Vor 60 Jahren verabschiedet der Stadtrat einen Leit- und Bebauungsplan
„Romantik ohne Verkehrsbremse“

Tecklenburg -

Das möchte sich wahrscheinlich keiner mehr vorstellen: Busse voller Touristen quälen sich über die Ibbenbürener Straße hinauf in die Altstadt. Andere Besucher kommen mit Pkw oder Motorrädern und suchen mehr oder weniger verzweifelt einen Parkplatz – ebenfalls direkt im Stadtkern. Das konnte so nicht bleiben. Deshalb hat der Stadtrat vor genau 60 Jahren einen „Leit- und Bebauungsplan“ für die Stadt abgesegnet.

Dienstag, 15.01.2019, 20:00 Uhr
Das alte Foto zeigt den Blick von der Terrasse des damaligen Hotels „Burggraf“ auf den Wellenberg mit seinen alten Fachwerkhäusern. Das aktuelle Bild zeigt die Aussicht vom Rathaus, das dort steht, wo einst das Hotel residierte.
Das alte Foto zeigt den Blick von der Terrasse des damaligen Hotels „Burggraf“ auf den Wellenberg mit seinen alten Fachwerkhäusern. Das aktuelle Bild zeigt die Aussicht vom Rathaus, das dort steht, wo einst das Hotel residierte. Foto: Ruth Jacobus

Das möchte sich wahrscheinlich keiner mehr vorstellen: Busse voller Touristen quälen sich über die Ibbenbürener Straße hinauf in die Altstadt. Andere Besucher kommen mit Pkw oder Motorrädern und suchen mehr oder weniger verzweifelt einen Parkplatz – ebenfalls direkt im Stadtkern. Das konnte so nicht bleiben. Deshalb hat der Stadtrat vor genau 60 Jahren einen „Leit- und Bebauungsplan“ für die Stadt abgesegnet. Davon berichtet die Heimatzeitung 1959 und spricht von einer „geglückten Synthese: Die idyllische Altstadt bleibt erhalten, die moderne Entwicklung wird jedoch berücksichtigt“.

Weiter hieß es in der Zeitung: „Die Ordnung der Bebauung für Tecklenburg – das ist ja das Ziel solch einer Planung – ist wahrhaftig nicht leicht. Die kleine Kreisstadt nimmt wegen ihrer Berglage eine Sonderstellung ein. Auch hatte der Planer, Professor Schröter aus Münster, den historisch wertvollen Kern zu erhalten, der sich mit seinen engen winkligen und malerischen Fachwerkbauten um die Tecklenburg gruppiert. Andererseits ist den Erfordernissen des modernen Verkehrs Rechnung zu tragen.“

Der Chronist geriet damals fast ins Schwärmen, als er weiter berichtete: „Wenn die Rede von Tecklenburg ist, dann denkt man zuerst an das alte verträumte Städtchen, an die Fachwerkbauten, die sich direkt an den Berg anschmiegen. man denkt an die Burg der alten Grafen, auf deren Hof jetzt im Sommer Freilichttheater gespielt wird. Tecklenburg wird nicht umsonst das „Rothenburg des Nordens“ genannt. All diese Romantik strahlt einen starken Zauber aus und leitet einen Besucherstrom in das Bergstädtchen, der gerade jetzt anzuschwellen beginnt. Die Menschen finden hier noch echtes Idyll und ein Stück Vergangenheit. Beides steht in der heutigen Zeit hoch im Kurs.

Aber im gleichen Maße, wie diese engen und winkligen Gassen die Menschen anziehen, sind sie dem daraus entstehenden Verkehrsstrom auch hinderlich. An den Spitzentagen des Fremdenverkehrs scheint die Bergstadt aus ihren Nähten zu platzen, wie ein Konfirmationsanzug, der noch im Erwachsenenalter getragen wird. Die Verwaltung hat daraus längst ihre Konsequenzen gezogen und an Tagen mit viel Fremdenverkehr die Innenstadt für den durchgehenden Verkehr gesperrt.“

Im Jahr 1958 parkten auf extra ausgewiesenen Parkplätzen nur an den Spieltagen der Freilichtbühne 8500 Fahrzeuge, davon etwa 1500 Busse. Am zweiten Pfingstfeiertag wurden in Tecklenburg 6000 Fahrzeuge gezählt. „Da Tecklenburg als Zielort für motorisierte Ausflügler immer mehr angesteuert wird, sind in dem neuen Leitplan weitere Parkplätze ausgewiesen worden. Weil es oben auf dem Berg dafür keine Möglichkeiten mehr gab, sind sie auch unten an den Ausfahrtsstraßen angelegt werden. Diese Ausfahrtsstraßen sind in letzter Zeit zum größten Teil ausgebaut, verbreitert und „entkurvt“ worden. So zum Beispiel die Straße aus Richtung Osnabrück und jene, die vom Bahnhof zum Kreishaus emporführt.

Ein Sorgenkind ist immer noch die Straße aus Richtung Rheine und Ibbenbüren über Bad Holthausen, die vor allem von holländischen Bussen benutzt wird. Diese Zufahrtsstraße windet sich im Bereich von Tecklenburgs Altstadt zwischen Engpässen hindurch, die von vorspringenden Fachwerkhäusern gebildet werden. Sie ist darüber hinaus kurvenreich und am letzten Stück bei der Einmündung zur Landrat-Schultz-Straße besonders gefährlich. Hier, an der Ecke gegenüber dem Hotel „Drei Kronen“, sind schon viele Busse hängen geblieben, nachdem sie mit Schwung das letzte Stück der ansteigenden Straße bewältigt haben.

Nach dem neuen Leitplan soll dieser Verkehrs-Engpass verschwinden. Schon an der Stadtgrenze, unten am Berg, bevor auf dieser Straße die Kurverei beginnt, soll der Verkehr umgeleitet werden. Auf dem Hof Schulte-Übbing soll eine Straße abzweigen, die über die ehemalige Rodelbahn bis zum Bismarckturm führt. Hier wird dann als End- und Wendepunkt ein großer Parkplatz gebaut. Eine rotpunktierte Linie auf dem Leitplan verrät, dass daran gedacht ist, die Straße von diesem Parkplatz aus noch weiter zu führen. Aber dieses Vorhaben in die Praxis umzusetzen ist wegen der besonderen Geländeverhältnisse und wegen Grundstücksschwierigkeiten sehr kompliziert.

Schon vom Standpunkt der Besiedlung und des Verkehrs aus gesehen ist zu erkennen, dass der Planer keine leichte Aufgabe hatte. Hinzu kommen dann noch andere schwierige Probleme, wie zum Beispiel die Wasserversorgung und die Kanalisation, die in Tecklenburg – auch wieder wegen der Berglage – auf besondere Schwierigkeiten stößt. Der Blick auf den Plan lässt jedoch erkennen, dass alle diese besonderen Gegebenheiten Tecklenburgs berücksichtigt wurden.

Am erfreulichsten aber ist, dass Tecklenburgs Kern mit seinen alten romantischen Fachwerkbauten und seinem Grüngürtel nicht verändert wird. Die Bergstadt wird nach der neuen Planung den Reiz für den Fremden behalten, ihm aber als Autotourist alle Bequemlichkeiten bieten, auf die er nicht verzichten möchte.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6323798?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F187%2F
Nachrichten-Ticker