Serie (Teil 3): Pfarrer Niermann macht einen Fehler
Die Stasi fährt hinterher

Tecklenburger Land -

Am 24. März 1977 fuhr Klemens Niermann nach Berlin. Abends überquerte er mit einem Tagesvisum den Mauer-Checkpoint zu Ostberlin und besuchte Gabriele Gerecke in der Wohnung ihrer Eltern. Schleef hatte ihn angekündigt, telefonisch. Ein Fehler, die Staatssicherheit (Stasi) lauschte mit.

Donnerstag, 08.11.2012, 08:00 Uhr
Serie (Teil 3): Pfarrer Niermann macht einen Fehler: Die Stasi fährt hinterher
Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn schnappt die Falle zu. Pfarrer Klemens Niermann kommt in Haft. Foto: Tom Bayer/Fotolia

Geheime Mission: In der Zeit des Kalten Krieges nutzten katholische Priester oft Ostblock-Reisen, um Geld, Bücher oder Medikamente zu schmuggeln. Klemens Niermann hatte zahlreiche Kontakte in die DDR.

1955 hatte er ein Praktikum im thüringischen Eisenberg absolviert. Damals schummelte er zum Beispiel zwei Glocken der St.-Michael-Kirche über die Grenze: In den Einfuhrpapieren waren sie 65 und 55 Zentimeter hoch. Bei der Ausfahrt zeigte der Pfarrer den Zöllnern zwei kleine Glöckchen. Er hatte zwei Kommata versetzt: auf 6,5 und 5,5 Zentimeter.

Immer ging es gut. Häufig war der Pfarrer aus Ibbenbüren ohne Gepäckkontrolle über die Transitstrecke von Berlin in den Westen gefahren. Nie waren die Geldbündel aufgefallen, die er für Gemeinden in der DDR oder der Tschechoslowakei versteckt hatte. So glaubte er auch im März 1977 durchzukommen, als er die Freundin Einar Schleefs in den Westen holen wollte.

Am 24. März war er nach Berlin gefahren. Abends überquerte er mit einem Tagesvisum den Mauer-Checkpoint zu Ostberlin und besuchte Gabriele Gerecke in der Wohnung ihrer Eltern. Schleef hatte ihn angekündigt, telefonisch. Ein Fehler, die Staatssicherheit ( Stasi ) lauschte mit.

Niermann stand unter Beobachtung, als er am anderen Morgen 12 000 Ostmark von Gereckes Eltern erhielt: der Spargroschen für die Zukunft im Westen. Er versteckte die Summe unter dem Lenkrad seines Audi 60.

Als es ernst wurde mit der Flucht, folgte ihm die Stasi. Minutiös nachzulesen in seiner Akte: „Kontrollbeobachtung 4140/77“. Auf der „Raststätte Michendorf, Berliner Ring, km 91,2“ wird der weiße Audi mit dem Kennzeichen ST-D219 um 17.25 Uhr unter „operative Beobachtung“ gestellt.

Wenig später fährt ein weißer Trabi mit rotem Dach auf den Parkplatz. Auf dem Beifahrersitz Gabriele Gerecke, am Steuer ihr Bruder Jörg. Man geht grußlos aneinander vorbei, kauft Zigaretten im Intershop. Der Wechsel erfolgt rasch, Niermann übernimmt den Koffer von Gerecke, sie folgt ihm im Abstand von zehn, 20 Metern. Dann fahren sie los.

Um 19.30 Uhr, protokolliert der beobachtende Stasi-Oberstleutnant H., fährt der Ibbenbürener Pkw auf einen Parkplatz bei Barleben. Niermann öffnet den Kofferraum, Gerecke kriecht gebückt um das Auto herum, legt sich in den Gepäckraum. Bei der Weiterfahrt, so der Stasi-Bericht, „fuhr der Pkw langsamer, um den Schlaglöchern auf der Autobahn auszuweichen“. 20.03 Uhr passiert das Fahrzeug das „VP-Grenzgebiet“. Dort schnappt die Falle zu.

Klemens Niermann war ein Einzelkämpfer. Konzepte, Pläne, Organisation, taxierten seine einstigen Kollegen Johannes Lammers und Bernhard Honsel in einem Interview, waren nicht seine Sache. Bevor er nach Berlin fuhr, hatte er Pfarrer Leonhard Rüster von St. Michael nur gesagt: „Ich glaube, das wird eine schwierige Sache.“ Mehr nicht.

Nun sitzt in Niermanns Wohnung der Regisseur Einar Schleef und bangt. Zwei Tage hört er nichts von seinem Helfer. Er ist sicher, es musste etwas passiert sein. Schleef ruft im Generalvikariat in Münster an, hilflos und aufgeregt. Wenig später erfahren Ibbenbürens Pfarrer, dass ihr Kollege verhaftet wurde.

Nach der Festnahme am Grenzübergang Marienborn landet Klemens Niermann im Stasi-Untersuchungsgefängnis Neustrelitz. Die Vorwürfe: Versuchte Ausschleusung, ungesetzlicher Grenzübertritt.

►  Lesen Sie in der nächsten Folge: Urteil und Haft

Zur Serie: Am 10. November wird der Platz zwischen Caritas und Rathaus nach ihm benannt: Klemens Niermann, vor fünf Jahren verstorbener Krankenhauspfarrer, hat vielen Menschen geholfen. Er stammte aus Schermbeck, war Berufsschullehrer und Pastor in Ibbenbüren. Vor allem gilt er als Mensch, der handfest gegen Not und Unrecht zu Felde zog. 1977 geriet er in DDR-Haft, weil er versucht hatte, eine junge Frau über die Zonengrenze zu schleusen. Davon handelt diese fünfteilige Serie.

Das Material dazu haben Dechant Martin Weber und andere Freunde Klemens Niermanns zusammengetragen, unter anderem auch die Stasi-Akten zum Fall.

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