Schwestern erinnern sich gut an französischen Kriegsgefangenen
„Moritz“ hat Familienanschluss

Tecklenburg -

Es waren harte Jahre für die Bevölkerung und eine schlimme Zeit für die Kriegsgefangenen. Der Zweite Weltkrieg hat viel Not und Elend gebracht. Und doch gab es Lichtblicke – dort, wo die Menschlichkeit wichtiger war, als Anordnungen von oben zu befolgen. So hat es wohl auch Maurice Leducq erfahren. Der junge Franzose, der im Kriegsgefangenenlager auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Meyer untergebracht war, arbeitete tagsüber beim Holzschuhmacher Gottfried Brockmann und wurde von der Familie freundlich aufgenommen.

Freitag, 10.01.2020, 20:00 Uhr
Das große Bild zeigt Maurice Leducq, Gottfried und seine Frau Karoline Brockmann, deren Mutter Karoline Christoffer, Mimi Hölscher und Friedrich Christoffer, den Schwiegervater von Gottfried (von links). Der Hof Brockmann (kleines Bild) steht an der Tecklenburger Straße (damals Antrup 5).
Das große Bild zeigt Maurice Leducq, Gottfried und seine Frau Karoline Brockmann, deren Mutter Karoline Christoffer, Mimi Hölscher und Friedrich Christoffer, den Schwiegervater von Gottfried (von links). Der Hof Brockmann (kleines Bild) steht an der Tecklenburger Straße (damals Antrup 5).

Wie am 8. Januar berichtet, hat sich der Sohn von Maurice Leducq bei der Stadtarchivarin Brigitte Jahnke gemeldet, um mehr über die Zeit zu erfahren, die sein Vater im Tecklenburger Land zugebracht hat. Den Zeitungsbericht haben auch Helga Zerull aus Leeden und Helene Schallenberg aus Lengerich gelesen. Die beiden Schwestern sind die Töchter von Gottfried Brockmann und können sich noch gut erinnern an den Kriegsgefangenen, den alle „Moritz“ nannten.

Familie Brockmann lebte in Lengerich an der Tecklenburger Straße (damals Antrup 5). Der Holzschuhmacher Brockmann war zu Kriegsbeginn zwar eingezogen worden, kam jedoch nach acht Monaten wieder zurück. In der Heimat wurde jemand gebraucht, der Schuhe herstellen konnte, erinnern sich die Töchter. „1941 ist Maurice zu uns gekommen.“ Ihr Vater sei beim Volkssturm gewesen und habe die Gefangenen immer im Lager abholen und zu ihren Arbeitsplätzen bringen müssen. Einer davon war in der Holzschuh-Werkstatt.

Auch wenn es streng verboten war: Der junge Kriegsgefangene hatte quasi Familienanschluss. Bei den Mahlzeiten saß er mit am Tisch. Einmal sei jemand gekommen, um zu kontrollieren, erzählt Helene Schallenberg. Da habe sich Maurice schnell an einen kleinen Tisch neben dem Esstisch gesetzt.

Helene, genannt Leni, und Helga besuchten damals die Grundschule in Exterheide. „Acht Jahrgänge in einem Raum“, erinnert sich Helga Zerull. Für das Lernen sei das nicht gerade förderlich gewesen. Hinzu kam, dass die Lehrer alle alt gewesen seien, die jüngeren waren ja im Krieg. Da war einer, der brachte einen Apfel mit und schnitt ihn durch. „So sollten wir das Teilen lernen. Dabei konnten wir ja noch nicht einmal richtig rechnen.“ Das Rechnen war damals auch ein Schwachpunkt von Leni. „Ich kam mit den Aufgaben nicht zurecht“, erzählt sie. Gut, dass es „Moritz“ gab, denn der war Lehrer. „Er hat mir alles so gut erklärt, dass ich es sofort verstanden habe.“

„Zu uns Kindern war er sehr nett“, wissen die beiden noch heute. Maurice habe damals nicht nur in der Werkstatt des Vaters bei der Herstellung der Schuhe geholfen, sondern sie auch mit kunstvollen Schnitzereien verziert, erzählen die Schwestern und präsentieren einen dieser Schuhe.

Plötzlich, es muss 1943 gewesen sei, kam Maurice nicht mehr. Sie seien sehr traurig gewesen. „Wir haben nie erfahren, wo er geblieben ist.“

Nun, durch den Zeitungsbericht, wissen sie es. Der Artikel hat aber noch mehr Erinnerungen geweckt. Nach den französischen kamen die russischen Kriegsgefangenen. Einer von ihnen, er wurde Michel genannt, arbeitete ebenfalls auf dem Hof Brockmann, zu dem neben der Werkstatt auch eine kleine Landwirtschaft gehörte. Hunger musste deshalb weder die Familie noch Michel leiden. „Wir hatten ja alles“, erzählt Helga Zerull. In der Landwirtschaft hat Michel gerne geholfen. „Daran war er sehr interessiert“, weiß die heute 86-jährige Leni Schallenberg. Und ihre drei Jahre jüngere Schwester erinnert sich an ein Gespräch, das Michel mit ihrem Großvater geführt hat. „Wir verstehen uns doch alle gut, Warum ist dann Krieg?“, habe der Russe gefragt. Auch von ihm hat die Familie nie wieder etwas gehört.

Umso schöner finden es die Schwestern, dass sich Gerard Leducq, der Sohn von „Moritz“, in Tecklenburg gemeldet hat. Vielleicht macht er sich ja mal auf den Weg ins Burgstädtchen. „Wir würden uns über seinen Besuch freuen“, versichern die beiden Frauen.

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