Tecklenburger Straßenverhältnisse waren der Obrigkeit ein Dorn im Auge
Misthaufen ärgern den Monarchen

Tecklenburg -

Der König war dar nicht begeistert, als er von den Straßenverhältnissen in Tecklenburg erfuhr. Nicht nur Löcher, sondern auch zahlreiche Misthaufen waren ihm ein Dorn im Auge. Deshalb gab es strikte Anweisungen für die Bevölkerung.

Sonntag, 03.01.2021, 19:57 Uhr aktualisiert: 03.01.2021, 20:00 Uhr
Tecklenburger Straßenverhältnisse waren der Obrigkeit ein Dorn im Auge: Misthaufen ärgern den Monarchen
Foto: Heimatverein Lienen

Friedrich dem Großen (1712–1786) stank es gewaltig, was er dort aus seinen Grafschaften Tecklenburg und Lingen hören musste – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Dem jungen Monarchen, der seit 1740 auf dem preußischen Thron saß, war zu Ohren gekommen, dass in seinen Städten Tecklenburg, Lengerich, Westerkappeln, Lingen, Freren und Ibbenbüren die Straßen so große Löcher hätten, dass viele von ihnen gänzlich unbrauchbar und Durchfahrten zudem kaum möglich seien wegen der zahlreichen Misthaufen, die sich auf ihnen befänden.

Diese Verhältnisse führten nach Meinung des Königs nicht nur „zum Despect der Stadt“, also zu ihrer Abwertung, sondern auch zu Unfallgefahren und Verkehrsproblemen. In einer geharnischten „Gaßen-Ordnung“ verfügte er daher am 18. April 1744 Maßnahmen, mit denen die vorgefundenen Missstände abzustellen seien.

Zunächst sollten alle Einwohner der Städte – sie seien von Adel, Geistliche, Amtspersonen oder welchen Standes auch immer – innerhalb von 14 Tagen die Straßen säubern und allen Mist und Kot fortschaffen. Die Verschmutzung entstand übrigens dadurch, dass die Bürger ihr Vieh damals noch in ihren Häusern hielten, das zur Weide durch die Straßen getrieben werden musste. Zum Ausmisten der Ställe und als Düngerlager für die Gärten außerhalb der Mauern, wurden die zahlreichen Misthaufen angelegt. Wer allerdings künftig gegen die neue königliche Anordnung verstieß, dem drohten die Kosten für die Reinigung durch von der Stadt beauftragte Personen.

Überhaupt sollte eine solche Straßensäuberung umgehend zweimal in der Woche – mittwochs und freitags – geschehen, bei der „Koht und Müll so fort über Seithe zu schaffen, damit dieserhalb nichts mehr auf der Gaße anzutreffen seyn“. Im Winter sollte jeden Morgen das Eis an Brunnen, Pumpen und anderen Gewässern aufgehackt und fortgebracht werden, damit nicht „die Straßen so wohl für Menschen alß Pferde und Wagen dadurch inpassable gemacht werden“. Ein Stadtdiener sollte fortan jeden Montag die Straßen in Augenschein nehmen, um fehlende Steine oder Lücken im Belag ausfindig zu machen. Mittwochs und samstags sollte er kon-trollieren, ob auch wirklich der Unrat weggeschafft worden sei. Darüber war dem Magistrat Bericht zu erstatten.

Die auffallende Unreinlichkeit und Unordnung, welche auf den hiesigen Straßen herrscht, indem Bauschutt, Dünger, Bau- und Brennholz, Wagen usw. aller Orten anzutreffen, macht es nöthig, die Reinlichkeit durch strengere Polizeiverfügungen zu befördern.

Landrat ernst von Bodelschwingh

Bemerkenswert ist, dass die Position dieses bei den Einwohnern vermutlich sehr unliebsamen Kontrolleurs rechtlich gestärkt wurde. Seine Bezahlung wurde in der Verordnung genau festgelegt und zudem die Strafe von einem Reichstaler demjenigen angedroht, der die Zahlung verweigerte oder den Stadtdiener „mit groben Worten oder auch gar Thätlich anfahren wollte“. Auch hier sollte nach der Maßgabe verfahren werden: „ohne ansehen der Persohn, wes Würden oder standes er seyn“. Der als Aufseher über die Städte eingesetzte Ortskommissar (commissarius loci) hatte über die Einhaltung und die Verstöße bei seiner übergeordneten Behörde – der Kriegs- und Domänenkammer in Minden – regelmäßig Bericht zu erstatten. Damit sich niemand mit Unwissenheit entschuldigen könne, mussten die Vorgaben dauerhaft öffentlich am Rathaus angebracht werden. Von einer öffentlichen Verlesung ist nichts bekannt. Man ging wohl davon aus, dass die damaligen Städter allesamt lesen konnten.

Allerdings machte die königliche Anordnung gerade den Tecklenburger Bürgern Schwierigkeiten, denn der Platz im Burgstädtchen war begrenzt und viele Häuser besaßen daher gar keinen am Haus befindlichen Garten oder Hinterhof, in dem sie den Mist ihres Viehs, Baumaterialien oder Brennholz hätten lagern können. Diesen Anwohnern blieb nur die Straße als Lagerstätte.

Vermutlich fiel gut 80 Jahre später deshalb der 1822 verfasste Bericht des Tecklenburger Landrats Ernst von Bodelschwingh (1794–1854, Landrat von 1822–1831) nicht viel besser aus: „Die auffallende Unreinlichkeit und Unordnung, welche auf den hiesigen Straßen herrscht, indem Bauschutt, Dünger, Bau- und Brennholz, Wagen usw. aller Orten anzutreffen, macht es nöthig, die Reinlichkeit durch strengere Polizeiverfügungen zu befördern.“ 1823 wurde daher eine neue, aus elf Paragrafen bestehende Straßenpolizeiordnung erlassen – die von 1744 zählte nur neun. Doch auch sie war mit der Lebenswirklichkeit der Tecklenburger kaum in Einklang zu bringen, sodass 1847 eine weitere mit 47 Paragrafen vorgeschrieben wurde. Erst als das Vieh aus den Bürgerhäusern verschwunden war, kehrte eine Besserung der Tecklenburger Straßenverhältnisse ein. Man darf zudem nicht vergessen, dass ein großer Misthaufen in Zeiten von Düngerknappheit ein nicht unerhebliches Statussymbol darstellte. Aber das ist eine andere Geschichte.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7749384?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F187%2F
Nachrichten-Ticker