Sprachförderung in der Diskussion
„Armutszeugnis der Pädagogik“

Westerkappeln -

Am Donnerstag findet im „Haus der Wespe“ ein Informationsabend für Eltern zur gesetzlich vorgeschriebenen Sprachstandfeststellung statt. Ob das Sinn macht und die aus den sogenannten „DELFIN 4“-Tests gegebenenfalls resultierenden Fördermaßnahmen den Kinder wirklich weiterhelfen, ist umstritten. Bernhard Eibeck, hauptamtlicher Referent bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bezeichnet den Test als „Armutszeugnis der Pädagogik“.

Dienstag, 06.03.2012, 18:03 Uhr

Sprachförderung in der Diskussion : „Armutszeugnis der Pädagogik“
Die besten Sprachförderer für Kinder sind eigentlich deren Eltern. Logopäde Karl-Heinz Homburg rät Müttern und Vätern, kleine Sprachinseln zu schaffen wie das tägliche, gemeinsame Bilderbuch anschauen. Besonders empfehlenswert findet er dafür das Wimmelbuch „Hier stimmt ja fast gar nichts!“ von Ralf Butschkow – erschienen im Baumhaus-Verlag. Foto: Frank Klausmeyer

Am Donnerstag findet im „Haus der Wespe“ ein Informationsabend für Eltern zur gesetzlich vorgeschriebenen Sprachstandfeststellung statt. Diese wird für Kinder zwei Jahre vor der Einschulung angeordnet. Ob das Sinn macht und die aus den Tests gegebenenfalls resultierenden Fördermaßnahmen den Kinder wirklich weiterhelfen, ist umstritten. Darüber wird aber morgen vermutlich nicht gesprochen.

„DELFIN 4“ nennt sich das Verfahren und steht als Abkürzung für „Diagnostik, Elternarbeit und Förderung der Sprachkompetenz 4-Jähriger in NRW“. Bernhard Eibeck , hauptamtlicher Referent für Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), bezeichnet den Test als „ Armutszeugnis der Pädagogik“.

Die SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag stellte bereits vor drei Jahren den Antrag auf eine Neuorganisation der Sprachförderung (siehe Bericht unten). Damals war sie noch in der Opposition. Jetzt ist sie Regierungspartei. Geändert hat sich bis jetzt nichts. Immerhin hat es der Antrag in den rot-grünen Koalitionsvertrag geschafft, wie eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Schulministeriums auf Anfrage erklärte.

Jedenfalls liegt offensichtlich Einiges im Argen. Nach dem unlängst veröffentlichten „Arztreport 2012“ der Krankenkasse Barmer GEK liegt der Anteil der Kinder mit Sprech- und Sprachstörungen bei rund zehn Prozent. „Das ist nicht neu“, sagt Logopäde Karl-Heinz Homburg . Alarmierend ist für den Inhaber der Praxis Dialog eine andere Zahl aus dem „Arztreport“: Bei 38 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen wird im sechsten Lebensjahr – also bei der Einschulung – eine Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert – trotz „DELFIN 4“, wodurch Sprachdefizite doch eigentlich erkannt und behoben werden sollten.

Bücher zur Sprachentwicklung füllen vermutlich ganze Bibliotheken. An dieser Stelle eine kurze Begriffskunde: Eine Sprachstörung ist eine zeitlich bedingte Sprachverarbeitungsschwäche. „Die liegt zum Beispiel vor, wenn Kinder Dinge, die sie sehen, nicht in Worte übertragen können“, erläutert der Westerkappelner Logopäde Karl-Heinz Homburg. Eine Sprechstörung liege dann vor, wenn es nicht gelinge, die Wahrnehmung in die richtigen Laute umzusetzen, weil es zum Beispiel motorische Beeinträchtigungen gebe.

Wenn Kinder bis zum zweiten Lebensjahr weniger als 50 Worte ausdrucksvoll sprechen können, werden sie von der Wissenschaft als „Late Talker“ (Spätsprecher) bezeichnet. Das gelte etwa für 20 Prozent eines Jahrgangs, erläutert Homburg. Etwa die Hälfte von ihnen hole den Entwicklungsrückstand bis zu einem Alter von drei bis vier Jahren wieder auf. Sie sind sogenannte „Late Bloomers“ – zu Deutsch „Spätblüher“.

„Bis dahin müssen sich Eltern in der Regel keine großen Sorgen machen“, sagt der Logopäde. Mehr Aufmerksamkeit sei aber dann gefordert, wenn das Kind beispielsweise eine Risikogeburt war.

Beunruhigend findet Homburg mit Hinweis auf den „Arztreport“ allerdings, „dass die Kinder mit Sprech- und Sprachstörungen so spät auftauchen.“ Nach seiner wie auch nach Meinung des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (DBL) setzt die Diagnostik zu spät ein.

Bei den Frühuntersuchungen für Kinder gebe der Arzt eine Einschätzung, mache aber keine differenzierte Sprachuntersuchung. Eine Einbindung von Logopäden oder Phoniatern – das sind HNO-Ärzte mit Zusatzausbildung – hielte Homburg deshalb für sinnvoll. Mit Kritik am „DELFIN“-Test hält er sich zwar zurück, die Untersuchung komme aber zu spät und werde eben nicht von Fachleuten vorgenommen.

Wichtig: „Die Eltern sollten bei der Sprachförderung verstärkt eingebunden werden“, meint der Logopäde. Viele Mütter und Väter müssten jedoch oftmals erst lernen, was ein sprachförderndes Verhalten ist. „Eltern sollten mit ihren Kindern langsam sprechen und ihnen Sprachinseln anbieten“, empfiehlt Homburg. Das könne das tägliche gemeinsame Bücher anschauen mit den Kindern sein. „Wenn man das zehn Minuten am Tag macht, kann man schon viel bewirken“, betont der Experte.

Die Praxis Dialog arbeite eng und gut mit den hiesigen Kindergärten und Familienzentren zusammen. Dazu gehören auch Kurse und Fortbildungen im „Heidelberger Training“ für Eltern und Erzieherinnen zur frühen Sprachförderung. „Es geht uns nicht darum, möglichst viele Kinder in die Therapie zu kriegen“, entgegnet Homburg dem leisen Verdacht, Logopäden wollten nur ihre Praxen füllen. Das Gegenteil solle mit solchen Angeboten bewirkt werden.

Nichtsdestoweniger könne manchen Kindern nur durch eine individuelle Förderung geholfen werden. Problem: Die Ärzte verordneten zu wenig Logopädie, weil sie fürchteten, ihr von den Krankenkassen vorgeschriebenes Budget zu überschreiten. Der BDL fordert deshalb, die sogenannten Heilmittel-Richtgrößen gänzlich abzuschaffen.

Derzeit laufen in den Kindergärten die Eingangsuntersuchungen für die angehenden Schulkinder. Wenn hier Sprachentwicklungsstörungen festgestellt werden und das Kind erst jetzt zum Logopäden geschickt wird, sei das zu spät. Defizite ließen sich nicht binnen weniger Wochen beheben, meint Karl-Heinz Homburg. „Das ist Sprachförderung mit der Brechstange. So lernen Kinder aber nicht.“

► Die Informationsveranstaltung zur Sprachstandfeststellung findet am Donnerstag, 8. März, um 20 Uhr im „Haus der Wespe“ (Osnbrücker Straße 25a) statt. Veranstalter sind die Gemeinde, die örtlichen Grundschulen sowie die Kindergärten. Eingeladen sind alle Eltern, deren Kinder zwischen dem 1. Oktober 2007 und dem 30. September 2008 geboren worden sind.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/675729?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F188%2F702163%2F702164%2F
Polizei und Feuerwehr stellen Suche nach „unbekanntem Flugobjekt“ ein
Großeinsatz nach Zeugenhinweis: Polizei und Feuerwehr stellen Suche nach „unbekanntem Flugobjekt“ ein
Nachrichten-Ticker