Tecklenburger Gespräche: Ex-Superintendent Hans Werner Schneider über den Begriff „Heimat“
Nicht an Vergangenes klammern

Tecklenburg -

„Wenden wir uns ohne weitere Vorrede dem Thema zu“, mit diesen Worten eröffnete Superintendent a.D. Hans Werner Schneider am Donnerstagabend eine weitere Ausgabe der Tecklenburger Gespräche. Eine ausschweifende Einleitung war tatsächlich nicht notwendig, hatte doch jeder der Gäste im katholischen Gemeindehaus seinen individuellen Bezug zu diesem Begriff, der in Politik und Medien gerade wieder Hochkonjunktur zu haben scheint: Heimat.

Freitag, 20.09.2019, 17:44 Uhr aktualisiert: 22.09.2019, 16:30 Uhr
Heimat, sagte Superintendent a.D. Hans Werner Schneider bei den Tecklenburgern Gespräche, liege im Menschen selbst und begleite diesen, wohin es ihn auch treibe.
Heimat, sagte Superintendent a.D. Hans Werner Schneider bei den Tecklenburgern Gespräche, liege im Menschen selbst und begleite diesen, wohin es ihn auch treibe. Foto: Dario Sellmeier

Den Einstieg in das vielschichtige Thema nahm Schneider über die Erfahrung von Heimat in der Biografie: tief verwurzelte Bilder aus der Kindheit, die einen Vertrauensraum geschaffen hätten, der als Prägung und Kraftquelle ein Leben lang erhalten bleibe, seien es die Fürsorge der Eltern oder altbekannte Gerüche und Geräusche wie etwa das Läuten der Dorfkirche. Die Frage kommt auf, ob Kindern heutzutage, wo Mobilität zunehme und Dialekte ausstürben, Heimat überhaupt noch vermittelt werden könne. Die oft empfundene Verstaubtheit eines Begriffs, der „nicht geeignet ist, bloß in Goldrahmen gefasst zu werden“, kontrastiert dabei mit der Erfahrung, dass Erfolg ohne Verwurzelung letztlich nicht glücklich mache.

Von der indogermanischen Herkunft des Begriffs führt Schneider seine Zuhörer in die Zeit der Romantik, in der die Heimat als der Moderne entgegengesetztes Naturidyll den Charakter eines Sehnsuchtsortes aufgeprägt bekam. Im 19. Jahrhundert habe sich dann der Raum der Nation als Sprach- und Kulturheimat etabliert, eine Entwicklung, die einige Jahrzehnte später in offenen Nationalismus umschlägt, die sich in Abgrenzung zum französischen Nachbarn manifestiert.

Durch den Ersten Weltkrieg wird das Heimatverständnis vieler zum ersten Mal erschüttert, es soll sich über die Entwurzelungserfahrungen der 1920er-Jahre und dann besonders durch den Missbrauch unter den Nazis und die Vertreibung vieler Menschen aus den Ostgebieten am Ende des Zweiten Weltkriegs nie mehr wirklich erholen. Nicht erst durch die überzuckerten Heimatfilme der Nachkriegszeit und die Debatte um Wiederaufbau als Rekonstruktion oder als moderner Bruch mit der Heimatarchitektur sei die Heimatfrage für viele ein stetig fortschreitender schmerzhafter Erosionsprozess geworden.

Schneider erweist sich als unglaublich belesener Redner, der seine Zuhörer jedoch nie mit Wissen überflutet, sondern behutsam an die Hand nimmt, wenn er den Heimatbegriff zwischen Kitsch und Gefühl, Enge und Weite, Inklusion und Ausgrenzung erkundet. Seine Baritonstimme tut ihr übriges, die vielen angeführten Eindrücke aus Literatur- und Philosophiegeschichte nicht als schwere Kost, sondern als möglichen Mittler in der kontrastreichen Debatte zu begreifen.

Den politischen Bereich mit seinen aktuellen Verwerfungen streift er nur kurz. Zwischen den verhärteten Fronten, die sich oft in den Extremen der völligen Ablehnung alles Fremden in der eigenen Heimat oder aber der Überzeugung, dass Heimat in der heutigen Welt keinen Platz mehr habe, erschöpfen, versucht er stattdessen mit dem Weg über die christliche Perspektive zu vermitteln: In der Bibel komme der Heimatbegriff nicht vor.

„Die Bibel sieht den Menschen in der Perspektive des Weges“, betont Schneider, wahlweise ins gelobte Land, das im Alten Testament verheißen wird, oder in der Nachfolge Christi. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ – dieses Zitat aus dem Hebräerbrief will er dem modernen Menschen an die Hand gegeben wissen.

Die Erkenntnis, dass Wurzeln und Weite zusammenhängen, betont Schneider am Schluss mit einem Appell, Heimatpflege als aktive Nutzung gegebener Ressourcen zu betreiben und nicht als bloßes hoffnungsloses Klammern an Vergangenes. Am ehesten könne dieser Spagat durch eine „portable Heimat“ gelingen, die nicht an Orten hänge, sondern im Menschen selbst liege und diesen begleite, wohin es ihn auch treibe.

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