Westerkappeln
Letzter Ausweg Frauenhaus

Westerkappeln - Eine Frau wird von ihrem Mann geschlagen, erniedrigt, unter Druck gesetzt. Immer wieder. „Ich muss die Mama hauen, weil die böse ist“, erzählt er seinem vierjährigen Sohn. „Die Mama ist eine blöde Kuh.“ Der Junge verliert den Respekt vor ihr. Der Mann trinkt Alkohol, eine Kiste Bier und eine Flasche Wodka pro Tag. Er ist extrem aggressiv. Neun Jahre dauert das...

Freitag, 23.10.2009, 14:10 Uhr

<1>Westerkappeln - Eine Frau wird von ihrem Mann geschlagen, erniedrigt, unter Druck gesetzt. Immer wieder. „Ich muss die Mama hauen, weil die böse ist“, erzählt er seinem vierjährigen Sohn. „Die Mama ist eine blöde Kuh.“ Der Junge verliert den Respekt vor ihr. Der Mann trinkt Alkohol, eine Kiste Bier und eine Flasche Wodka pro Tag. Er ist extrem aggressiv. Neun Jahre dauert das Martyrium Ehe, jetzt hat seine Frau mit ihrem Kind Schutz im Frauenhaus Rheine gefunden.

Wer denkt, dies sei ein Einzelfall, irrt. Jede vierte Frau in Deutschland ist von häuslicher Gewalt betroffen. Diese erschreckend hohe Zahl fand Professorin Carol Hagemann-White von der Universität Osnabrück in einer Studie heraus. Sie hat im Auftrag der Bundesregierung die Lebenssituation von Frauen in Deutschland analysiert.

„Das hat mich nicht überrascht“, betont Sabine Fischediek . Sie leitet seit 22 Jahren das Frauenhaus Rheine und hat schon so einiges erlebt. 100 Betroffene sind es im Schnitt pro Jahr, die die Einrichtung aufsuchen. Auch Frauen aus Westerkappeln suchen dort immer wieder Zuflucht.

Am Donnerstagabend war Sabine Fischediek zusammen mit Erzieherin Claudia Schmidtfrerick, die die Perspektive der betroffenen Kinder einnahm, der Einladung der kfd gefolgt. Beide berichteten im Reinhildishaus von ihren Erfahrungen. „Die Dunkelziffer für Gewalt in der Partnerschaft liegt vermutlich noch höher.“

Doch vielen Frauen fehle der Mut, den ersten Schritt zu machen. Dabei reiche oft schon ein Anruf. „Aber es gibt immer noch viele Vorurteile. Wir seien dreckig, es gebe vergitterte Fenster, bei uns lebten nur A-Soziale“, zählt Fischediek nur einige auf. „Wer so denkt, findet den Weg zu uns nicht.“

Es geht der Diplompädagogin um Aufklärung. Was ist das Frauenhaus ? Wie arbeitet es ? Welche Arten von Gewalt gibt es und bin ich überhaupt davon betroffen ? Den meisten Frauen mangele es an Informationen. „Neulich war eine Frau am Telefon und sagte, sie versuche seit fünf Jahren den Mut aufzubringen, bei uns anzurufen“, berichtet Fischediek. Fünf Jahre sind eine lange Zeit. „Ich weiß, wie schwer es ist, Hilfe zu holen. Betroffene schämen sich, fühlen sich allein.“

Häusliche Gewalt - das sind nicht nur Schläge und Tritte, sondern auch systematische Erniedrigungen und Beschimpfungen bis hin zum Geldentzug. So werde das Selbstbewusstsein der Frauen kontinuierlich untergraben.

„Ich musste immer schwarz sagen, wenn mein Mann das wollte, auch wenn etwas weiß war. Irgendwann wusste ich es selbst nicht mehr“, zitiert die Frauenhaus-Leiterin ein Opfer.

Doch damit nicht genug: Es gebe Männer, die zeigten ihren Frauen beispielsweise Zeitungsberichte, in denen ein Mann seine Gattin erschossen hatte. „Ein klasse Vorbild. Hier, kannst du mal lesen.“

Finden die Frauen endlich den Weg ins Frauenhaus, steht ihnen fachkundige Beratung zur Seite. „Wir helfen bei Gängen zu Ämtern und begleiten die Frauen, wenn sie das Nötigste aus der alten Wohnung holen“, erzählt Fischediek, die konsequent auf der Seite der Betroffenen steht. „Wir sind parteiisch. Die Sichtweise der Männer interessiert uns nicht.“

Zurück in die Wohnungen geht es immer mit Polizeischutz. Denn manchmal hätten die Betroffenen nichts als ihre Kleider am Leib und die Kinder dabei. „Unsere Frauen stammen querbeet aus allen sozialen Schichten“, entkräftet Fischediek gleich noch das Vorurteil, nur A-Soziale seien betroffen. „Täter sind auch Richter und Polizisten. Was im geschützten Raum passiert, weiß man eben nicht.“

Hundert Frauen finden pro Jahr den Weg ins Frauenhaus - nicht aber aus der Gewaltbeziehung. Denn 60 Prozent der Bewohner kehren laut Statistik zu ihrem Mann zurück.

Über die Gründe kann Fischediek nur spekulieren: Angst sei das Eine. Ein weiteres Druckpotenzial seien die Kinder. Viele Täter kämpften um das Sorgerecht und wüssten sich nach außen darzustellen. „Wenn sie meinen Mann reden hörten, dagegen bin ich eine Null“, zitiert Fischediek eine andere Bewohnerin, die mit ihren fünf Kindern in der Einrichtung lebt. Es sind Zitate wie diese, die den etwa 20 Zuhörerinnen im Reinhildishaus so manchen Schauer über den Rücken jagen lassen.

„Es ist traurig, zu hören, was Frauen erleben. Vergewaltigungen, Geldentzug, krankhafte Eifersucht“, zählt Fischediek schonungslos auf. Trotzdem mache ihr der Beruf Spaß. „Weil die Frauen einen Ort haben, an dem sie Schutz finden. Es ist gut, dass es uns gibt.“

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