Beteiligungswerkstatt Kirchplatz: Jugendliche können kaum mitgestalten
Mehr Frust als Lust

Westerkappeln -

„Ideensprint für den besten Kirchplatz aller Zeiten“ stand auf dem Aufgabenzettel am Pinnbrett. Und sowohl die Erwachsenen aus den Bereichen Lokalpolitik, Verwaltung und Jugendarbeit als auch die Jugendlichen selbst, die am Wochenende zur „Beteiligungswerkstatt“ ins Haus Bonhoeffer gekommen sind, legten sich mächtig ins Zeug und schrieben auf, was Spontanität, Fantasie und Filzstifte hergaben.Allein: Die Entscheidungen sind längst gefallen. Schon viel früher und an anderer Stelle.

Montag, 24.09.2012, 18:09 Uhr

Beteiligungswerkstatt Kirchplatz: Jugendliche können kaum mitgestalten : Mehr Frust als Lust
Ideen und Meinungen zum Kirchplatz äußerten die Jugendlichen zuhauf. Die optimistische Stimmung wich aber im Gespräch mit Lokalpolitikern und Gemeindevertretern aber schnell Ernüchterung. Denn es gibt kaum noch etwas zu gestalten. Foto: Ulrike Havermeyer

„Ideensprint für den besten Kirchplatz aller Zeiten“ steht auf dem Aufgabenzettel am Pinnbrett. Und sowohl die Erwachsenen aus den Bereichen Lokalpolitik, Verwaltung und Jugendarbeit als auch die Jugendlichen selbst, die am Wochenende zur „ Beteiligungswerkstatt “ ins Haus Bonhoeffer gekommen sind, legen sich mächtig ins Zeug und schreiben auf, was Spontanität, Fantasie und Filzstifte hergeben: Kletterfelsen, Bolzplatz, Rosengarten – die Liste wird lang. Allein: Die Entscheidungen sind längst gefallen. Schon viel früher und an anderer Stelle.

Mit der Einrichtung einer Beteiligungswerkstatt wollten die kommunalen Entscheidungsträger signalisieren, dass es ihnen ernst sei, auch die jungen Leute bei der Gestaltung des Kirchplatzes mit ins Boot zu holen. Und die Jugendlichen ihrerseits sind der Einladung bereitwillig gefolgt und haben mit großem Engagement und vielen konkreten Ideen gezeigt, dass sie zu einer solchen Partizipation mehr als bereit sind.

So war die Stimmung unter den Teilnehmern am Beginn des sechsstündigen Seminars ausgesprochen optimistisch. „Doch, nach den ersten Gesprächsrunden sehen wir gute Chancen, hier etwas für uns Jugendliche zu erreichen“, zeigten sich nicht nur die evangelischen Jugendreferenten Devon (16) und Mirco (15) nach dem anfänglichen Austausch mit den Erwachsenen zuversichtlich.

In der Diskussion um die schon seit Jahren angedachte und planerisch längst vergebene Neugestaltung des Kirchplatzes (WN berichteten) ging und geht es nach wie vor auch unter den „kommunalpolitischen Profis“ turbulent zur Sache. Wie der Platz denn eigentlich später genutzt werden soll – ob als ein Ort der Ruhe oder doch eher für ein lebhaftes öffentliches Miteinander – darüber herrscht auch im Rathaus längst nicht das, was man Einigkeit nennen würde. Viele unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Notwendigkeiten prallen hier auf engem Raume aufeinander. Und das Geld ist natürlich wie immer knapp.

Dennoch hat sich die Gemeinde in Kooperation mit dem Kreisjugendamt und dem lokalem Jugendforum dazu entschlossen, nun auch die Meinung und das Engagement der Kinder und Jugendlichen abzufragen. Ein Problem, dass offenbar keiner – außer dem Moderator der Veranstaltung, Partizipationsmanager Martin Baumgartner-Heppner – im Vorfeld bedacht hatte: Beim Kirchplatz gibt es so gut wie keinen realplanerischen Spielraum mehr für kreative Spielräume. „Deshalb wollte ich die Moderation dieses Treffens auch eigentlich gar nicht übernehmen“, sagt Baumgartner-Heppner.

„Was in diesem Workshop geleistet werden kann, ist allenfalls ein Bewusstsein für eine Beteiligung zu schaffen, quasi ein Start für eine künftige Beteiligung an anderen Vorhaben.“ Weil es im Grunde genommen nichts Konkretes mehr zu entscheiden gebe, sei beim Projekt „Kirchplatz“ der Zug für die Kinder und Jugendlichen schon abgefahren.

Das mussten auch die heranwachsenden Demokraten im weiteren Verlauf der so vielversprechend begonnenen Werkstatt bald erfahren. Ihrem solide begründeten Wunsch, dass die zum Verweilen einladende Rasenfläche zwischen der Kirche und dem Haus Bonhoeffer erhalten bleiben solle, musste die Gemeinde entgegnen, dass diese Fläche für den Bau eines Wohn-und Geschäftshaus bereits vergeben sei.

Ob dann wenigstens die Kastanienbäume bewahrt würden – so seien zumindest die Jüngeren im Herbst mit dem Aufsammeln der Früchte beschäftigt und es bliebe zumindest ein bisschen Natur im Ortskern übrig? Nein, geht nicht. Schon aus sicherheitsrechtlichen Erwägungen müssten die überwiegend kranken Bäume gefällt werden. Und wenn Neue gepflanzt würden, dann höchstwahrscheinlich Linden – die seien robuster und passten besser zum Erscheinungsbild eines historischen Platzes.

Dermaßen eng gesteckte Gestaltungsvorgaben und die Tatsache, dass die Planung des Platzes bereits so weit voran geschritten ist, vermittelten den meisten Jugendlichen mehr Frust als Lust an kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen.

Und so stand am Ende der Beteiligungswerkstatt die Erkenntnis im Raume, dass Partizipation ein anspruchsvolleres und komplizierteres Unterfangen ist, als sich wohl manch ein Seminarteilnehmer träumen lassen hatte. In der Pflicht, die Strukturen für die Beteiligung der Jugendlichen zu schaffen und diese Strukturen dann auch ehrlich und wirkungsvoll im Gemeindeleben zu verankern – das machte Moderator Martin Baumgartner-Heppner unmissverständlich klar – seien hier die Erwachsenen, nicht die Jugendlichen.

„Dass ein Jugendsenat nicht dauerhaft funktioniert oder ein Kinderparlament nicht genutzt wird, zeigt eben nicht, dass Kinder und Jugendliche kein ernsthaftes und längerfristiges Interesse an politischer Mitgestaltung haben“, rückte er die Dinge mit sozialpädagogischem Nachdruck zurecht: „Das Scheitern dieser Institutionen zeigt vielmehr, dass Kinder und Jugendliche offenbar mit solchen parlamentarischen Strukturen, wie sie von Erwachsenen im politischen Miteinander genutzt werden, noch nicht so viel anfangen können.“

Da müssten dann kompetente Erwachsene ran, die nicht nur guten Willens seien, Kinder und Jugendliche an den Entscheidungen des politischen Lebens teilhaben zu lassen, sondern die auch wüssten, wie so etwas gemacht werde.

Wolfgang Janssen , beim Kreisjugendamt für die Kinder- und Jugendförderung zuständig und Mitinitiator der Beteiligungswerkstatt, war alles in allem dennoch zufrieden. Er baut auf die noch vorhandenen Lücken im Gestaltungskonzept rund um die evangelische Kirche und hofft, dass die Jugendlichen zumindest auf diese verbleibenden Variablen noch Einfluss nehmen können. Die Ergebnisse der „Beteiligungswerkstatt“ sollen auf dem Kürbismarkt am 7. Oktober präsentiert werden.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1168694?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F188%2F702163%2F1238854%2F
Traktoren-Konvoi legt Verkehr in Münster lahm
Landwirte-Protest gegen Argarpaket: Traktoren-Konvoi legt Verkehr in Münster lahm
Nachrichten-Ticker