Corona-Krise in der Partnerstadt Chalonnes
Die Atmosphäre ist bedrückend

Tecklenburg -

Auch Frankreich ist schwer von der Corona-Pandemie betroffen. Wie sieht es in Tecklenburgs Partnerstadt Chalonnes aus? Walter Melcher, der Vorsitzende des Tecklenburger Partnerschaftskomitees, hat Marie-Annick Cebron, seine „Kollegin“ in Chalonnes, um Impressionen und Informationen gebeten. Die gute Nachricht ist, dass es zwar einige Infektionen gibt, aber derzeit keine Todesfälle.

Sonntag, 05.04.2020, 15:04 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 17:24 Uhr
Das Rathaus in Chalonnes: Niemand ist zu sehen, die Menschen bleiben zu Hause.
Das Rathaus in Chalonnes: Niemand ist zu sehen, die Menschen bleiben zu Hause. Foto: Partnerschaftsverein

Hört, liest und sieht man die Tagesnachrichten, ist das beherrschende Thema die Auswirkung des Covid-19-Virus. Frankreich, so erfährt man, hat eine niedrigere Zahl an Infizierten als Deutschland, die Sterblichkeitsrate ist aber fast viermal so hoch. Und das, obwohl Frankreich schneller als die deutsche Regierung Maßnahmen ergriffen hat, die das öffentliche Leben extrem beschränken. Wie fühlt sich das an? Was geht noch? Wie geht es den Franzosen dabei? Und da liegt es für Tecklenburg nahe, einmal in Chalonnes nachzufragen: Wie geht’s euch denn?

Walter Melcher, der Vorsitzende des Tecklenburger Partnerschaftskomitees, hat Marie-Annick Cebron, seine „Kollegin“ in Chalonnes, um Impressionen und Informationen aus der Partnerstadt gebeten.

Die gute Nachricht ist, dass es in Chalonnes zwar einige Infektionen gibt, aber derzeit keine Todesfälle. Der Osten Frankreichs und die Region Paris sind mehr betroffen als der Westen, wo Tecklenburgs Partnerstadt liegt.

Die Menschen halten sich strikt an die Einschränkungen, die denen in Deutschland ähneln: Kein Kontakt, Abstand halten, nur einzeln auftreten. Die Schulen und Sporteinrichtungen sind bis zum 4. Mai geschlossen, vielleicht sogar darüber hinaus. Unterricht läuft wie hier über die Möglichkeiten des Internets.

Beim Einkauf im Supermarkt führt das „neue Leben“ zu einer bedrückenden Atmosphäre. Wie Marie-Annick Cebron sagt, gehen viele grußlos aneinander vorbei, die sich früher mit den berühmten französischen Luftküsschen lebhaft begrüßt haben. Sogar das Lächeln bleibt auf der Strecke. Noch nicht geschlossen ist der traditionelle Markt an Dienstagen und Samstagen. Er wird allerdings polizeilich überwacht, es gibt eine Laufrichtung, die man einzuhalten hat.

Anders als in Deutschland darf man in Frankreich landesweit nur noch mit Personalausweis unterwegs sein und man stellt sich selbst eine Bescheinigung mit Begründung aus, warum man unterwegs ist. Erlaubt sind also arbeiten, einkaufen, Verwandten- und Arztbesuche sowie kurze sportliche Betätigungen im Umkreis von einem Kilometer. Das führt auch teilweise zu fast komischen Situationen. Der Besuch der Großmutter im Pflegeheim läuft nach dem Muster „Romeo und Julia“ ab. Um niemanden anzustecken, verweilen die Angehörigen – einzeln natürlich – unter dem Balkon, die Oma auf ihrem Balkon und tauschen sich aus – mehr oder weniger laut.

Einen gravierenden Unterschied gibt es noch: Das Handwerk ist zum Erliegen gekommen. In Chalonnes werden die Arbeiten am neuen Krankenhaus mit Geriatrie nicht weitergeführt. Wer Handwerkerarbeiten in Auftrag gegeben hat, muss warten, bis die Sperre aufgehoben wird. Das kann dazu führen, dass eine angefangene Arbeit nicht beendet werden kann. Beim halbfertigen Carport mag das noch gehen, beim Badezimmer muss der Auftraggeber dann improvisieren.

Der soziale Dienst der Stadt Chalonnes hat ein Unterstützungssystem mit Freiwilligen eingerichtet, das Menschen hilft, die nicht selber mehr aktiv werden können: Die Helfer besorgen Einkäufe, organisieren und begleiten Arztbesuche oder sind einfach zur moralischen Unterstützung da.

In der Sporthalle gibt es eine Untersuchungsstation für Fälle auf Covid-19-Verdacht und spätestens dann wird einem klar, so Marie-Annick Cebron, dass das Leben auch am seidenen Faden hängen kann.

Natürlich fragt sich das französische Partnerschaftskomitee, wie es mit den Kontakten zu den Partnerstädten Tecklenburg, Sanniki und Ballinasloe weitergehen kann. Kurze Antwort: Vorerst gar nicht.

Es wird keine Einladung zum Weinfest in Chalonnes geben. Das ist zwar noch nicht von offizieller Seite abgesagt, sei aber schon im Moment nicht zu organisieren. Wenn der traditionelle Besuch des Weihnachtsmarktes in Tecklenburg realisiert werden kann, wird er für beide Seiten ein Freudenfest werden, das eine ganz neue Wertigkeit bekommt – für die Freunde aus Chalonnes wie für die Tecklenburger Gastgeber. Hoffen wir also auf bessere Zeiten: „On garde le moral“!

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