ersinnen zahlloser Alltagsideen, um seine Gesinnung echt erscheinen zu lassen. Er erfuhr aber auch in zwei Fällen, dass es auch ‚die anderen Deutschen’ gab, die ihn nicht verrieten.

Zur Rettung des eigenen Lebens sei auch eine Lüge legitim, nicht aber Gewalt. Keine Religion oder Ideologie stehe über dem Recht jedes Menschen auf Leben, so Sally Perel. Das Aufkommen echter freundschaftlicher Gefühle habe er erst nach 1945 wieder zugelassen, auch zu ehemaligen „Kameraden“ aus der HJ-Schule.

Auch wenn Fragen offen blieben, so wurde deutlich, dass alle Schülerinnen und Schüler das Gefühl hatten, sehr viel durch Sally Perel gelernt zu haben. Die gegenseitige Nähe war groß, das zeigte sich in den Dialogen und dem große Interesse zu verweilen, um Perels Autobiografie und/oder ein Autogramm zu erhalten. Christian Stroff, Geschichtslehrer am GAG, der die Veranstaltung organisiert hatte, berichtet erfreut, dass Sally Perel gerne noch einmal nach Tecklenburg kommen möchte.

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