Sensenkursus der Biologischen Station an der Sägemühle
In Harmonie mit der Natur

Tecklenburg -

Beim Sensenkursus der Biologischen Station in Tecklenburg lernen die Teilnehmer, wie lang und mühsam der Weg vom Schrapp zum Zzzzöpp ist – und warum es sich dennoch lohnt, ihn zu gehen.

Mittwoch, 07.10.2020, 21:44 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 17:04 Uhr
Der Leiter des Kurses, Werner Meyknecht, hat das Sensen von seinem Großvater gelernt.
Der Leiter des Kurses, Werner Meyknecht, hat das Sensen von seinem Großvater gelernt. Foto: Ulrike Havermeyer

Zzzzöpp! Zzzzöpp! Zzzzöpp! Mit kräftigen Schwüngen führt der geübte Senser sein Blatt durch das Gras. Scharf wie ein Rasiermesser ist die Schneide, perfekt gedengelt und gewetzt. Dagegen klingt das unsanfte „Schrapp!“ des Anfängers eher nach Rupfen als Schneiden. Beim Sensenkursus der Biologischen Station in Tecklenburg lernen die Teilnehmer, wie lang und mühsam der Weg vom Schrapp zum Zzzzöpp ist – und warum es sich dennoch lohnt, ihn zu gehen.

Irgendwo zwischen Trödelmarkt und Tag der offenen Schmiede wähnt man sich an diesem Nachmittag an der alten Sägemühle: Auf den Bierzelttischen im Hinterhof der Biologischen Station verteilen sich Hämmer in allen Variationen, unterschiedlich geformte Wetzsteine, ein Potpourri verschiedener Ambosse, hohle Rinderhörner, das Teilstück einer Bahnschiene sowie allerhand glänzende Metallklammern, Schlüssel, Schrauben und Ringe, die der Nicht-Fachmann nicht zu benennen weiß.

Während das gute Dutzend Teilnehmer neugierig die Auslagen sichtet, platziert Kursusleiter Werner Mey-knecht behutsam noch ein paar imposante Sensenblätter ein wenig fernab des Trubels: Anschauungsmaterial, an dem sich nur ja niemand verletzen möge. Am Zaun lehnt eine Phalanx Sensenbäume, einige aus Metall, andere aus Holz, manche geschwungen, manche gerade. Daneben drapiert der Naturfreund aus Recke eine von ihm entworfene Nisthilfe für Wildbienen.

Sensen kann eine meditative Tätigkeit sein.

Werner Meyknecht

Hoffnungslos überbucht ist der Sensenkursus, den die Biologische Station Kreis Steinfurt in diesem Jahr zum ersten Mal anbietet. „Mit einem derart großen Interesse haben wir nicht gerechnet“, ist Organisatorin Annika Brinkert ziemlich verblüfft, dass ein so altes Handwerk eine so große Resonanz hervorruft. Wer bitteschön greift denn in Zeiten von Aufsitzmäher und Motorsense noch freiwillig zu einem doch eigentlich längst ausgedienten, Werkzeug wie der Sense, um seine Grünflächen zu stutzen? Und: warum?

„Wenn ich am frühen Morgen ganz alleine mit der Sense eine Fläche bearbeite, dann fühle ich mich völlig geerdet“, berichtet Mey-knecht von seinen Erfahrungen. Schon seit Jahren engagiert er sich für den Insektenschutz und hat bereits etliche Blühwiesen angelegt. Weil aber motorbetriebene Mäher nicht nur laut, sondern auch erschreckend effizient sind und somit den kleinen Bewohnern kaum Zeit zur Flucht lassen, bevor sie in das Schneidwerk der Maschine geraten, bevorzugt Meyknecht die deutlich insektenschonendere Handarbeit.

Außerdem gewinnt er ihr noch einen weiteren Vorzug ab: „Sensen ist nicht einfach nur Gras schneiden“, lautet das Mantra des 62-Jährigen, der auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist und das Sensen von seinem Großvater gelernt hat. „Sensen kann eine meditative Tätigkeit in Harmonie mit der Natur sein.“

Doch bis es so weit ist, bedarf es für den Anfänger noch etlicher Mühen: Das Werkzeug, also in der Regel die alte Familiensense, die seit Jahrzehnten in der hintersten Ecke des Schuppens verstaubt, oder wahlweise das Universalmodell aus dem Baumarkt, muss in Schuss gebracht werden.

Wer das selbst erledigen will, muss des Dengelns und des Wetzens kundig sein. Keine schnöden Techniken, sondern wahre – und nicht zu unterschätzen: auch zeitaufwendige – Handwerkskünste. Danach gilt es, Griffe und Blatt auszurichten und den „Worb“, wie der Sensenbaum auch genannt wird, individuell an die eigenen Körpermaße anzupassen. Sind all diese Voraussetzungen erfüllt, steht endlich die eigentliche Herausforderung an: das Sensen selbst – die korrekte Haltung, der richtige Schwung.

Doch als die Kursusteilnehmer dem Sensenmeister voller Tatendrang ihre mitgebrachte Ausstattung präsentieren und dieser vorsichtig mit dem Daumen an der Schneide jedes einzelnen Blattes entlangfährt, lautet sein ernüchterndes Urteil: „Nicht scharf genug. Die müssen alle erst gedengelt und anschließend gewetzt werden.“

Mit kleinen, betont regelmäßig und äußerst präzise zu setzenden Schlägen auf einer ausreichend harten und polierten Stahlunterlage wird die Schneide – wenn man sie denn korrekt trifft – verdichtet und somit geschärft. „Man hat praktisch ein riesiges Rasiermesser in der Hand, das ist supergefährlich“, mahnt Meyknecht immer wieder zur Achtsamkeit.

Wer mit dem Dengeln fertig ist, gibt seinem Blatt durch das Wetzen den letzten Schliff. „Mit dem Wetzstein, der immer gut feuchtsein sollte, erzeugen wir winzige Riefen in der Schneide, die wie kleine Zähnchen wirken“, erklärt Meyknecht. Den Wetzstein führt der Senser auch beim Sensen stets bei sich, am besten in einem mit etwas Wasser gefüllten Kump am Gürtel, dessen Zweck auch einentsprechend präpariertes hohles Rinderhorn erfüllen kann. „Sensen, Wetzen, Sensen, Wetzen …“, umschreibt der Kursusleiter den Rhythmus seiner Leidenschaft, „das etwa zehnmal, dann muss wieder gedengelt werden.“

Schließlich sind alle Werkzeuge einsatzbereit, und Annika Brinkert führt die Gruppe zu einer nahe gelegenen Wiese, auf der das Gras wadenhoch in der herbstlichen Spätnachmittagssonne seinem Schicksal entgegenwelkt. „Die Bedingungen sind nicht optimal, aber zum Üben völlig ausreichend“, ermutigt Meyknecht seine Schüler. Alle Augen richten sich auf ihn, der demonstrativ in Senserhaltung geht – aufrecht stehen, die Füße hüftbreit auseinander, die Knie leicht gebeugt und die Sense dann mit locker gestreckten Armen aus der Hüfte heraus über den Boden führen: zzzzöpp! – „Schrapp!“, antwortet unverdrossen der Chor der Lernenden.

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