Serie: Fluchterfahrungen
Auf der Flucht vor den Taliban

Tecklenburg-Brochterbeck. -

Mit 17 Jahren ist Sadam in Brochterbeck angekommen. Hinter dem Jugendlichen lag eine abenteuerliche Flucht aus seinem Heimatland Afghanistan. Inzwischen ist er 22 Jahre alt und hat sich gut ins Dorfleben integriert. Gleichwohl könnte ihm immer noch die Abschiebung drohen.

Mittwoch, 16.09.2020, 06:08 Uhr aktualisiert: 16.09.2020, 16:58 Uhr
Rainer Budke (links) im Gespräch mit Sadam. Aus Sicherheitsgründen wurde der Name des jungen Mannes geändert und er nur von hinten fotografiert.
Rainer Budke (links) im Gespräch mit Sadam. Aus Sicherheitsgründen wurde der Name des jungen Mannes geändert und er nur von hinten fotografiert. Foto: Luca Pals

Er ist in der Tischlerei Flöttmann in Brochterbeck angestellt. Sein Chef sagt: „Wir brauchen ihn. Er arbeitet gut und ist immer zuverlässig.“ Eine kleine Wohnung im Ortskern nennt er seit kurzem sein eigen. Die deutsche Sprache, die wahrlich nicht zu den einfachsten zählt, beherrscht er mittlerweile recht gut. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass er in der alten Heimat Afghanistan nicht in die Schule gehen konnte.

Rainer Budke von der Brochterbecker Flüchtlingshilfe lobt: „Er ist offen, freundlich und hilfsbereit.“ Der so Gelobte sagt von sich: „Ich brauche keine größere Stadt, ich möchte in Brochterbeck wohnen bleiben. Hier kennen mich viele. Ich spiele beim BSV Fußball und besuche regelmäßig die Spielabende der Flüchtlingshilfe.“ Die Frage stellt sich: Was will man mehr?

Leider machen deutsche Gesetze und Regularien es möglich, dass eine Abschiebung immer noch im Raum steht. Wegen der aktuellen Coronasituation und der angespannten politischen Lage in Afghanistan wird diese zur Zeit ausgesetzt. Die Rede ist von Sadam, dessen Name (mit Blick auf mögliche Schwierigkeiten für Angehörige in der alten Heimat) verändert worden ist. Es ist die Geschichte eines 22-jährigen Flüchtlings, der sich 2014 auf den Weg machte und im Alter von 17 Jahren von einer Brochterbecker Familie aufgenommen wurde.

Sadam, dessen Eltern und Geschwister noch in Afghanistan leben, erinnert sich: „Die Taliban wollten mich erst rekrutieren, später töten. Mein Vater riet mir, das Land sofort zu verlassen.“ Alleine habe er sich auf den beschwerlichen Weg gemacht.

Stationen einer 7000 Kilometer langen Flucht: Zuerst wochenlang zu Fuß, später mit einem Kleinbus durch den Iran. Nur mit viel Geld für die Schlepper wurde er überhaupt mitgenommen.

Kälte, Angst und Hunger waren ständige Begleiter. Zwei Tote habe es auf der riskanten Fluchtroute durch den Iran gegeben. Um nicht erkannt zu werden, wurde ein Teil der Strecke ohne Licht in der Nacht befahren.

In der Türkei angekommen, musste der junge Mann krankheitsbedingt operiert werden. Wegen fehlender Papiere konnte dieser Schritt aber nicht durchgeführt werden.

In einem kleinen Boot ging es über den Bosporus nach Griechenland, weiter nach Bulgarien. Dort wartete das nächste Problem: Wegen der Einreise ohne gültigen Pass ging Sadam für zwei Monate ins Gefängnis. Dank 5000 Dollar „Lösegeld“, die der Vater aus der Heimat überwiesen hatte, wurde er frei gelassen.

Zu Fuß ging es in Kleingruppen weiter. Von Serbien nach Deutschland ging es mit Bus und Bahn. Über die Stationen Bayern, Düsseldorf-Erkrath und Ibbenbüren führt ihn sein Weg ins Herz von Brochterbeck.

Mit einem Blick zurück sagt Sadam: „Ich habe nicht mehr daran geglaubt, diese gefährliche Flucht zu schaffen.“ Und: „Ich kann der Familie, die mich aufgenommen hat, gar nicht genug danken. Sie sind für mich wie Vater und Mutter.“ Für Sadam – und für Rainer Budke von der Brochterbecker Flüchtlingshilfe – ist klar: Ohne eine solch enge Familienbindung wäre seine Integration nicht derart reibungslos verlaufen.

Im Jahr 2020 schwärmt Sadam: „Ich kenne viele in Brochterbeck und viele kennen mich. Ich grüße die Menschen freundlich, weil ich allen Brochterbeckern sehr dankbar bin.“ Besonderer Dank gebühre der Flüchtlingshilfe: „Sei es beim Deutschunterricht, bei der Arbeitssuche oder den Behördengängen: Sie haben mich immer unterstützt.“

Auch im Fall einer möglichen Abschiebung in die alte Heimat steht die Flüchtlingshilfe an seiner Seite – Rainer Budke gibt sich kämpferisch: „So ein junger Mann darf nicht abgeschoben werden. Er gehört zu Brochterbeck und wir werden alles versuchen, ihn weiter in unserer Mitte zu haben.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7585883?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F187%2F
Nachrichten-Ticker