Westerkappeln
Das Muttersöhnchen und die Rockgiganten

Donnerstag, 10.02.2011, 13:02 Uhr

Westerkappeln - Wer war Nicky Hopkins ? Eine Antwort auf diese Frage haben wohl nur die wenigsten parat. Dabei hätte Mister Hopkins einen deutlich größeren Bekanntheitsgrad verdient. Denn er war einer jener Macher, einer jener Genies im Hintergrund, ohne die es gewaltig knirschen würde im Gebälk, ohne die manches in sich zusammen fallen würde.

Nicky Hopkins jedenfalls, um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, war ein Piano- und Keyboardspieler - und ohne ihn wäre das Gesamtwerk der Rolling Stones nicht das, was es ist. An 14 Alben der neben den Beatles wohl populärsten Band aller Zeiten hat Nicky Hopkins mitgearbeitet und den Songs den Piano-Schliff verpasst.

Zudem spielte er für die Beatles, The Who, The Kinks, Jefferson Airplane, Dusty Springfield und andere Giganten der Musikszene.

Julian Dawson , britischer Musiker, Songpoet und Autor, nahm sich vor beinahe 15 Jahren vor, dem 1994 verstorbenen Nicky Hopkins die verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Zwölf Jahre Arbeit und 130 Interviews später kam dabei schließlich ein Buch über das wilde Leben des Studiomusikers heraus. Und aus diesem hat Julian Dawson am Dienstagabend in der Westerkappelner Stadtkirche vorgelesen.

Die ersten Töne, die Nicky Hopkins auf dieser Welt hörte, waren wenig angenehme. Die deutsche Luftwaffe wütete gerade über London, als seine Mutter mit ihm niederkam. Als Dreijähriger machte Hopkins sich erstmals am Klavier seiner Mutter zu schaffen und es dauerte nicht lange, bis die ersten Melodien zu erkennen waren. „Er war wie Mozart“, findet Julian Dawson.

Nach einer klassischen Klavierausbildung an der Royal Academy of Music - übrigens zur gleichen Zeit wie Elton John - ging er bereits mit 16 Jahren als Profimusiker auf Tour. Er schloss sich dem Schockmusiker „Screaming Lord Sutch“ an, einem wilden Vogel, der bei seinen Auftritten viel mit Feuer und Blut im Sinn hatte. Im Jahre 1962 dann der erste Kontakt mit den Stones: „Lord Sutch“ hatte Jagger und Co. fürs Vorprogramm gebucht.

Nachdem Hopkins, der sein Leben lang malade war (er litt an der Darmkrankheit „Morbus Crohn“) einen 19-monatigen Krankenhausaufenthalt hinter sich gebracht hatte, begann seine beeindruckende Karriere als Studiomusiker, während der er rund 300 LP einspielte. ulian Dawson: „Nicky arbeitete beinahe rund um die Uhr und immer gleichzeitig für mehrere Bands.“ Reich wurde er dabei nicht, aber er verdiente gutes Geld - das er allerdings kaum ausgab. „Er war ein Stubenhocker und Muttersöhnchen, auch wegen seiner schlechten Konstitution“, meinte Dawson.

Es dauerte nicht lange und Hopkins war der gefragteste Keyboarder der Szene. Hopkins habe derart viel gespielt, dass er kaum noch nachhalten konnte, an welchem Projekt er beteiligt war, erzählte Dawson den leider nur rund 30 Besuchern in der Stadtkirche.

Ende der 1960er hatte Hopkins keine Lust mehr, ausschließlich Studiomusiker zu sein. Er schloss sich der „Jeff Beck Group“ an und tourte mit ihr durch Amerika. Dies war auch das Ende des Lebens als Muttersöhnchen, das bei den Sessions im Studio Kakao und Butterkekse zu sich nahm. Wie viele andere Musiker entdeckte Hopkins die Drogen für sich - Marihuana, LSD und Schlimmeres. „Was er früher nicht tat, tat er nun exzessiv“, sagt sein Biograf Dawson.

Schließlich begann die Arbeit mit den Stones, die seinerzeit immer dort ihre Platten aufnehmen mussten, wo Keith Richards wohnte. Als Drogenwrack, das er war, war er nämlich nicht dazu in der Lage, sein Haus in Südfrankreich zu verlassen. Auch Hopkins war inzwischen den Drogen und dem Alkohol restlos verfallen. „Zum Teil musste man ihm beim Keyboard spielen anschnallen, weil er immer wegrutschte“, erzählte Dawson.

Hopkins bekam schließlich die Kurve - pikanterweise durch ein Anti-Drogen-Programm der Scientology-Sekte. 1994 starb er infolge einer Magenoperation.

Was Julian Dawsons Lesung so spannend machte, waren vor allem die interessanten Details, die die Besucher nebenbei erfuhren - zum Beispiel über die ganz offenbar unerträgliche Yoko Ono, über Hopkins´ständige Kifferei mit John Lennon, über den charakterlich defizitären Mick Jagger und über andere Größen der Musikszene.

Zudem spielte der sehr sympathische Dawson mehrere Nicky-Hopkins-Songs und auf Wunsch von Pastor Maeder auch einen seiner eigenen. Dabei zeigte sich, was für ein Ausnahmesänger er ist. Die Lesung hätte mehr Besucher verdient.

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