Revierförster Dr. Georg Berkemeier über die Durchforstung
„Fraget die Bäume – sie lehren uns mehr, als Bücher es tun“

Tecklenburger land -

Die Aufgabe der vorherigen Generation vor uns war es, Kahlflächen wieder mit Bäumen aufzuforsten. Heute besteht die Aufgabe darin, Wälder, die nur aus Fichten und Kiefern bestehen, in Mischwälder zu überführen, indem man sie mit heimischen Laubhölzern anreichert. Das erläutert Revierförster Dr. Georg Berkemeier.

Montag, 02.11.2020, 22:20 Uhr
Revierförster Dr. Georg Berkemeier weiß um die „Selbstheilungskräfte der Natur“.
Revierförster Dr. Georg Berkemeier weiß um die „Selbstheilungskräfte der Natur“. Foto: Sabine Plake

Wälder wieder zu gesunden Mischwäldern zu machen, darin sieht Dr. Georg Berkemeier , Revierförster für Tecklenburg und Ibbenbüren, eine wichtige Aufgabe dieser Generation. Durchforstung heißt das Stichwort. Berkemeier erläutert, wie das konkret aussieht:

„Witterungsextreme haben in der Vergangenheit in unserer Region überwiegend Nadelhölzer heimgesucht. Vor allem der Anbau der Baumart Fichte gleicht einer Investition in eine hochspekulative Aktie, die zurzeit „im Keller“ ist. Wenn Fichten ordnungsgemäß nach sieben oder acht Jahrzehnten geerntet werden können, liefern sie wertvolles Bauholz. Sie wachsen schneller als Eichen, Buchen und Kiefern.

Doch sie wurzeln flach und lieben Niederschläge über 1000 Millimeter im Jahr. Bei uns bekommen sie in guten Jahren 850 Millimeter und haben daher immer schon deutliche Einbußen in der Vitalität gezeigt. Dass Mischwälder stabiler sind als Nadelholzreinbestände, predigte der Forstprofessor Karl Geyer seinen Studenten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber Forstleute sind auch nur Kinder ihrer Zeit: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Tecklenburger Land sehr viele Nadelwälder aus Fichten und Kiefern angelegt. In den Wäldern waren zuvor durch den Krieg und die Reparationshiebe große Kahlflächen entstanden. Viele Orte wiesen große Zerstörungen auf.

Welche Baumart man pflanzt, ist insbesondere vom Standort abhängig.

Dr. Georg Berkemeier

In den Wäldern sollte rasch Bauholz produziert werden. Auf Eichen, die erst in zwei bis drei Jahrhunderten hiebreifes Bauholz liefern, konnte damals niemand warten.

Die Aufgabe der Generation vor uns war es, die Kahlflächen wieder mit Bäumen aufzuforsten. Unsere Aufgabe sehe ich darin, Wälder, die nur aus Fichten und Kiefern bestehen, in Mischwälder zu überführen, indem man sie mit heimischen Laubhölzern anreichert. Überwiegend sind Buchen und Eichen die Bäume der Wahl. Welche Baumart man pflanzt, ist dabei insbesondere vom Standort abhängig.

In einem Wald der Stadt Ibbenbüren am Hermannsweg im Brumleytal haben wir vor 15 Jahren damit begonnen, einen Fichtenwald stark zu durchforsten. In den Lichtungen setzte man Buchen. Durch die Entnahme weiterer Fichten wuchsen die Lichtungen. Von Bürgerinnen und Bürgern aus Ibbenbüren wurden mit Unterstützung von Michael Kriege, dem Stadtführer, auch Eichen und Ulmen gepflanzt.

Die Trockenheit und die beispiellose Massenvermehrung der Borkenkäfer in den vergangenen drei Jahren ging auch an den alten Fichten des Stadtwaldes in Ibbenbüren nicht vorüber. Viele abgestorbene Fichten mussten gefällt werden.

Aber es entstand keine baumlose Freifläche, denn die zuvor gepflanzten Laubbäume waren ja schon da. Neben den Laubbäumen wachsen aktuell auch Kiefern, Fichten und Lärchen, die aus den Samen der alten Nadelbäume entstanden sind. Dort, wo einst ein Fichtenwald war, wächst heute ein Mischwald heran, der den Herausforderungen des Klimawandels im wahrsten Sinne besser gewachsen ist.

Nach dem alten Försterlehrspruch „Fraget die Bäume, sie werden euch mehr lehren als Bücher es tun“, können die erstaunlich dynamischen Entwicklungen Lösungen für andere Wälder aufzeigen:

Zum einen zeigen sich die Selbstheilungskräfte der Natur in dem sich die alten Bäume natürlich verjüngen. Allerdings werden die „Karten“ neu gemischt, sodass die Baumartenverteilung im neuen Wald vom alten Wald abweicht. Zum anderen ist es erforderlich, in einem reinen Nadelwaldgebiet fehlende Laubhölzer zu pflanzen. Man kann sofort beginnen und muss nicht warten, bis der letzte Nadelbaum vollständig dahingerafft wurde.“

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