Serie „Junge Menschen und Corona“
„Wir sollten Mitspracherecht haben“

Tecklenburg -

Wie kommen die Jugendlichen mit der nun schon länger dauernden Corona-Krise zurecht? Wie sieht ihr Alltag aus. Was wünschen sie sich, wenn das Leben wieder normal wird? In einer kleinen Serie, die in Zusammenarbeit mit der Jugendpflegerin Enya Börgel entstanden ist, erzählen die jungen Leute.

Sonntag, 10.05.2020, 18:26 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 15:45 Uhr
Cora steckt mitten in den Abi-Vorbereitungen. Die aktuelle Situation findet sie beunruhigend.
Cora steckt mitten in den Abi-Vorbereitungen. Die aktuelle Situation findet sie beunruhigend.

„Hi, ich heiße Rebaz, ich bin 17 Jahre alt und wohne seit zwei Jahren hier in Tecklenburg. Ich komme ursprünglich aus Kurdistan. Aufgrund der Corona-Krise muss ich mich so wie alle anderen viel zu Hause hinsetzen. In meiner Freizeit zeichne ich gerne und höre Musik dabei. Mir ist aufgefallen, wie sehr mir meine Freunde fehlen. Außerdem können wir auch nicht zum Jugendzentrum, wo wir normalerweise jeden Montag und Mittwoch sind. Ich hoffe, dass wir alle gesund bleiben.“

Hidar ist 18 Jahre alt und wohnt seit sechs Jahren in Tecklenburg. „Meine Hobbys sind Instrumente und Fußball spielen. Außerdem strebe ich hier am Graf-Adolf-Gymnasium nach meinem Abitur. Corona führt dazu, dass viele Menschen, aber insbesondere Jugendliche ein sehr monotones Leben haben und sie das auch sehr stört. Wenn ich ehrlich bin, stört mich das auch, denn wer vermisst nicht sein freies Leben mit all den Aktivitäten, die für uns selbstverständlich waren? Aber auf der anderen Seite müssen wir natürlich Rücksicht auf die älteren Menschen nehmen, denn sie gehören Genau so zur Gesellschaft wie wir. Also müssen wir diese Pandemie mit möglichst wenigen Schäden überstehen und das wird nur funktionieren wenn wir Solidarität und Empathie zeigen.“

Ganyar ist 15 Jahre alt und wohnt ebenfalls in Tecklenburg. „Mit neun Jahren bin ich nach Deutschland eingereist und lebe hier seitdem mit meiner Familie. Ich besuche das Graf-Adolf-Gymnasium und komme dort schulisch sehr gut klar. Ich fühle mich hier gut aufgehoben. Viel Zeit verbringe ich im Jugendzentrum, wo wir oft gemeinsam kochen, spielen und quatschen. Wegen des Coronavirus muss ich zu Hause bleiben und kann keinen Sport treiben. Ich freue mich am meisten darauf, wenn ich wieder auf dem Sportplatz stehen und meinem Hobby Fußball nachgehen kann. Ich wünsche euch allen Glück und Gesundheit.“

Cora ist 17 Jahre alt und Abiturientin am Graf-Adolf-Gymnasium: „Die momentane Situation beeinflusst auch meinen Alltag, meine Gedanken, Ängste und Sorgen, wenn ich auch weniger akut betroffen bin als andere. Die Abiturprüfungen sind um drei Wochen verschoben. Meine Mottowoche, mein Abistreich, mein Abiball, es scheint alles auszufallen. Ärgerlich, aber in unserer momentanen Situation verständlich und auszuhalten. Nachvollziehbare Maßnahmen, um das Infektionsrisiko zu senken. Den Unterricht wie gewohnt fortzusetzen, diese Entscheidung der Landesregierung NRW ist für mich völlig unverständlich. Erst wurde eine bundesweite Kontaktsperre für mehr als zwei Personen ausgesprochen, und jetzt sollen in den Schulen wieder tausende Menschen auf engstem Raum aufeinandertreffen?

Die Situation ist kompliziert, ich stecke mitten in den Abiturvorbereitungen, aber ich finde sie dennoch auszuhalten. Es geht schließlich um unser aller Gesundheit. Um unendlich vieles muss sich gekümmert werden, unser Abitur hat verständlicherweise nicht oberste Priorität. Ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass auch wir uns Normalität zurückwünschen. Die Situation ist beunruhigend, stressig, anders. Sie bedarf besonderer Rücksicht und Nachsicht, aber auch auf uns Schüler sollte Acht gegeben werden. Ich verstehe, dass das Abitur nicht ohne Prüfungen vergeben werden kann. Ich kann allerdings nicht verstehen, dass planmäßig wieder Unterricht stattfinden soll, diese Entscheidung halte ich für fahrlässig und unverantwortlich.

Dabei empfinde ich ein Gefühl von Machtlosigkeit. Ja, ich kann mich schützen, Verhaltensregeln befolgen, für meinen Opa einkaufen gehen, zu Hause bleiben. Bleibt es jedoch bei der Entscheidung, die Schulen wieder zu öffnen, gilt auch für mich die Schulpflicht. Fatal ist, dass wir Schüler in der momentanen Situation deutlich zu wenige Aussagen in Bezug auf unser Abitur bekommen. Auch zu schwierigen Zeiten wie in einer Pandemie sollten wir Mitspracherecht haben.

Ich persönlich gehöre durch mein Alter nicht zur Risikogruppe, durch das Epstein-Barr-Virus ist mein Immunsystem allerdings vorbelastet. Es ist wahrscheinlich, dass ich bei einer Corona-Infektion glimpflich davonkomme, es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein.

In meinem Alltag fehlt Normalität, Abwechslung, Stressfreiheit und Ruhe. Unter diesen Umständen halte ich es für schwieriger, gute Abschlussprüfungen abzulegen. Ich freue mich auf eine Zeit, in der diese spezielle Situation hoffentlich hinter uns liegt, eine Zeit in der sich jeder wieder für das einsetzen kann, was er verändern oder beeinflussen möchte, eine Zeit, die ich vielleicht vorher nicht ausreichend zu schätzen wusste.“

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