Mit der Postkutsche durch das Tecklenburger Land
Reise in der hölzernen Zeitkapsel

Tecklenburg -

Akribische Recherche, handwerkliches Geschick, technischer Sachverstand und Respekt vor jedem noch so kleinen historischen Detail: Zwei Jahre hat es gedauert, bis Hans-Jörg Siepert das Wrack einer Original-Postkutsche aus dem Jahre 1894 fachgerecht restauriert und wieder auf die Räder gestellt hat. Einsatzbereit, versteht sich. Stationiert ist das Gespann auf dem ehemaligen Rittergut Haus Hülshoff in Tecklenburg. Von dort aus lädt Siepert zu kurzen oder auch längeren Ausflügen durch die Region ein.

Mittwoch, 28.08.2019, 21:00 Uhr aktualisiert: 30.08.2019, 16:40 Uhr
Hans-Jörg Siepert bläst kräftig ins Posthorn. Dann kann sie losgehen, die Fahrt mit der 1894 erbauten Kutsche.
Hans-Jörg Siepert bläst kräftig ins Posthorn. Dann kann sie losgehen, die Fahrt mit der 1894 erbauten Kutsche. Foto: Ulrike Havermeyer

Mit bedächtiger Konsequenz ziehen Laif und Womble die hölzerne Zeitkapsel 125 Jahre in die Vergangenheit zurück. Gebaut 1894 im Auftrag der Oberpostdirektion Münster, ist der viersitzige Omnibuswagen, vor dem die beiden Kaltblüter an diesem sonnigen Augustsonntag durch die Tecklenburger Talaue trotten, die einzige noch in Betrieb stehende Postkutsche in Nordrhein-Westfalen – und eine der ältesten in Deutschland überhaupt.

Als Siepert beherzt in sein – natürlich – Original-Posthorn stößt und diesem – wie sollte es anders sein – mehrere Original-Postsignale entlockt, sieht man dem 58-Jährigen an, mit welcher Freude er in die Rolle des Postillions schlüpft. Seine Kleidung entspricht selbstverständlich der exakten Dienstkleidung eines Postillions der Kaiserlichen Reichspost um 1890 mit zahlreichen Originalteilen sowie einigen Replikaten und aufwendigen Neuanfertigungen. „Living History“ heißt das Steckenpferd des gelernten Maschinenschlossers, der, wenn sein Omnibuswagen im benachbarten Kutschenmuseum parkt, auch schon mal als perfekt gestylter Indianer oder als korrekt in Szene gesetzter US-Kavallerist mit Gleichgesinnten durch die Lande pirscht und historische Schlachten und Gefechte nachstellt.

„Hü, Jungs – los geht es!“ Ein leichtes Wedeln mit der Peitsche genügt, damit Laif und Womble sich gemächlich in Bewegung setzen und mitsamt der Postkutsche in Richtung des Wasserschlosses Haus Marck rumpeln. „Toll! Herrlich! Ganz wunderbar!“, genießen die Touristen jedes geschichtsträchtige Schlagloch – von denen es auf der Strecke durch die Talaue rund um die Königsseen nicht wenige gibt. „Das Schönste am Postkutschefahren ist diese Langsamkeit“, schwärmt eine ältere Dame versonnen und lässt lächelnd ihren Blick über die Landschaft schweifen. Die Vorzüge der Entschleunigung und des sanften Tourismus made im Tecklenburger Land sind schwerlich zu übersehen.

Zur Orientierung: Als die schmucke Kutsche gerademal 13 Jahre alt war, im Sommer 1907, weilte Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich in der Stadt im Teutoburger Wald, um der feierlichen Zeremonie zum Jubiläum der 200-jährigen Zugehörigkeit Tecklenburgs zu Preußen beizuwohnen. Wer weiß – vielleicht nutzten damals gut betuchte Bürger aus dem Münsterland die Gelegenheit, um just mit jenem Omnibuswagen der Kaiserlichen Post das Spektakel anzusteuern?

Während die Passagiere gemütlich im Schatten der Alleen vor sich hinzuckeln, nutzt der Postillion den ruhigen Schritt der Vierbeiner, um seinen Fahrgästen Wissenswertes über die Umgebung zu vermitteln. „Ein bisschen Fremdenführer bin ich ja schließlich auch“, grinst er fröhlich. Er berichtet von Friedrich von Bodelschwingh, der 1831 auf Haus Marck zur Welt kam, vom Westfälischen Frieden, von der Wanderschleife Tecklenburger Romantik, die als Deutschlands schönster Wanderweg 2019 nominiert ist – und natürlich von der Teutoburger-Wald-Eisenbahn. Die Mitfahrer hören gebannt zu, stellen interessiert Nachfragen und wirken durch und durch angetan von der beschaulichen Reise in die Vergangenheit.

„Ich möchte mit den historischen Fahrten in der Postkutsche eine einzigartige Touristenattraktion für Tecklenburg etablieren“, hat Siepert sich vorgenommen – und vielleicht noch gar nicht so recht registriert, dass ihm das womöglich bereits gelungen und sein Angebot längst kein Geheimtipp mehr ist.

Umtriebig wie Siepert nun einmal ist, hat er schon neue Pläne geschmiedet: Im kommenden Jahr will er eine weitere historische Kutsche restaurieren und nach den entsprechenden Originalvorschriften der Kaiserlichen Reichspost rekonstruieren: „Einen neunsitzigen Omnibuswagen aus der Zeit um 1873“, plant er. Und bevor er es vergisst: Einen Nachfolger für den inzwischen 16-jährigen Laif, der stramm auf sein Gnadenbrot zutrabt, braucht er auch. „Am besten wäre es wohl, ein junges Pferd zu nehmen – das könnte ich dann in aller Ruhe ausbilden“, sinniert der Tausendsassa, „ganz cool und ohne Hektik.“

Klingt vernünftig – als wären die guten alten Zeiten, zumindest in den seltenen Nischen der Zufriedenheit, nie vergangen.

 

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